100 Jahre Black History Month

Unsichtbarer Black History Month: „Wäre das nicht was für Deutschland?“

Seit hundert Jahren kämpfen Aktivist*innen für die Sichtbarkeit Schwarzer Geschichte. Der Black History Month wird auch in Deutschland gefeiert, erhält allerdings nur wenig Aufmerksamkeit. Wie kommt das?

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Von Autor/in Ines Kunze

Dass der Black History Month in Deutschland nicht im öffentlichen Bewusstsein angekommen ist, zeigte sich 2024, so viel Selbstkritik darf sein, an unserer eigenen Berichterstattung. „Wäre das nicht was für Deutschland?“, fragte damals ein SWR-Moderator seine Gesprächspartnerin, Rassismusforscherin Camilla Schmid Iglesias, in einem Austausch zum Gedenkmonat.

Tatsächlich kommt dieses Unwissen nicht von ungefähr: In Deutschland wird der Black History Month mit vergleichsweise geringer Finanzierung und wenig medialer Aufmerksamkeit begangen.

In den USA habe er hingegen viel bewirkt, sagt der Nordamerikanist Silvan Niedermeier im Gespräch mit SWR Kultur. Dort stärke er innerhalb der Schwarzen Community das Bewusstsein für und den Stolz auf die eigene Geschichte der afroamerikanischen Bevölkerung. Der Monat habe „ganz zentral dazu beigetragen, dass Schwarze Amerikaner*innen sich auch als Teil dieser Nation begreifen“, so Niedermeier.

Neubenennung in Berlin: Straßenschild Anton-Wilhelm-Amo-Straße ersetzt Mohrenstraße
Erfolg nach jahrzehntelangem Streit: Seit den 1990er-Jahren wurde um eine Umbenennung der Berliner Mohrenstraße gerungen, da der Name eine rassistische Lesung zuließ. Seit Juli 2025 heißt sie nun Anton-Wilhelm-Amo-Straße nach dem gleichnamigen Philosophen afrikanischer Herkunft. Joko

Deutschland verantwortete den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts

Doch die fehlende Sichtbarkeit Schwarzer Geschichte ist kein rein amerikanisches Problem. Das deutsche Kaiserreich profitierte bis zum Sklavereiverbot 1895 erheblich von Sklavenhandel.

Als Kolonialmacht bekämpfte das Deutsche Reich zwischen 1884 und 1915 die lokale Bevölkerung im heutigen Namibia. Zwischen 1904 und 1908 führte Deutschland einen Vernichtungskrieg gegen die Bevölkerungsgruppen der Herero und Nama, dem bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen. Er gilt als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts.

Feindbild „schwarze Schmach“

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde inbesondere gegen Schwarze Besatzungssoldaten der französischen Truppen im Rheinland politische Stimmung gemacht. Auf Plakaten und in Broschüren war von einer „schwarzen Schmach“ die Rede. Die Soldaten wurden als „triebhafte Wilde" dargestellt.

Kinder aus der Verbindung weißer, deutscher Frauen mit Schwarzen Soldaten wurden als „Rheinlandbastarde“ beschimpft, sozial geächtet und später unter den Nationalsozialisten sogar zwangssterilisiert.

Unter Hitler galten Schwarze als „rassisch minderwertig“

Nach Hitlers Machtergreifung 1933 galten Schwarze als „rassisch minderwertig“. Die Nürnberger Rassegesetze ordneten sie ab November 1935 neben Juden, Sinti und Roma als „Nichtarier“ ein. Schwarze Menschen wurden verfolgt und aus Berufen und Schule gedrängt. Intime Verbindungen mit weißen Deutschen wurden sukzessiv als „Rassenschande“ unter Strafe gestellt.

Fälle von systematischer Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt gegen Schwarze Menschen finden sich bis in die jüngste deutsche Geschichte immer wieder.

US-Sprinter Jesse Owens bei den Olympischen Spielen 1936
Symbol gegen den Rassismus der Nationalsozialisten gegen Schwarze Menschen: Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin wurde der Us-Athlet Jesse Owens mit vier Goldmedallien im Sprint und Weitsprung zum erfolgreichsten Sportler der Spiele. ZUMA Press/Keystone

Geschichtsbetrachtung aus Täterperspektive

All das ist in Schule, Politik und Öffentlichkeit zwar Thema, wird allerdings in der Öffentlichkeit nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit behandelt wie andere Aspekte der deutschen Geschichte, insbesondere die Verbrechen gegen jüdische Menschen im Holocaust.

Die Geschichte Schwarzer Menschen werde, wenn überhaupt, oft nur aus Täter*innenperspektive erzählt, beklagen Organisationen. Eine davon ist die ISD, kurz für „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“.

Jahrelanger Aktivismus für mehr Sichtbarkeit

Die Organisation gründete sich in den 1980er-Jahren und brachte unter anderem den in den USA etablierten Black History Month nach Deutschland.

In diesem Rahmen werden also auch hier seit Jahrzehnten Feste gefeiert, Petitionen geteilt und Vorträge gehalten. Etwa zu berühmten Schwarzen Persönlichkeiten der deutschen Geschichte und deren Wirken, das in der Geschichtsschreibung oft unterschlagen werde. Oder zu deutscher Kolonialschuld, insbesondere während des Kaiserreichs.

Wenig Geld für Aufarbeitung von Kolonialismus

Doch an zugänglichem Infomaterial fehlt es: Wer sich etwa auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung informieren will, wird zu einem Magazin weitergeleitet, das Schwarze Geschichte in Deutschland aus verschiedenen Perspektiven darstellt. Über die Website soll man die Zeitschrift kostenlos bestellen können. Sie ist jedoch vergriffen.

Auch Kulturstaatsminister Weimer wird ein eher stiefmütterliches Verhalten bezüglich der Aufarbeitung Schwarzer Geschichte in Deutschland vorgeworfen. Die kürzlich vorgestellten Pläne zur Förderung der Erinnerungskultur in Form von Gedenkstätten sieht keine explizite Förderung für das Erinnern an die Opfer des deutschen Kolonialismus vor.

Viele Aktionen in der Region

Dass der Kalender im Black History Month 2026 trotzdem gut gefüllt ist, liegt nicht zuletzt am Engagement Einzelner oder kleiner Initiativen. In Tübingen etwa haben sich Geschichtsstudierende in Archiven auf die Suche gemacht, um Leerstellen Schwarzer Geschichte in der Stadt aufzufüllen. In Stuttgart stehen Lesungen und Tanz-Workshops an.

Ob wissenschaftlich fundiert oder über die menschliche Verbindung, sie alle geben Wissen und Bewusstsein weiter: mit dem Ziel einer gerechteren Gesellschaft, die sich ihrer Vergangenheit in allen Facetten bewusst ist.

Vielleicht auch, weil der aktuelle Blick in die USA zeigt, welches Unheil Geschichtsrevisionismus anrichten kann. In der Schwarzen Community in den USA, resümiert Nordamerika-Experte Niedermeier, sei die Sorge vor staatlichen Eingriffen groß.

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