Gezeichnete und geknetete Meisterwerke

Neun Animationsfilme, die jeder Cineast gesehen haben muss

Landläufig gelten Animationsfilme als Unterhaltung für Kinder, dabei bietet das Genre eine Vielfalt von visuellen Erzählmöglichkeiten, die vor allem dort zum Tragen kommt, wo das Darstellbare im Realfilm an seine Grenzen stößt. Neun künstlerisch wertvolle Animationsfilme, die jeder Cineast und jede Cineastin gesehen haben sollte.  

Teilen

Stand

Von Autor/in Dominic Konrad

Memoiren einer Schnecke (2024)

Memoiren einer Schnecke – Adam Elliot (2024)
Für Grace (links) und ihren Zwillingsbruder Gilbert ist die Zeit mit ihrem Vater nur von kurzer Dauer. Der querschnittsgelähmte und alkoholkranke Künstler erstickt im Schlaf.

Grace Pudel ist eine Frau, die sich immer wieder am liebsten in ihr Schneckenhaus verkriechen würde. Ihr Leben war alles andere als einfach: Ihre Mutter stirbt im Kindbett, ihr Vater ist querschnittsgelähmt und alkoholsüchtig, andere Kinder hänseln sie, weil sie mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren wird.

Als der Vater stirbt, werden sie und ihr Zwillingsbruder jäh auseinandergerissen. Grace schottet sich ab: Sie flüchtet sich in Romanwelten und entwickelt eine exzessive Sammelleidenschaft für alles, was mit Schnecken zu tun hat.

Beim renommierten Animationsfilmfestival in Annecy wurde der Film des australischen Regisseurs Adam Elliot mit dem Preis für den besten Langfilm ausgezeichnet. Elliot zeichnet eine Welt, die gleichzeitig enorm bedrückend ist, aber immer wieder mit schwarzem Humor und ihren schrulligen und einfühlsam ausgestalteten Figuren das Hoffen auf bessere Zeiten neu lehrt.

Ab 24. Juli 2025 im Kino.

MEMOIREN EINER SCHNECKE | Trailer (deutsch)

Flow (2024)

Flow - Gints Zilbalodis (2024)
Eine Katze überlebt gemeinsam mit anderen Tieren auf einem Boot eine Sintflut.

Es war in Lettland eine Sensation, als mit „Flow“ 2025 erstmals ein Film aus dem baltischen Staat für einen Oscar nominiert wurde – und schließlich auch die Trophäe für den besten Animationsfilm mit nach Hause nahm.

In einer von den Menschen verlassenen Welt wird eine Katze von einer plötzlich hereinbrechenden Flut überrascht. Schnell stehen der Wald und alle umliegenden Gebiete unter Wasser. Die Katze kann sich mit einem Labrador, einem Lemur, einem Capybara und einem Sekretärvogel auf ein Boot retten. Aus den so unterschiedlichen Tieren wird eine Überlebensgemeinschaft.

Worte braucht es keine in dieser Welt, die Regisseur Gints Zilbalodis entworfen hat. Und dennoch gelingt es „Flow“, nicht weniger zu beschreiben, als den Kreislauf des Lebens in einer Welt, die von der Sintflut ausgelöscht wurde.

Auf diversen Plattformen zum Leihen und Kaufen verfügbar.

Loving Vincent (2017)

Loving Vincent – Dorota Kobiela, Hugh Welchman (2017)
Warum starb Vincent van Gogh? Dieser Frage versucht der junge Armand Roulin auf den Grund zu gehen.

Wie starb der große Maler Vincent van Gogh? Dieser Frage geht das Ehepaar und Regie-Duo Dorota Kobiela und Hugh Welchman in ihrer animierten Künstlerbiografie „Loving Vincent“ nach.

Das Besondere: Der Film versucht nicht nur, die Vita des berühmten Post-Impressionisten nachzuerzählen, wie es auch ein klassisches Biopic tun könnte. Van Goghs Bilder vom berühmten Selbstbildnis bis hin zur Sternennacht und den provenzalischen Landschaften werden zum Schauplatz der Handlung.

„Loving Vincent“ ist nicht nur eine bildgewaltige Hommage an das Werk van Goghs, er setzt auch neue Standards, wie mit moderner Animationstechnik Kunst in Film übersetzt werden kann.

Auf diversen Plattformen zum Leihen und Kaufen verfügbar.

Loving Vincent | Offizieller Trailer Deutsch German HD

Die letzten Glühwürmchen (1988)

Die letzten Glühwürmchen – Isao Takahata (1988)
In den düstersten Zeiten des Krieges versucht der 14-jährige Seita für seine kleine Schwester Setsuko eine heile Parallelwelt zu erschaffen. Doch schnell werden sie von der Realität eiskalt eingeholt.

Japan in der Endphase des Zweiten Weltkriegs: Bei einem Bombenangriff verlieren der 14-jährige Seita und vierjährige seine Schwester Setsuko ihre Mutter und ihr Zuhause. Ihre Tante lässt sie spüren, dass sie ihr zur Last fallen. So beschließt Seita, mit seiner Schwester in einer Höhle Unterschlupf zu suchen. Als die Vorräte knapp werden, versucht der Junge panisch, seine Schwester am Leben zu erhalten.

„Die letzten Glühwürmchen“ war der erste Film, den Regisseur Isao Takahata (1935 – 2018) für das renommierte Animationsstudio Ghibli verantwortete. Takahata verarbeitete in dem Film, der auf einer Kurzgeschichte von Akiyuki Nosaka basiert, auch seine eigene Erinnerung an den Krieg und die Bombardierung der Stadt Okayama.

Bis heute zählt Takahatas Film zu den eindrücklichsten filmischen Beschreibungen des Kriegsleids von Kindern – und ist nichts für Menschen, die auf ein Happy End hoffen wollen.

U.a. auf Netflix zum Streamen verfügbar.

Die letzten Glühwürmchen (Anime) -- Trailer

Guillermo del Toros Pinocchio (2022)

Guillermo del Toros Pinocchio – Guillermo del Toro, Mark Gustafson (2022)
Im Gegensatz zum liebevollen Bastler bei Disney ist Pinocchios Vater Geppetto in Guillermo del Toros Film ein gebrochener und von Trauer zerfressener Mann.

Denkt man an Märchen im Animationsfilm, geht der erste Gedanke wohl unweigerlich an Walt Disney. Doch auch wenn dieser mit „Pinocchio“ im Jahr 1940 unweigerlich Filmgeschichte schrieb, hat der spanische Regisseur Guillermo del Toro eine nicht minder bedeutende Neufassung der Geschichte um die sprechende Holzpuppe geschaffen.

Del Torro versetzt den Roman von Carlo Collodi ins faschistische Italien der 1930er-Jahre. Der Schreiner Geppetto hat seinen Sohn bei einem Bombenhagel im zweiten Weltkrieg verloren. Aus einem Pinienbaum, der auf dem Grab des Kindes wächst, fertigt der alkoholkranke und verzweifelte Mann die Puppe, die zum Leben erwacht.

Der kantig-groteske Stil des Stop-Motion-Films und die Handlungstiefe, die der Film durch den unterschwellig omnipräsenten Benito Mussolini erhält, machen den Film von Guillermo del Toro und Mark Gustafson zu einem eindrücklichen Filmerlebnis, das seinesgleichen sucht.

Auf Netflix zum Streamen verfügbar.

Guillermo del Toros Pinocchio | Offizieller Trailer | Netflix

Tokyo Godfathers (2003)

Tokyo Godfathers – Satoshi Kon (2003)
Was tun mit einem Baby, das man zwischen Müllsäcken findet? Mit dieser Frage sind die drei Obdachlosen Gin, Miyuki und Hana am Heiligabend konfrontiert.

Drei Obdachlose stehen im Zentrum von Satoshi Kons Weihnachtsfilm „Tokyo Godfathers“: Gin ist Alkoholiker, Hana eine frühere Drag Queen und Miyuki von zu Hause ausgerissen. Am Heiligabend finden sie zwischen Müllsäcken ein Findelkind. Die Suche nach den Eltern wird für alle drei auch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Bis heute gelten die Filme von Satoshi Kon, der 2010 im Alter von 46 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs starb, als künstlerische Meilensteine in der japanischen Animation. Immer wieder verwob der Regisseur die Härte der japanischen Gesellschaft mit surrealen Traumwelten und tiefgründigen psychologischen Fragen.

In „Tokyo Godfathers“ stellte er drei Ausgestoßene der japanischen Gesellschaft in den Mittelpunkt und porträtiert sie als nahbare Verlierer der Gesellschaft – mit Wärme, Empathie und einer gehörigen Portion Humor.

Auf diversen Plattformen zum Leihen und Kaufen verfügbar.

Tokyo Godfathers [Official Subtitled Trailer, GKIDS] - MARCH 9 & 11

Isle of Dogs – Ataris Reise (2018)

Isle of Dogs – Ataris Reise – Wes Anderson (2018)
Hunde, hört die Signale: Bei Wes Anderson üben die verbannten Hunde den Aufstand gegen ihre menschlichen Unterdrücker.

Nach dem Ausbruch einer Hundegrippe-Pandemie werden alle Hunde Japans auf Geheiß eines katzenliebenden Clans auf eine Insel aus Müll verbannt. Dort leben die Tiere unter extrem schwierigen Bedingungen: Es gibt nicht genug Futter, sie werden aggressiv.

Atari, der Sohn eines korrupten Bürgermeisters, macht sich auf den Weg zur Insel, um seinen Hund Spot wiederzufinden. Dort freundet er sich mit einem Rudel von Hunden an, angeführt vom Rüden Chief. Gemeinsam versuchen sie, die Flucht von der Insel der Hunde zu ermöglichen.

Cineasten ist die besondere Ästhetik im Kino des texanischen Regisseurs Wes Anderson bestens vertraut. Mit Filmen wie „Die Royal Tenenbaums“, „Moonrise Kingdom“ und „Grand Budapest Hotel“ setzte er in Sachen Filmsprache neue Standards. Seine Animationsfilme, insbesondere „Isle of Dogs“ stehen seinen anderen Werken diesbezüglich in nichts nach.

U.a. auf Disney+ zum Streamen verfügbar.

Isle of Dogs: Ataris Reise | Offizieller Trailer 1 | German Deutsch HD (2018)

Der Brotverdiener (2017)

Der Brotverdiener – Nora Twomey (2017)
Was tun, wenn man als Mädchen im Taliban-geführten Afghanistan auf sich allein gestellt ist? Die junge Parvana kämpft um das Überleben ihrer Familie.

Kabul im Jahr 2001: Die 11-jährige Parvana lebt mit ihrer Familie unter dem Terrorregime der Taliban. Als ihr Vater verhaftet wird, steht die Familie vor dem Ruin, denn ohne männliche Begleitung dürfen sich Frauen nicht in der Öffentlichkeit bewegen.

Parvana schneidet sich die Haare ab und wird als Kael zum männlichen Oberhaupt und Brotverdiener der Familie – und stellt fest, dass sie nicht die Einzige ist, die in Männerkleidern das Frauenverbot der Taliban umgeht.

Die irische Animationskünstlerin Nora Twomey hat mit „Das Geheimnis der Kells“ und „Wolfwalkers“ ihren unverwechselbaren Stil etabliert. „Der Brotverdiener“ zeichnet das Bild einer Kindheit in einem unterdrückten Land und schafft den Spagat zwischen erzählerischer Leichtigkeit und emotionaler Tiefe mit Bravour.

Auf diversen Plattformen zum Leihen und Kaufen verfügbar.

Der Brotverdiener Trailer Deutsch German HD Animationsfilm

Waltz with Bashir (2008)

Waltz with Bashir – Ari Folman (2008)
Kriegsalltag in eindrücklich animierten Bildern: Autor Ari Folman lässt seine persönlichen Eindrücke aus dem ersten Libanonkrieg wiedererstehen.

Wenn der Kriegsgräuel zu schlimm wird, bietet die Animation eine Möglichkeit, das Unzeigbare im Gezeichneten zu abstrahieren. Kaum ein Film hat dies zu ähnlicher Perfektion gebracht wie Ari Folmans animierter Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“.

Der israelische Regisseur verarbeitete im Film seine Erinnerungen an den ersten Libanonkrieg, den Folman während seinem Militärdienst als Mitglied der israelischen Armee erlebte. Langsam kehren im Film die verdrängten Erinnerungen an Kriegsereignisse und Schauplätze zurück, darunter das Massaker an palästinensischen Flüchtlingen in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila.

Folmans Film verbindet Zeitzeugen-Interviews mit greifbarer Animation und surrealen Traumsequenzen und schafft es so, die fragmentarische Erinnerung seines Protagonisten in Bildern einzufangen, die einen noch lange nach Ende des Films beschäftigen.

Auf DVD erhältlich.

Zwischen Elio und Ed Euromaus Das sind die Trickfilm-Highlights der kommenden Monate

Das Trickfilmfestival in Stuttgart geht zu Ende – ein idealer Moment, um auf die Animationsfilme zu schauen, die in absehbarer Zeit im Kino zu sehen sein werden.

Neuer Film „Der phönizische Meisterstreich“ Warum Wes Anderson mehr ist als nur ein Regisseur

Wes Anderson hat Vintage-Ästhetik zu seiner Handschrift gemacht. Auch sein neuer Film „Der phönizische Meisterstreich“ bildet da keine Ausnahme. Warum Wes Anderson auch eine Stilikone ist.

Internationales Trickfilm-Festival Stuttgart Alter neuer Trend: Sieben Klassiker in Stop-Motion-Technik

Bereits 1895 wurden Animationsfilme gedreht. Bis heute liegen sie im Trend. Wie beim diesjährigen Stuttgarter Trickfilmfestival dreht sich bei uns alles um die Stop-Motion-Technik.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Anime beim Streaming-Giganten Kult-Klassiker für Manga-Fans: „The Rose of Versailles” auf Netflix

Anime und Manga erfreuen sich weltweit enormer Popularität. Auch große Streaming-Anbieter wie Netflix interessieren sich zunehmend für Zeichentrick aus Fernost. Mit „The Rose of Versailles“ zeigt Netflix nun einen Genre-Klassiker in Neuverfilmung. Der mehr als 50 Jahre alten Manga-Vorlage wird eine große Rolle für das positive Frankreich-Bild der Japaner zugesprochen.

SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Dominic Konrad
Dominic Konrad, Autor und Redakteur bei SWR Kultur und SWR Musik