Ein Weltverzauberer

Filmemacher David Attenborough wird 100

Er hat das Genre der Naturdoku geprägt wie kein anderer: Am Freitag wird Sir David Attenborough 100 Jahre alt. Sein Ton wurde in den letzten Jahren düsterer, seine Popularität ist ungebrochen.

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Von Autor/in Tobias Stosiek

Attenborough führte gelbe Tennisbälle ein

Ohne ihn wären Tennisbälle immer noch weiß. Das sagt viel über Sir David Attenborough. In den späten Sechzigern wurde er Programmdirektor bei der BBC – pünktlich zur Einführung des Farbfernsehens. Das hatte jedoch seine Tücken, vor allem für das wichtigste Sportevent, das die BBC alljährlich übertrug: das Tennisturnier in Wimbledon.

Die weißen Bälle waren für die Fernsehzuschauer schwer zu sehen. Zumal der Rasen während des Spiels grün abfärbte. Deshalb drängte Attenborough auf die Einführung neongelber Bälle, die wenige Jahre später auch vom Tennisweltverband anerkannt wurden.

Mehr Erzähler als Naturwissenschaftler

Ein strenger Dokumentarist war Attenborough also nie. Wo die Wirklichkeit ins Fernsehen findet, muss sie sich dessen Gesetzen unterordnen, um auch für das Publikum wirklich zu werden – so könnte man das Credo beschreiben, das Attenborough einen Platz in den Geschichtsbüchern des Tennissports gesichert hat. Und das ist auch die Haltung, die aus ihm den wahrscheinlich einflussreichsten Naturfilmer des 20. und 21. Jahrhunderts gemacht hat.

David Attenborough mit Erdmännchen bei einem Dreh im Jahr 2002.
David Attenborough mit einem Erdmännchen bei einem Dreh im Jahr 2002.

Die Welt ist in Attenboroughs Filmen nie nur Welt der Naturwissenschaft. Genauso sehr ist sie eine erzählte Welt, man könnte vielleicht sogar sagen, eine verzauberte Welt. Eine Welt der Wunder, voller kreatürlicher Intentionen, voller Gefahr und Gefühl, ein Naturdrama, das sich jenseits unserer Blicke vollzieht, aber hier einmal exklusiv für uns aufgedeckt wird, beglaubigt durch das dringliche Fisteln von Attenboroughs Off-Stimme, deren nasales Britisch dem Geschehen Shakespeare’sche Gravitas verleiht.

Auf Safari mit dem Londoner Zoo

Als Attenborough in den Fünfzigern bei der BBC anfing, spielten Tiere im Fernsehen vor allem die Rolle kurioser Studiogäste. Er allerdings wollte sie in ihrem natürlichen Umfeld zeigen. In der Serie „Zoo Quest“ (1954-63) begleitete Attenborough Mitarbeiter des Londoner Zoos bei der Tierbeschaffung in Afrika, Südamerika und Asien.

David Attenborough mit Tochter Susan im Jahr 1957
David Attenborough mit seiner Tochter Susan im Jahr 1957.

Erzählerisch eine dankbare Rahmung, immerhin stiftete die Jagd einen natürlichen Spannungsbogen. Allerdings stieß diese Praxis schon damals zunehmend auf die Kritik von Umweltschützern. Anfang der Sechziger stellte Attenborough die Serie deshalb ein.

Nach Jahren in den Führungsetagen der BBC – Attenborough wurde sogar als Generaldirektor gehandelt –, wurde er dann Ende der Siebziger mit der Reihe „Life on Earth“ (1979) weltberühmt, gefolgt von „The Living Planet“ (1984) und „The Trials of Life“ (1990).

Die „Life on Earth“-Reihe macht Attenborough weltberühmt

Eine Produktion von gigantischem Ausmaß. Über 500 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren an ihr beteiligt. Gedreht wird an über 100 Schauplätzen weltweit. Und die Kameraleute sitzen zum Teil hunderte Stunden hinter der Linse, um den einen Moment einzufangen, den Attenborough für sein Storytelling braucht. Denn der will vor allem Geschichten erzählen, Empathie erzeugen.

David Attenborough
Empathie mit dem Tier: David Attenborough mit einer Motte (2007).

Bei ihm wird sogar die Fliege zur tragischen Figur, zur Mutter, die am Verlust ihres Nachwuchses zerbricht. Man kann das für hemmungslosen Anthropozentrismus halten, mehr Inszenierung als Dokumentation. Die Wirkung seiner Filme gibt Attenborough allerdings Recht.

Mehr Zauberer als Kassandra

In den Siebziger- und Achtzigerjahren entfaltet sein Ansatz seine volle Wucht. Vielleicht auch deshalb, weil er sich so auffällig vom Katastrophismus der Umweltbewegung unterscheidet. Er habe immer daran geglaubt, dass man dem Publikum dann am ehesten etwas mitgeben könne, wenn man ihm Freude bereite, sagte Attenborough einmal in einem Interview. Eine Kassandra wollte er nicht sein, eher schon: David, der Zauberer.

Und auch wenn sein Tonfall in den letzten Jahren düsterer geworden ist, man kann diesen Wunsch noch immer erkennen in den überwältigenden, bildgewaltigen Naturdokus, denen Attenborough bis heute seine Stimme leiht.

Frisch auf Netflix zu sehen ist zum Beispiel eine von ihm erzählte Dokumentation über Gorillas („Eine Gorilla-Story“). Bei der BBC läuft außerdem eine neue Reihe, die sich dem räuberischen Leben von Hauskatzen widmet („Secret Garden“). Seine Popularität ist also ungebrochen.

Attenborough, der Rekordjäger

Ehrendoktortitel sammelt Attenborough wie Mückenstiche in einem Sumpfgebiet. Ein Forschungsschiff trägt seinen Namen, dazu mehrere Tierarten. Einer Umfrage von 2020 zufolge, war er der am meisten bewunderte Mann Großbritanniens. Nur die Queen erzielte damals ähnliche Zustimmungswerte.

David Attenborough und die Queen im Jahr 2012.
Ähnlich populär: David Attenborough und die Queen im Jahr 2012.

Noch im selben Jahr durfte er sich außerdem im Guinness-Buch der Rekorde verewigen, als Instagram-Nutzer, der am schnellsten eine Million Follower gesammelt hatte. Gerade vier Stunden und 44 Minuten brauchte er dafür. Über eine halbe Stunde kürzer als Jennifer Aniston. Eine Woche später schaltete Attenborough den Account allerdings wieder auf inaktiv. Die Kurzform ist nichts für diesen epischen Erzähler.

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Tobias Stosiek