Hilfe für die, die es schwerer haben
Dating kann für Menschen im Autismus-Spektrum besondere Herausforderungen mit sich bringen, etwa bei den Teilnehmenden von „Love on the Spectrum“: Sie alle haben Schwierigkeiten, potenzielle Partner und Partnerinnen kennenzulernen, wünschen sich aber eine Beziehung.
Hier setzt „Love on the Spectrum” an, also „Liebe im Spektrum”. Der Name spielt darauf an, dass Autismus sich sehr unterschiedlich zeigen kann und deshalb auch von der „Autismus-Spektrum-Störung“ gesprochen wird. Betroffene bezeichnen sich daher oft selbst als „auf dem Spektrum“.
„Love on the Spectrum" setzt auf Coaches
Je nach Ausprägung kann sozialen Interaktionen für manche Menschen im Autismus-Spektrum herausfordernd sein – etwa weil Tonfall, Mimik oder Intentionen anders wahrgenommen werden. Für einige kann es deshalb schwierig sein, enge Freundschaften oder romantische Beziehungen aufzubauen.
Bei „Love on the Spectrum“ werden den Teilnehmenden potentielle Partner:innen vermittelt, mit denen sie dann – von der Kamera begleitet – auf Dates gehen. Gleichzeitig setzt das Format Coaches ein, die die Teilnehmenden in ihren Problemfeldern unterstützen sollen.
Wie „Love on the Spectrum“ seine Teilnehmer zu Stars macht
So begleitete die Show etwa Teilnehmerin Abbey von ihrer anfänglichen Unsicherheit darüber, wie man überhaupt Gespräche führt, bis hin zu einem sehr erfolgreichen Date, das zu einer mehrjährigen Beziehung führte. Als Abbey und David, mittlerweile zum Kult-Paar geworden, kürzlich ihre Trennung bekannt gaben, war die Anteilnahme der Fans groß.
In der mittlerweile vierten Staffel, vor wenigen Wochen veröffentlicht wurde, ist Teilnehmer Logan ein großer Sympathieträger. Ausschnitte aus seiner Suche nach Liebe vor der Kamera gingen viral – etwa, wie Logan sich auf die Suche nach einem guten Outfit für sein Date macht und dabei klare Vorstellungen davon hat, was cool ist und was nicht.
Warum viele Fans die Netflix-Serie feiern
Viele Fans schwärmen von der ungefilterten, offenen Art der Teilnehmenden. Immer wieder fällt der Satz, jeder Mensch habe Liebe verdient. Auch sprechen sowohl Autist:innen selbst als deren Angehörige immer wieder davon, dass die Show einen großen Beitrag für Sichtbarkeit und Verständnis leiste.
Gleichzeitig wächst die Kritik an dem Format. Denn neben der Chance auf Liebe, die die Teilnehmenden bekommen, präsentieren sie gleichzeitig einem Millionenpublikum intimste Momente zur Unterhaltung.
Kritik an „Love on the Spectrum“: Wird Autismus zur Unterhaltung?
Zwar ist dies auch bei anderen Dating- und Realityshows der Fall. Bei „Love on the Spectrum“ treffen allerdings Faktoren aufeinander, die manchen Beobachtern Sorgen bereiten. Zum einen zweifeln manche daran, ob die Teilnehmenden – die eben oft wegen ihrer sozialen Schwierigkeiten in die Show kommen - einschätzen können, was es bedeutet, Realitystar zu werden.
Andere fürchten, dass der Cast stellvertretend für alle Autistinnen und Autisten wahrgenommen werden könnte. Was hier gezeigt wird, hat also einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung von Autismus und könnte eher zur Verstärkung von Stereotypen beitragen.
Auch ARD-Doku macht Autismus und Dating zum Thema
Ein Phänomen, das auch die allgemeine Berichterstattung rund um Menschen mit Autismus betrifft, wie ein Social Media-Post der ARD Mediathek zur Doku „Leben im Spektrum“ zeigt. Dazu kritisiert eine Userin den Beitrag folgendermaßen:
„Ich weiß, es ist verlockend, uns AutistInnen als putzige, kauzige Behinderung darzustellen – aber wir sind mehr als das Klischee von Sheldon Cooper ohne Sozialkompetenz. Wir sind keine Feelgood-Story für euer Entertainment. Wir sind eine vielfältige Community, die absolut am Absaufen ist.“
Genau diese infantilisierende Haltung zeigt sich auch in „Love on the Spectrum“, finden einige User. Sie kritisieren etwa, dass die Show etwa durch den Einsatz bestimmter Musik und eines kindlichen Tonfalls des Sprechers die gedrehten Szenen ins Lächerliche ziehe.
Vorwürfe gegen die Produzenten: Werden Szenen manipuliert?
Andere gehen noch weiter und werfen den Produzenten vor, Inhalte zu verfälschen. So führt Youtuber Remy Anders etwa einen Ausschnitt der Show an, der scheinbar ein unangenehmes Schweigen bei einem Date der Teilnehmer zeigt. Bei genauerer Betrachtung könne man jedoch erkennen, dass hier lediglich Reaktionsshots aneinandergeschnitten worden seien.
Eine Beobachtung, die Frage aufwirft, ob es den Produzenten der Show nicht doch eher darum geht, ihre Teilnehmenden vorzuführen – so wirft es zumindest diese Userin den Produzenten vor: „Ich habe den Eindruck, dass diese Show für neurotypische Menschen gemacht wurde, um Menschen mit Autismus zu begaffen, fast wie Kuriositäten in einer Freakshow“.
Eine andere schreibt: „Die Show ist voller Leute, die über den Cast reden, als ob sie Kinder wären oder zu einer anderen Spezies gehören würden“. Außerdem ziele das Casting auf eine bestimmte Form von Autismus ab, wodurch andere Ausprägungen von Autismus als befremdlich wahrgenommen würden: „Da war eine Frau, die gesellig war und [ihren Autismus] mehr maskiert hat. Einige Leute fanden das merkwürdig und haben sie „fake” genannt.”
Sichtbarkeit oder Klischees? Die Debatte um Autismus im Reality-TV
Auch den viel gelobten Beitrag zu mehr Verständnis und Akzeptanz von Autismus in der Gesellschaft stellen manche infrage. Ein User etwa berichtet, dass Menschen in seinem Umfeld die Show zwar gesehen hätten und die Teilnehmenden „süß“ fanden – ihn wegen seines Autismus aber gleichzeitig mobbten.
Je tiefer man in die Diskussionen um die Show einsteigt, desto differenzierter wird die Debatte. Die US-Variante sei „schlimmer“ als die ursprüngliche Aussie-Variante, schreiben manche. Fans der US-Show wiederum sagen, Kritikpunkte wie überdrehte Musik gehörten zu Reality-Formaten in den USA einfach dazu.
Kontroverse Thesen zu Autismus und Impfungen
Die Kritik geht auch an den Teilnehmenden nicht vorbei. Viele verteidigen die Show und weisen den Vorwurf zurück, von den Produzenten respektlos behandelt worden zu sein. Gleichzeitig verbreiten einige von ihnen problematische Thesen – etwa die längst widerlegte Verschwörungserzählung, Autismus werde durch Impfungen ausgelöst.
Die Diskussionen zeigen, wie sensibel die Frage nach der Darstellung von Autismus in den Medien ist. Auch Menschen im Autismus-Spektrum selbst sind sich oft uneinig darüber, was eine faire und respektvolle Repräsentation ausmacht – und ob „Love on the Spectrum“ diesem Anspruch gerecht wird.
Klar ist jedoch: Trotz aller Aufklärungsansprüche bleibt die Serie vor allem ein Unterhaltungsformat, das von Emotionen und Nähe lebt.