Seitenwechsel eines Filmkritikers
Paris 1959. Der scharfzüngige Filmkritiker und angehende Regisseur Jean-Luc Godard hat zwar noch keinen langen Spielfilm gemacht, dafür aber ein ganzes Notizbuch voller Ideen. Und eine genaue Vorstellung, wovon sein erster Film handeln soll, hat der 28-Jährige auch.
Jean-Luc Godard tritt auf wie ein Popstar
Basierend auf einer Zeitungsmeldung will Godard die Liebesgeschichte zwischen einem Kleinkriminellen auf der Flucht und einer amerikanischen Studentin erzählen.
Das Geld dafür schwätzt er dem Produzenten Georges de Beauregard ab. Diesem gefällt der selbstbewusste Godard, der, mit Sonnenbrille drinnen wie draußen, auftritt wie ein Popstar.
Anarchische Dreharbeiten
Die Dreharbeiten zu Godards Erstling „Außer Atem“ werden den Produzenten zur Verzweiflung treiben, genauso wie den Rest des Teams.
Mit spürbarer Freude an Godards Anarchismus erzählt Regisseur Richard Linklater, wie sich dieser an keinerlei Regeln, Abläufe und Absprachen eines Filmdrehs hält.
Das Drehbuch spielte eine untergeordnete Rolle
Das Drehbuch seines Freunds François Truffaut wirft er sofort über Bord. Stattdessen sagt er Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo ihre Dialoge in den Szenen spontan vor.
Obwohl Godard nur 20 Drehtage und ein Minibudget hat, macht er oft nach zwei Stunden Schluss oder bleibt einfach gleich im Café sitzen, wenn ihm die Inspiration fehlt.
„Nouvelle Vague“ ist für das Publikum eine geradezu immersive Erfahrung, in der das filmische Original und sein Reenactment miteinander verschmelzen – auch dank der erstaunlichen Ähnlichkeit des Casts mit seinen historischen Vorbildern.
Zudem nutzt Richard Linklater die Original-Kameramodelle und das Filmformat von 1959.
Die chaotischen Dreharbeiten gießt er in so wunderschöne Schwarz-Weiß-Bilder, dass sie für die Pioniere der Nouvelle Vague sicher nicht innovativ genug gewesen wären. Den Aufbruchsgeist der Zeit, den Willen zum ästhetischen Wagnis, fängt er aber großartig ein.
Modernes Kino entstand aus dem absoluten Chaos
Bei aller Bewunderung für die Ikonen des Kinos rund um Godard erstarrt Linklater nicht in Ehrfurcht.
Mit viel Humor zeigt er, wie all das, was „Außer Atem“ später zur Geburtsstunde des modernen Kinos machen soll, den Beteiligten als heller Wahnsinn erscheint vom Dreh an Originalschauplätzen ohne Kunstlicht über die improvisierten Dialoge bis zum Schnitt mit Achsensprüngen, Jump Cuts und Anschlussfehlern.
Der Independent-Filmemacher Richard Linklater hat mit seiner „Sunrise“-Trilogie und dem Langzeitprojekt „Boyhood“ selbst viel mit Erzählformen experimentiert und kann als Erbe jener französischen Film-Pioniere gelten.
Liebeserklärung an die revolutionäre Kraft des Kinos
„Nouvelle Vague“ ist die nostalgische Erinnerung an eine Zeit, in der Filme noch keine riesigen Budgets brauchten und Produzenten den Kreativen mehr Raum für Experimente ließen.
Eine enorm unterhaltsame Liebeserklärung an die revolutionäre Kraft des Kinos. Sie macht Lust, sofort „Außer Atem“ zu sehen und danach alle anderen Filme der „Nouvelle Vague“.