Seong Gi-hun ist verschuldet und verzweifelt. Er steht auf dem Spielfeld. Vor ihm: eine riesige, starre Puppe. „Rotes Licht, grünes Licht“, singt sie kindlich. Wer sich bewegt, wird erschossen. Es ist eine der ersten Szenen der Spiele in „Squid Game“ – und eine, die Millionen Menschen nicht vergessen haben.
Als „Squid Game“ im Herbst 2021 bei Netflix startete, wurde die südkoreanische Serie innerhalb weniger Wochen zum globalen Streaminghit: Über 100 Millionen Menschen schauten zu, es hagelte Rekorde.
Die Serie war Gesprächsstoff, Meme-Vorlage und wurde gar zum Halloween-Kostüm. Jetzt, knapp drei Jahre später, erscheint am 27. Juni die dritte und letzte Staffel – und es ist auffällig still geworden. Was ist passiert?
Warum „Squid Game“ so einschlug und was es anders machte
„Squid Game“ kam 2021 genau zur richtigen Zeit: Viele Menschen verbrachten wegen der Corona-Pandemie mehr Zeit zu Hause, eine Grunderschöpfung lähmte den Alltag. Die Geschichte über verschuldete Menschen, die sich in tödlichen Spielen gegeneinander behaupten müssen, traf einen Nerv. Sie war drastisch inszeniert und leicht zugänglich.
Dass eine koreanische Serie weltweit zum meistgestreamten Format werden würde, war 2021 keine Selbstverständlichkeit. „Squid Game“ hat nicht nur ein Genre bedient, sondern gezeigt, dass Sprache in der globalisierten Streaming-Welt kaum noch eine Hürde ist.
Serien wie „Haus des Geldes“ (Spanien), „Dark“ (Deutschland) oder „Lupin“ (Frankreich) hatten zuvor bereits den Weg dafür geebnet. Netflix investierte gezielt in internationale Produktionen und machte „Squid Game“ zum Aushängeschild.
Zwar brutal, aber nicht beliebig
Das visuelle Konzept der Serie mit grünen Jogginganzügen, überdimensionierten Spielplätzen und maskierten Aufsehern wurde zur einprägsamen Bildsprache. Die Figuren verkörperten universelle Motive wie Verzweiflung, Loyalität und Verrat.
Was der Geschichte darüber hinaus emotionale Tiefe verlieh, waren die verzweifelten Hintergründe der Spieler, geprägt von Spielsucht oder Armut: „Squid Game“ war zwar brutal, aber nicht beliebig.
Warum heute kaum noch jemand hinschaut
Während „Squid Game“ 2021 noch omnipräsent war, fällt die mediale Begleitung der dritten Staffel deutlich verhaltener aus. Der Trailer wurde zwar millionenfach geklickt, doch im Vergleich zum Staffelstart ist die Aufmerksamkeit geringer. Der Überraschungseffekt ist weg – das Spielprinzip ist bekannt, die Erwartungshaltung nüchterner.
Hinzu kommt: Das Prinzip „Spiel mit existenziellem Einsatz“ ist unlängst m Reality-Fernsehen angekommen. Wer heute zuschauen will, wie Menschen taktieren und verlieren, muss nicht mehr auf eine fiktive Serie warten: Formate wie „Physical 100“, „7 vs. Wild“ oder „The Traitors“ setzen auf dieselben Muster aus Gruppendynamik, psychologischen Druck und stilisierter Ästhetik.
Was bei „Squid Game“ ein Thrill mit fiktiven Figuren war, findet sich nun mit realen Darstellern, wenn natürlich ungleich weniger brutal.
Was passiert, wenn Kapitalismuskritik zum Produkt wird?
Auch Netflix selbst trug mit dem Reality-Ableger „Squid Game: The Challenge“ zur Übersättigung bei. Das reale Spinoff machte die Ästhetik und das Spielprinzip der Serie zur Unterhaltungsshow – mit echten Preisgeldern und Werbepartnerschaften. Einige fanden das geschmacklos, anderen war es schlicht zu kalkuliert.
Die Grundidee von „Squid Game“ ist eine Kritik an sozialer Ungleichheit und entfesseltem Wettbewerb. Dass genau diese Geschichte dann zum profitabelsten Netflix-Produkt wurde, ist nicht nur ironisch, sondern wurde auch vielfach kritisiert.
Serienschöpfer Hwang Dong-hyuk äußerte sich in Interviews zurückhaltend kritisch und betonte, wie schwer es sei, sich dem Marktdruck zu entziehen. Die Frage bleibt: Kann eine Serie, die das System anprangert, gleichzeitig ein Teil davon sein?
Serienhypes vergehen schneller
Ein Grund für das nachlassende Interesse liegt im veränderten Serienkonsum. Auf den großen Plattformen erscheinen wöchentlich neue Formate. Die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Was heute gehypt wird, ist morgen vergessen. Serien wie „Wednesday“ oder „Baby Reindeer“ zeigen, dass Streamingplattformen ständig neue Hits produzieren – oft auf Kosten der alten.
Trotz enormer Reichweite entwickelte sich rund um „Squid Game“ nie ein nachhaltiges Fandom. Es gab Memes, Challenges, Cosplays – aber keine Community wie bei „Stranger Things“ oder „Game of Thrones“. Das liegt auch an der Netflix-Logik: Serien werden oft als abgeschlossene Events konsumiert.
Die zweite Staffel enttäuschte: Raffiniertere Spiele, weniger Emotion
Die Spannung in der ersten Staffel lebte davon, dass man die Regeln erst nach und nach verstand: Wer überlebt, war unklar. Die zweite Staffel, die im Herbst 2024 erschien, setzte auf neue Figuren wie den amerikanisch-koreanischen FBI-Agenten Daniel (Park Hae-jin), brachte aber auch Seong Gi-hun als rätselhafte Hauptfigur zurück.
Kritiker*innen bemängelten, dass die emotionale Tiefe fehlte. Auch wenn die Spiele raffinierter wurden, wirkte vieles vorhersehbar. Nun soll Gi-hun ein letztes Mal spielen und die Serie zu einem glaubwürdigen Ende bringen.
Was die dritte Staffel liefern müsste
Mit Sicherheit ist „Squid Game“ ein Serienphänomen, das vieles richtig gemacht hat. Die Serie hat gezeigt, dass internationale Produktionen weltweit funktionieren können, wenn sie eine klare Erzählweise und ein starkes visuelles Konzept haben.
Noch eine Wiederholung der bekannten Formel würde jedoch wohl nur kurzfristige Aufmerksamkeit erzeugen. Wenn die Serie als kulturell relevant in die Geschichte eingehen will, müsste sie formal neue Wege gehen, etwa durch Perspektivwechsel oder einen radikalen Erzählbruch.
Der Eindruck bleibt, dass „Squid Game“ seine lautesten Moment bereits hinter sich hat. Ausgerechnet eine Serie über das tödliche Spiel um ein Preisgeld wurde selbst zum Spielball auf einem Markt, der nur um den nächsten Hype wetteifert.