Unzählige Male adaptiert: „Gefährliche Liebschaften“
Es gibt Stoffe, da kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wann sie endlich mal auserzählt sind. Wenn es dafür ein Ranking gäbe, dann stünden die „Gefährlichen Liebschaften“ mit Sicherheit sehr weit oben.
Roger Vadim verlegte den berühmten Briefroman des französischen Offiziers Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos von 1782 für seine Nouvelle-Vague-Verfilmung in die 1950er-Jahre, Roger Kumble die Geschichte 1999 wiederum für seinen Kultfilm „Eiskalte Engel“ an eine amerikanische Elite-Privatschule.
Klassischer geriet dagegen die bekannteste Adaption von Stephen Frears von 1988: Hier spielen John Malkovich und Glenn Close die Strippenzieher in historischen Kulissen, die in bestem Sinne an Watteau erinnern.
Auch die neue HBO-Serie „The Seduction“ bleibt den Kostümen treu. Dass sie auf dieses umfangreiche literarische und filmhistorische Fundament baut, könnte man bei dem uninspiriert generischen Titel ja beinahe übersehen.
Skandalerfolg am Vorabend der Revolution
Die bisherigen Verfilmungen blieben dem Plot des Romans treu: Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont verstehen sich Libertins – Freigeister, die ihr eigenes Vergnügen und ihre Lust über jegliche gesellschaftliche Moral stellen. Merteuil sinnt auf Rache, denn ihr ehemaliger Liebhaber hat sie für eine andere Frau verlassen.
Als der Verflossene eine jungfräuliche Klosterschülerin heiraten will, soll Valmont diese vor der Heirat umgarnen. Valmont hat aber andere Pläne: Aus Lust an der Eroberung will er die tugendhafte, aber verheiratete Madame de Tourvel erobern.
Bereits kurz nach seiner Veröffentlichung wurde der Roman zum Skandalerfolg. Die Geschichte von Intrigen, unmoralischen Abenteuern und sexuellen Eskapaden in höchsten Adelskreisen traf am Vorabend der Französischen Revolution den Nerv der Leserschaft.
„The Seduction“ – Fast übersehen beim Deutschlandstart von HBO Max
Angesichts der Salve an neuen Serien und Erstveröffentlichung, mit denen sich HBO Max in den ohnehin schon übersatten deutschen Streamingmarkt kämpft, läuft die sechsteilige Miniserie Gefahr, in den Untiefen des reichhaltigen Katalogs zu verschwinden. Es wäre ein Verlust – denn gute Unterhaltung ist „The Seduction“ allemal.
„Gefährliche Liebschaften“ als Hörbuch in der ARD Audiothek, gelesen von Katja Ruppenthal und Richard Hucke.
In ihrer französischen Originalfassung trägt die Serie (von Jean-Baptiste Delafont fürs Fernsehen adaptiert und von Jessica Palud inszeniert) den Titel „Merteuil“ und verrät damit schon: Hier wird Laclos‘ Roman nicht zum x-ten Mal nachempfunden.
Die Handlung konzentriert sich diesmal auf die zügellose Marquise und ihren Weg in der französischen Gesellschaft. Auf dem Bildschirm entfaltet sich dadurch ein frischer Blick auf die Figuren des Literaturklassikers.
Prequel und Neuerzählung zugleich
Die junge Isabelle (Anamaria Vartolomei) brennt mit einem hübschen jungen Adligen durch. Doch bereits am Tag nach der Hochzeitsnacht muss sie erkennen: Denjenigen, mit dem sie sich verheiratet glaubt, gibt es gar nicht. Der Libertin Valmont (Vincent Lacoste) hat sie unter falschem Namen verführt und anschließend im Haus seiner Tante Madame de Rosemonde (Diane Kruger) zurückgelassen.
Madame de Rosemonde, selbst eine erklärte Verfechterin der Libertinage, nimmt sich der jungen Frau an und führt sie ein in die Kreise der hedonistischen Freidenker um den Comte de Gercourt (Lucas Bravo, bekannt aus „Emily in Paris“). Isabelle heiratet den älteren Marquis de Merteuil und nutzt ihre neue Stellung, um sich aus ihrer Opferrolle zu befreien – und sich am Vicomte de Valmont zu rächen.
„The Seduction“ ist dabei Prequel als auch Neuerzählung des Romans in einem. Die ersten Episoden geben dem Intrigenspiel einen neuen Handlungsrahmen, bevor die altbekannte Handlung von Laclos‘ Roman zuletzt aus der Perspektive Merteuils nacherzählt wird.
Treffliches Kammerspiel von Anamaria Vartolomei und Diane Kruger
Die 26-jährige Anamaria Vartolomei hat sich in den letzten Jahren in Filmen wie „Mickey 17“ und „Der Graf von Monte Christo“ als eine der vielversprechendsten Jungschauspielerinnen Frankreichs etabliert. Messerscharf seziert sie die Entwicklung der jungen Marquise hin zur emanzipierten und skrupellosen Ränkeschmiedin des Romans.
Mehr als Valmont macht „The Seduction“ dessen Tante Madame de Rosemonde zum Gegenpol der jungen Marquise. Es ist eine sehenswerte Neuinterpretation der Figur, die im Roman nur als betuliche Unwissende in Erscheinung tritt. Diane Kruger verleiht der Figur Gravitas, Erotik und Intelligenz, die sie in die Nähe der Merteuil von Glenn Close im Film von 1988 rückt.
All das setzt Regisseurin Jessica Palud in schauwertiger Rokoko-Kulisse gekonnt in Szene. Durch gelungene Kameraeinstellungen, stimmungsvolle Farb- und Musiksprache und intime Personenführung gelingt ihr eine gleichzeitig zeitlose und ausgesprochen moderne Erzählung des Stoffes, die trotz Längen in der zweiten Hälfte durchweg sehenswert bleibt.
Wenn es noch eine weitere Verfilmung der „Gefährlichen Liebschaften“ brauchte, dann diesen Mix aus altbekannter Intrige und moderner Neuausdeutung.