Die Geburt des modernen Kinos

„Nouvelle Vague“: Wie Jean-Luc Godard das Filmemachen neu erfand

Mit „Außer Atem“ hat Jean-Luc Godard 1960 den Grundstein für das moderne Kino gelegt. In „Nouvelle Vague“ dokumentiert Regisseur Richard Linklater die chaotischen Dreharbeiten des Films, an dessen Erfolg zunächst wohl nur Godard selbst geglaubt hatte.

Teilen

Stand

Von Autor/in Julia Haungs

Seitenwechsel eines Filmkritikers

Paris 1959. Der scharfzüngige Filmkritiker und angehende Regisseur Jean-Luc Godard hat zwar noch keinen langen Spielfilm gemacht, dafür aber ein ganzes Notizbuch voller Ideen. Und eine genaue Vorstellung, wovon sein erster Film handeln soll, hat der 28-Jährige auch.

„Nouvelle Vague“ von Richard Linklater
Paris, Ende der 1950er-Jahre: Der 28-jährige Jean-Luc Godard ( Guillaume Marbeck) hat als Einziger in seinem Freundeskreis noch keinen eigenen Film gemacht.

Jean-Luc Godard tritt auf wie ein Popstar

Basierend auf einer Zeitungsmeldung will Godard die Liebesgeschichte zwischen einem Kleinkriminellen auf der Flucht und einer amerikanischen Studentin erzählen.

Das Geld dafür schwätzt er dem Produzenten Georges de Beauregard ab. Diesem gefällt der selbstbewusste Godard, der, mit Sonnenbrille drinnen wie draußen, auftritt wie ein Popstar.

„Nouvelle Vague“ von Richard Linklater
Mit einem verrückten Team, einem amerikanischen Filmstar (Zoey Deutch als Jean Seberg) und wenig Geld gelingt Jean-Luc Godard unter abenteuerlichen Umständen ein Meisterwerk, das in die Filmgeschichte eingehen und das Kino für immer verändern wird.

Anarchische Dreharbeiten

Die Dreharbeiten zu Godards Erstling „Außer Atem“ werden den Produzenten zur Verzweiflung treiben, genauso wie den Rest des Teams.

Mit spürbarer Freude an Godards Anarchismus erzählt Regisseur Richard Linklater, wie sich dieser an keinerlei Regeln, Abläufe und Absprachen eines Filmdrehs hält.

Das Drehbuch spielte eine untergeordnete Rolle

Das Drehbuch seines Freunds François Truffaut wirft er sofort über Bord. Stattdessen sagt er Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo ihre Dialoge in den Szenen spontan vor.

Obwohl Godard nur 20 Drehtage und ein Minibudget hat, macht er oft nach zwei Stunden Schluss oder bleibt einfach gleich im Café sitzen, wenn ihm die Inspiration fehlt. 

„Nouvelle Vague“ von Richard Linklater
Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo und Zoey Deutch als Jean Seberg: Die Ähnlichkeit des Casts mit seinen historischen Vorbildern ist erstaunlich.

„Nouvelle Vague“ ist für das Publikum eine geradezu immersive Erfahrung, in der das filmische Original und sein Reenactment miteinander verschmelzen – auch dank der erstaunlichen Ähnlichkeit des Casts mit seinen historischen Vorbildern.

Zudem nutzt Richard Linklater die Original-Kameramodelle und das Filmformat von 1959.

„Nouvelle Vague“ von Richard Linklater
Mit den wunderschön komponierten Schwarz-Weiß-Bildern von Richard Linklater wäre Godard ganz sicher nicht einverstanden.

Die chaotischen Dreharbeiten gießt er in so wunderschöne Schwarz-Weiß-Bilder, dass sie für die Pioniere der Nouvelle Vague sicher nicht innovativ genug gewesen wären. Den Aufbruchsgeist der Zeit, den Willen zum ästhetischen Wagnis, fängt er aber großartig ein.

Modernes Kino entstand aus dem absoluten Chaos

Bei aller Bewunderung für die Ikonen des Kinos rund um Godard erstarrt Linklater nicht in Ehrfurcht.

Mit viel Humor zeigt er, wie all das, was „Außer Atem“ später zur Geburtsstunde des modernen Kinos machen soll, den Beteiligten als heller Wahnsinn erscheint vom Dreh an Originalschauplätzen ohne Kunstlicht über die improvisierten Dialoge bis zum Schnitt mit Achsensprüngen, Jump Cuts und Anschlussfehlern. 

Der Independent-Filmemacher Richard Linklater hat mit seiner „Sunrise“-Trilogie und dem Langzeitprojekt „Boyhood“ selbst viel mit Erzählformen experimentiert und kann als Erbe jener französischen Film-Pioniere gelten.

Liebeserklärung an die revolutionäre Kraft des Kinos

„Nouvelle Vague“ ist die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der Filme noch keine riesigen Budgets brauchten und Produzenten den Kreativen mehr Raum für Experimente ließen.

Eine enorm unterhaltsame Liebeserklärung an die revolutionäre Kraft des Kinos. Sie macht Lust, sofort „Außer Atem“ zu sehen und danach alle anderen Filme der „Nouvelle Vague“.

 Trailer „Nouvelle Vague“ , ab 12.3. im Kino

Nouvelle Vague (Trailer Deutsch / German) - Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin

Zeitwort 23.01.1962: "Jules und Jim" kommt ins Kino

François Truffaut starb früh und hat dennoch das französische Nachkriegskino geprägt wie kaum ein anderer. Und mehr noch als Filme schätzte er Bücher.

Zeitwort SWR Kultur

Zum Tod der französischen Filmikone Brigitte Bardot: Die Frau, die nicht nur Frankreich prägte

Brigitte Bardot ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Die französische Filmikone lebte zuletzt zurückgezogen zwischen Filmerbe, Tierschutz und Unterstützung für Marine Le Pen.

SWR Kultur am Morgen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Julia Haungs
Julia Haungs, Autorin  und Redakteurin, SWR Kultur