Darf man Filme aus der Vergangenheit nach heutigen Maßstäben beurteilen?
Im Film „Falsche Bewegung“ von 1975 wird der sexuelle Missbrauch eines kaum bekleideten Mädchens gezeigt. Dargestellt wird sie von der damals 13-jährigen Nastassja Kinski. Die Schauspielerin versucht seit Jahren erfolglos, diese Szene aus dem Film entfernen zu lassen.
Der Regisseur des Films Wim Wenders hat sich nun bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises dazu geäußert. Er verweist darauf, dass der Film in einer anderen Zeit gedreht worden sei und befürchtet, dass Filmkultur verloren geht, wenn man alte Filme nach heutigen Maßstäben beurteilen und verändern würde.
Schiebt Wim Wenders die Verantwortung von sich?
Im Gespräch mit SWR Kultur bezeichnet die Filmkritikerin Anna Wollner Wenders' Aussage als eine Verschiebung der Verantwortung. Gleichzeitig lobt sie, dass Wenders die Szene heute kritisch betrachtet: „Solche Selbstkorrekturen hört man von Regisseuren seiner Generation eher selten.“
Das Argument, es habe damals ein anderer Zeitgeist geherrscht, weist sie zurück. Es beschreibe die Umstände, unter denen ein Film entstanden sei, beantworte aber nicht die Frage nach der Verantwortung gegenüber Minderjährigen.
Wie könnte Wim Wenders reagieren?
Wim Wenders habe verschiedene Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen, findet Anna Wollner: Er könne Nastassja Kinskis Wunsch nachkommen und den Film verändern, er könne den Film so lassen, aber den Kontext der Entstehung vor dem Film oder in Begleitmaterialien einordnen: „Das passiert inzwischen bei vielen älteren Werken, die problematische Darstellungen enthalten.“
Viele seien allerdings der Meinung, die eigentliche Frage sei, wie ernst man die Lage der Betroffenen nehme. „Da wäre eine Verständigung mit Kinski vielleicht wichtiger als jede technische Änderung am Film“, so Wollner.
Das Thema berührt eine Grundfrage unserer Zeit
Es gebe viele weitere Filme, bei denen Machtmissbrauch am Set inzwischen dokumentiert sei, sagt Anna Wollner. Wenders fürchte offenbar, dass man eine Tür öffnet und die Folgen schwer abzuschätzen seien, wenn er Nastassja Kinskis Wunsch erfülle.
Aber vielleicht sei genau das notwendig, so Wollner: „Es geht ja nicht darum, Geschichte auszulöschen, sondern anzuerkennen, dass hinter Filmen auch reale Menschen stehen, die unter bestimmten Entscheidungen gelitten haben.“
Das Thema berühre daher eine Grundfrage unserer Zeit: „Was wiegt schwerer: Die Unantastbarkeit eines Kunstwerks oder das Recht der Beteiligten, auch Jahrzehnte später gehört zu werden?“