Das Ende der „Fab Five“

Finale Staffel „Queer Eye“: Hoffnung ist ohne Ende

Seit der ersten Trump-Regierung versuchte die Makeover-Show, die kulturellen Gräben der USA zu überbrücken. Ausgerechnet jetzt endet sie – und stattet dafür Washington D.C. einen Besuch ab.

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Stand

Von Autor/in Caroline O. Jebens

Kulturell gespaltene USA

Es ging nie darum, Menschen zu heilen, stellt Karamo Brown gleich zu Beginn der neuen Staffel „Queer Eye“ nochmal klar. Es ging darum, „sie da abzuholen, wo sie gerade stehen”: Vom Schicksal gebeutelt, aber wissend, dass sich etwas ändern muss – womit ihnen die „Fab Five“, die fünf fabulösen schwulen Männer, zu denen Karamo gehört, helfen sollen.

Über acht Jahre waren er, Jonathan Van Ness, Antoni Porowski, Bobby Berk (später ersetzt durch Jeremiah Brent) und Tan France mit einem massiven Pickup-Truck durch die Vereinigten Staaten gereist, um ein bisschen Hoffnung und Selbstliebe ins Land zu bringen. Nun geht die erfolgreiche Makeover-Show mit der zehnten Staffel zu Ende. 

Jonathan Van Ness, Tan France, Antoni Porowski, Jeremiah Brent und Karamo Brown.
Jonathan Van Ness, Tan France, Antoni Porowski, Jeremiah Brent und Karamo Brown (v.l.n.r.)

Das Prinzip ist dabei ebenso simpel wie wirkungsvoll: In jeder Episode nehmen sich die Fünf eines Menschen an, der aus dem Gleichgewicht geraten ist, und arbeiten sich über Äußerlichkeiten – Wohnung, Kleidung, Essen – bis zu den tieferliegenden Brüchen vor, die oft weit über Stilfragen hinausreichen.

In mehr als achtzig Folgen trafen die Fünf auf Landsleute aus Georgia, Missouri, Pennsylvania, Texas, Louisiana, Nevada – nicht gerade die Bewohner der liberalen Küstenstadt New York also, wo sich die Originalsendung „Queer Eye For The Straight Guy“ in den Nullerjahren abspielte.

Es ging zwar auch mal nach Japan und Australien (und es gab Spinoff-Shows in Brasilien und in Deutschland, die schnell wieder eingestellt wurden), doch richtete sich die Show im Kern immer an die kulturell tief gespaltenen Vereinigten Staaten. 

Hoffnungsloses Remake in Trump’schen Zeiten?

Bei der Premiere 2018 schien das Land nach zwei Jahren Trump-Regierung schon an einem politischen Tiefpunkt – und „Queer Eye“ wie ein weiteres hoffnungsloses Remake des massenproduzierenden Streaminganbieters Netflix. 

Wie sich herausstellte, sollte der exzellente Cast es aber tatsächlich schaffen, ein paar Hängebrücken über die tiefen Gräben zu werfen: Wenn diese gestylt-reflektierten Männer beispielsweise mit einem Rancher oder Polizisten über persönliche und gesellschaftliche Konflikte ins Gespräch kamen.

Es ist zu einem Witz über die Sendung geworden, dass wohl immer noch Männer Männern Ratschläge geben müssen, damit sie angenommen werden, während meist verzweifelte Ehefrauen die Kandidaten für die Sendung vorschlugen.

Die politische Dimension der Sendung war zwar von vornherein eine kontrolliert produzierte, doch nicht minder erfrischend erschien sie in ihrem Wagemut.

„Wenn es im ursprünglichen ‘Queer Eye’ darum ging, das Unbehagen des konservativen Amerikas zu lindern, geht es hier oft um das Unbehagen des liberalen Amerikas gegenüber dem, was die konservative Identitätspolitik hervorgerufen hat“, rezensierte die „New York Times“ damals.

Freilich hätten sich weder die Showrunner noch der Cast ausdenken können, was für Gräben sie zehn Staffeln später in ihrem Land vorfinden würden, das gleich zweimal einen Realitystar zum Präsidenten wählte.

"Queer Eye"-Kandidat Greg mit Stylist Jonathan Van Ness
"Selfcare" als Schritt zur Selbsthilfe: Kandidat Greg mit Stylist Jonathan Van Ness.

Washington D.C. als Schauplatz

Es wird in der ersten Folge dann auch kein Hehl darum gemacht, dass man gerade deshalb die finale Staffel in Washington D.C. drehte. „Das Land ist in Aufruhr“, sagt Karamo, und es wirkt, als wären sie für einen aussichtslosen Kampf in die Hauptstadt gereist, von wo aus mit neuer Härte regiert wird, um noch ein letztes Mal die Botschaft von Nächstenliebe zu überbringen.

Die fünf Musketiere sind dabei wieder zuständig für dem Präsidenten ferne Bereiche: Antoni fürs Kulinarische, Jeremiah für die Einrichtung, Jonathan für die Körperpflege, Tan für Kleidung und Karamo für das Mentale, euphemistisch mit „culture“ umschrieben. Statt acht gibt es nun fünf Folgen, für jeden eine, in der er sich verabschieden kann. 

Queer Eye: Season 10 | Official Trailer | Netflix

Die Kandidaten dieser „Fab Final Season“ stellen wiederum wieder einen bildhaften Querschnitt der Gesellschaft dar: Da gibt es die entzweiten Schwestern Dorriene und Jo, von denen eine ihre Söhne, die andere ihre Partnerin verloren hat.

Oder Mike, ein ehemaliger Pastor, der vom Glauben abgefallen ist und nun Geschichte an einer Schule unterrichtet, deren Schüler durch Waffengewalt sterben.

Da gibt es Kate, eine alleinerziehende Feuerwehrfrau, deren Haus in einer idyllischen Nachbarschaft abgebrannt ist. Oder Greg, ein Handwerker, der mit seiner kleinen Familie einen alternativen Lebensstil auf einem Segelboot sucht, weil die Mieten so hoch sein. Tourguide Nick wuchs vaterlos auf und trägt nun Sorge für fünf Kinder, indem er in Doppelschichten Fremde über seine großartige Heimatstadt aufklärt. 

Politische Gravitas und erzählerische Balance

Es sind die Geschichten von Schwarzen und Weißen, Frauen und Männern, die erzählt werden. Und ja, nicht alle Schicksale wiegen gleich: Das der über siebzigjährigen Dorriene, einer schwarzen, lesbischen Frau, die trauert, hat sicher mehr politische Gravitas als das von Greg, einem weißer Mann, der gerade 40 geworden ist und vor allem darüber nachdenken muss, wie er sein Geschäft professioneller aufzieht.  

Aber „Queer Eye“ schaffte es stets, erzählerisch eine Balance zu finden. Die Päckchen mögen ungleich groß sein, doch das macht sie für den Einzelnen nicht weniger beschwerlich. In der letzten Staffel versucht man, dem dennoch Rechnung zu tragen: Neben den üblichen inspirierenden Zitaten werden bei den Älteren auch Bilder von Bürgerrechtsprotesten eingeblendet und ein Museum besucht.

Emotionale Siedepunkte finden

Wie die Moderatoren zu den Kandidaten durchdringen, zeigt dabei, was gutes von schlechtem Reality-Fernsehen unterscheidet. Jonathan verpasste nie einen zu krassen Haarschnitt, Tan blieb dem Kleidungsstil der Kandidaten treu. Die Inszenierung wurde stets an einem emotionalen Siedepunkt gehalten, sodass echte Gefühle entstehen konnten, es aber nicht ins Vorführende überkochte. 

Karamo hat dabei die denkbar undankbarste Aufgabe, da die Kandidaten genau wussten, dass mit ihm eine Art Therapiesitzung ansteht. Feuerwehrfrau Kate verweigert sich in der dritten Folge seinen phrasenhaften Ratschlägen – und stellt später in Frage, ob sie den Anforderungen der Show überhaupt gewachsen ist. Beim Schmiedekurs mit Jeremiah übernimmt dann eine ihrer Töchter.

Es ist das einzige Mal in zehn Staffeln, dass man in dieser Form die vierte Wand gebrochen sieht, und Zweifel durchscheinen, was die Kandidaten vorab schon emotional leisten müssen, um sich vor die Kamera zu stellen. Natürlich schaffen es die Fünf dann aber, dass Kate „bereit für Veränderung“ ist, und sich von der Kamera dafür begleiten lässt.

"Queer Eye"-Kandidatin Kate mit ihrer Tochter beim Schmiedekurs.
Bereit für Veränderung? Kandidatin Kate mit ihrer Tochter beim Schmiedekurs.

Kindheitsrezepte und Missstände

Meist war es dabei Antoni, der beim Kochen für die emotionalsten Szenen sorgte. Diesmal ist es der Ananaskuchen aus der Kindheit der Schwestern, der einen unverfänglichen Anknüpfungspunkt bietet, um über die Vergangenheit zu plaudern – und die amerikanischen Missstände, die bis heute nachwirken.

Die Mutter habe diesen Kuchen nur selten gebacken, sagt Dorriene, denn sie habe den Haushalt für eine reiche Familie besorgt, während ihre eigenen Kinder allein blieben. Als queere Schwester bekam sie es mit am meisten ab.

„Man kann es nicht schaffen, über Jahrzehnte eingefahrene Familiendynamiken zu verändern“, erklärt Antoni dem Zuschauer dann, „aber man kann wenigstens einige Räume schaffen, in denen man sich wieder etwas teilt“ – und man fragt sich, ob er das an die gesamte amerikanische Gesellschaft richtet. In der ersten Staffel halfen die Fünf noch dem Polizisten, der eine „MAGA“-Kappe zu Hause hatte. Heute erscheint eine solche Szene vollkommen unmöglich.

Das "Queer Eye"-Team mit Kandidatinnen Jo und Dorriene.
Wie vereint man entzweite Schwestern? Das "Queer Eye"-Team mit Kandidatinnen Jo und Dorriene.

„Amerika, das ist es, womit wir gerade leben!“, tönt Tan, als sie von den erschossenen Schülern erfahren. Plakativ schreibt Mike der Lehrer „Constitution“ auf die Tafel, um später beim Kochen Antoni zu erklären, dass die Schule ein Mikrokosmos Amerikas sei: Die Probleme, mit denen Amerika sich nicht beschäftigt, blieben an den Kindern hängen.

Da helfe nur, wie ein guter Lehrer mit Mitgefühl, Neugier und Empathie zu reagieren, findet Antoni, während der Schwertfisch gewendet wird. Bezeichnenderweise ist es dann das fensterlose Lehrerzimmer, dass Jeremiah so gut es geht neu einrichtet.

Ein bisschen Hoffnung

Dass die Truppe hinter den Kulissen vielleicht selbst nicht alles so lebte, wie sie es predigte, zeigte sich schon als Bobby die Serie vor zwei Jahren wegen eines Ausfalls mit Tan verließ.

Und auch Karamo entzog sich nun Promointerviews für die neue Staffel, weil er sich mit dem Team nicht wohlfühle. Nach fast zehn Jahren zusammen, sagte Antoni, sei man eben wie eine Familie, und die seien, wie wir nun schon wissen, eben kompliziert.

Er habe das Gefühl, dass sie eigentlich wenig erreicht haben, sagt er in seinem Abspann. „Aber ich bin froh, den Leuten ein wenig Hoffnung gebracht zu haben.“ Es mag ein ein schwacher Trost mit Blick auf einen Abgrund sein. Vielleicht liegt darin aber auch die einfache Weisheit: Hoffnung ist ohne Ende. 

Die zehnte Staffel „Queer Eye“ ist ab dem 21. Januar 2026 auf Netflix zu sehen.

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