Einer der schönsten Filme des deutschen Kinojahres
Der spektakuläre Auftakt, der früh bezaubert, lässt sofort an Alexander Kluges und Jean Luc Godards Montagefilme denken und signalisiert, dass man es hier nicht mit gewöhnlichem deutschem Kino zu tun hat.
Es schwebt wieder ein Engel über Berlin, ganz zu Beginn dieses Films. Es muss der Engel der Geschichte sein, denn er spricht, abwechselnd mit den Stimmen einer Frau und eines kleinen Mädchens, die berühmten Zeilen aus Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“: Dazu sehen wir ein paar zentrale Begriffe in Neonschrift zu einem langsamen Flug über das Berlin von heute.
Ein Auftakt, der das Niveau anzeigt, das dieser mit dem Max-Ophüls-Preis der Filmkritik ausgezeichnete Film nie verlassen wird. Und doch bricht er das Niveau ironisch, setzt Zeichen für Humor und Unterhaltung und gibt seinem Publikum von Anfang an das Gefühl, einem Film sich anvertrauen zu können, der es ruhig und sicher bei der Hand nimmt – so wie ein Engel seine Schutzbefohlenen.
Die linke Aktivistin Tine kehrt nach Bad Kleinen zurück
Gleich darauf kommt der Film auf dem Boden der irdischen Tatsachen an. Denn nun hat alles eine sehr gradlinige, einfache Struktur: Hauptfigur Tine, eine junge Frau und linke Aktivistin, kehrt an den Ort zurück, den sie einst verließ, und wird dort mit ihrer verdrängten Vergangenheit konfrontiert – der Mutter, die einst verschwand; der Familiengeschichte –, wie zugleich mit den Gespenstern der deutschen Geschichte.
Alte Briefe kommen zum Vorschein, Geheimnisse werden gelüftet, Geschichten erzählt. Eine Moorleiche wird gefunden, die Verführer-Figur des mythischen Erlkönigs taucht auf, diverse Szenen spielen auf das filmische und kulturelle Gedächtnis wie auf historische Erinnerungen an.
Darum geht es hier: Um den geschichtlichen Möglichkeitssinn, die lebendigen Widersprüche im Vergangenen und um die Präsenz der Vergangenheit und ihre Möglichkeiten in der Gegenwart. Es geht um die Frage, was eigentlich dabei herauskommt, wenn man zurückblickt.
Drei Zeitebenen: NS-Diktatur, DDR und Nachwendezeit
Dies alles visualisiert die Regisseurin. So spielt „Rote Sterne auf dem Feld“ zu verschiedenen Zeiten: Der NS-Diktatur; der DDR und ihrer Abwicklung nach der Wende 89/90, der RAF, deren Mitglieder zum Teil im Osten neue Identitäten bekamen, sowie der Gegenwart, aus der auf all dies zurückgeblickt wird.
Tine fungiert dabei auch als eine Art Führerin des Publikums durch diese verschiedenen Zeiten. Jedes Mal fragt sie nach Gerechtigkeit und nach den Möglichkeiten der Veränderung.
Kampf um die LPG Glücksstern
Die vielleicht interessanteste Episode ereignet sich zwischen 1990 und 1993: Zur Erbmasse der DDR gehören auch die LPGs. landwirtschaftliche Genossenschaften, die den neuen Herren ein Dorn im Auge sind.
Der Leiter der örtlichen LPG will bei der Abwicklung nicht mitmachen und formiert Widerstand. Warum soll man auch die eigenen Tomatenfelder stilllegen, um dann holländische Tomaten im neuen Westsupermarkt zu kaufen?
Es ist faszinierend, wie souverän und virtuos die Regisseurin Laura Laabs all das stilistisch zusammenhält und es glückt, dass man nie die Orientierung verliert.
Sehr persönlicher Film von Laabs
Regisseurin Laabs wirft erstaunlich sinnvoll Einfälle aus Philosophie und Politik, Geschichte und Gegenwart, Utopie und Zeitgeist zusammen. Das Ergebnis sieht manchmal aus wie „Twin Peaks“, mal wie „Midsommar“, mal wie „Das weiße Band“.
Aber es ist alles andere als ein kühl kalkulierter Pop-Zitate-Strom. Vielmehr ein gradliniger und persönlicher Film, bei dem man spürt, dass er der Regisseurin am Herzen liegt, und so geworden ist, wie er ist, weil er so werden musste.
Trailer: Rote Sterne überm Feld
„Rote Sterne übermm Feld“ ist keineswegs perfekt, und nimmt doch sehr für sich ein, weil er experimentell ist und Dinge ausprobiert, sehr viele neue Einfälle hat, deren meiste gut funktionieren – und weil er anspruchsvoll ist.
Dies ist endlich einmal ein deutscher Film, dem an neuen Ausdrucksformen und einem besseren Kino gelegen ist. Das Ergebnis ist ein wilder, bezaubernder Film – einer der schönsten des deutschen Kinojahres.
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