Über den NS-Kriegsverbrecher auf der Flucht

Harte Kost von Kirill Serebrennikov: „Das Verschwinden des Josef Mengele“ mit August Diehl

Der KZ-Arzt Josef Mengele gehörte zu den meistgesuchtesten NS-Kriegsverbrechern. Vor einem Gericht stand der sogenannte „Todesengel von Auschwitz“ allerdings nie. Bis zu seinem Tod 1979 entzog er sich der Justiz. Von den Jahrzehnten der Flucht quer durch Südamerika erzählt der Kinofilm „Das Verschwinden des Josef Mengele“ von Kirill Serebrennikov im Stil eines Film Noir.

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Von Autor/in Julia Haungs

30 Jahre auf der Flucht

„Der Krieg endet für jeden zu einer anderen Zeit,“ sagt Josef Mengele im Film. Für ihn selbst wird der Zweite Weltkrieg bis zu seinem Tod weitergehen, denn der ehemalige Lagerarzt von Auschwitz ist ein Mann auf der Flucht. Bruchstückhaft folgt ihm der Film von Argentinien über Paraguay bis nach Brasilien, wo er 1979 bei einem Badeunfall stirbt.

„Das Verschwinden des Josef Mengele“
Buenos Aires, 1956. Unter dem Namen Gregor lebt Josef Mengele (August Diehl), der ehemalige KZ-Arzt von Auschwitz, im Exil. ©Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

Mithilfe eines Netzwerks von Sympathisanten, verschiedener Decknamen und finanziert von seiner bayerischen Unternehmerfamilie gelingt es Mengele, sich 30 Jahre in Südamerika vor der Justiz zu verstecken. Sein sozialer Abstieg schreitet allerdings mit jeder Station voran. In der Hütte von Sao Paolo, seiner letzten Behausung, erscheint der Besuch in der Familienvilla 1956 sehr weit weg.

Unbehelligtes Leben für deutsche Kriegsverbrecher in Südamerika

Wie skandalös unbehelligt deutsche Kriegsverbrecher in Südamerika lange leben konnten, das fängt Regisseur und Drehbuchautor Kirill Serebrennikov gut ein. „Das Verschwinden des Josef Mengele“ inszeniert er als atmosphärisch dichten schwarz-weiß-Film im Stil des Film Noir.

Umso verstörender sind die wenigen Stellen, an denen er Farbe verwendet – ausgerechnet für die Erinnerungen an Auschwitz. Durch Mengeles Augen betrachtet, verwandelt sich die Lagerhölle in ein sonnendurchflutetes Liebesidyll mit Badesee, das sehr an Jonathan Glazers „The Zone of Interest“ erinnert.

August Diehl entwirft das Psychogramm eines Unbelehrbaren

Zum Einsatz bringt Serebrennikov diese nostalgischen Erinnerungen in dem Moment, als Mengeles Sohn Rolf den Vater 1977 in Sao Paulo besucht und von ihm Antworten zu dessen Rolle in Auschwitz fordert.

„Das Verschwinden des Josef Mengele“
Der Film folgt Mengeles Fluchtweg von Argentinien über Paraguay bis nach Brasilien. Er ist gealtert, einsam, krank. Sein erwachsener Sohn Rolf (Max Bretschneider) spürt ihn auf und fordert von ihm Antworten zu seiner Rolle in Auschwitz. ©Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

August Diehl in der Hauptrolle bietet eine grandiose Performance. Über den Zeitraum von drei Jahrzehnten entwirft er das Psychogramm eines Unbelehrbaren, der sich keiner Schuld bewusst ist.

Eine mediokre Gestalt, besessen von der Idee einer Herrenrasse, zu der er sich selbstverständlich zählt, anders als all die anderen um ihm herum. Mal aufbrausend, mal weinerlich gibt er sich ganz dem Selbstmitleid hin. 

Serebrennikov mutet dem Publikum harte Kost zu

Dass Mengeles Erinnerung an Auschwitz grotesk verzerrt ist, illustriert Serebrennikov in einer wie ein privater Amateurfilm gestalteten Sequenz, die auch das Verdrängte zeigt: zum Beispiel wie er lachend die Gefangenen ins Gas schickt. Oder wie er seine Menschenexperimente stolz vorführt und erklärt.

„Das Verschwinden des Josef Mengele“
Unterstützt durch ein Netzwerk aus Sympathisanten und finanziert von seiner Familie, gelingt es Josef Mengele über Jahre hinweg, der internationalen Justiz zu entkommen. ©Lupa Film, CG Cinema, Hype Studios

Es ist harte Kost, die Serebrennikov dem Publikum zumutet. Und wie bei jedem Film, der das Grauen der Konzentrationslager nachinszeniert, stellt sich die Frage, ob diese Fiktionalisierung statthaft ist.

Durch die doppelte Brechung als Film im Film wirkt es in „Das Verschwinden des Josef Mengele“ auf jeden Fall nicht naiv oder geschmacklos, sondern wie eine sehr bewusste Setzung. Der Film ist ein starkes Statement gegen das Verdrängen. Er wirft die Frage auf, ob es Gesellschaften heutigen Kriegsverbrechern immer noch so leicht machen würden, ihrer Strafe zu entkommen.  

Trailer „Das Verschwinden des Josef Mengele“ ab 23.10. im Kino

Das Verschwinden des Josef Mengele | TRAILER

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Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur