Ortsgeschichte hautnah

Erlebte Vergangenheit: Wie Stadtarchive regionale Geschichte greifbar machen

Wie war es früher in meiner Stadt? Was haben die Menschen hier erlebt? Diese Fragen treiben viele Menschen um. Stadtarchive bieten Antworten und sammeln Lebensgeschichten vor Ort.

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Stand

Von Autor/in Ines Kunze

Ein Militärpolizist der US-Armee spricht am 19.07.1963 vor einer Kaserne in Bad Kreuznach mit zwei kleinen Kindern.
Ein Militärpolizist der US-Armee spricht vor einer Kaserne in Bad Kreuznach mit zwei kleinen Kindern. Persönliche Momente wie dieser erfüllen historische Fakten mit Leben. dpa

Nachlässe als Fundgrube für persönliche Geschichten

Besonders aus dem Ausland erhalte sie viele Anfragen, erklärt Franziska Blum-Gabelmann, Leiterin des Stadtarchivs Bad Kreuznach. Das Archiv hat dazu die wichtigen Unterlagen im Lager: Urkunden, Zeugnisse, Bauunterlagen. Um einen vollumfänglichen Eindruck der Lebensrealität in vergangenen Zeit zu bekommen, helfen außerdem Nachlässe, um die sich das Kreuznacher Archiv ebenfalls kümmert. 

In diesen finde sich dann oft eine persönlichere Perspektive auf historische Ereignisse, etwa in Tagebüchern oder Briefen. Blum-Gabelmann erinnert sich etwa an den Nachlass einer Frau, die sich in der frühen Frauenbewegung engagierte, der erst kürzlich ans Archiv übergeben wurde.

Viele Menschen, die von dem Umbrüchen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Spannendes hätten berichten können, leben heute nicht mehr. Dass ihre Geschichten vom Stadtarchiv nicht in Zeitzeugen-Gesprächen dokumentiert wurden, bezeichnet Blum-Gabelmann heute als Fehler. Damals habe der Fokus der Archivarbeit noch anders gelegen.

Die Brückenhäuser von Bad Kreuznach (Historische Fotografie)
Kurstadt mit Geschichte: Das Stadtarchiv Bad Kreuznach sammelt historische Dokumente und persönliche Erinnerungen zur Stadtgeschichte - sowie historische Fotografien, etwa von den Kreuznacher Brückenhäusern. Stadtarchiv Bad Kreuznach

Interview mit dem letzten Sprecher der Kreuznacher Mundart

Bei manchen Persönlichkeiten der Region habe man allerdings noch zu Lebzeiten die Chance gehabt, Kulturgut einzufangen. Unter ihnen sei etwa der inzwischen verstorbene Heimatdichter Karl-Rudolf Hornberger gewesen.

Dieser habe von sich selbst behauptet, der letzte Sprecher der Kreuznacher Mundart zu sein. Das Stadtarchiv zeichnete ein Interview mit ihm auf, das als Sprachzeugnis des örtlichen Dialekts auch Linguisten interessieren dürfte.

Großer Andrang beim Stadtarchiv Pforzheim

Wie groß das Interesse an der eigenen Ortsgeschichte ist, wird auch bei einem Infoabend des Stadtarchivs Pforzheim deutlich. Vorgestellt werden ausgewählte Dokumente aus dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit. Was 2025 als einmalige Veranstaltung geplant war, wurde wegen großer Nachfrage noch einmal organisiert.

Manche der Besuchenden sind selbst Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Sie kennen das Geschehene aber nur aus der Perspektive der eigenen Jugend. Die Arbeit des Archivs ermöglicht ihnen, das selbst Erlebte mit den Eindrücken anderer Menschen vor Ort zu erweitern.

Erinnerung an die Pforzheimer Bombardierung im Februar 1945

Ein Besucher erinnert sich an die Bombardierung Pforzheims kurz vor Kriegsende, am 23. Februar 1945.

Ich bin 1940 geboren, hab also die Bombardierung mitgekriegt und wollte wissen, ob es da was Neues gibt.

Damals gingen viele Schriftstücke, Fotos und Zeitdokumente verloren. Um Verlorenes zu rekonstruieren, sei das Archiv deswegen auf private Zeitzeugnisse angewiesen, sagt Kai Adam vom Förderverein des Archivs.

Blick auf das zerstörte Pforzheim, nach 1945
Stadt in Trümmern: das zerstörte Pforzheim nach Kriegsende 1945. dpa/dpaweb

Vergangenheit kennen, um Zukunft zu gestalten

Es gehe im Stadtarchiv eben nicht nur um langweiligen Papierkram, sondern um Erinnerungen, sagt Adam. Diese zu erhalten, sei vielleicht heute noch wichtiger als früher, denn die Zeitzeugen werden immer weniger.

Dies habe nicht zuletzt auch eine politische Dimension: Momentan sehe man, dass es auch immer darum gehe, wer bestimmen, was Erinnerung ist, so Adam. Nur wer seine Vergangenheit kenne und seine Erinnerung bewahre, könne auch die Zukunft gestalten.

Pforzheimer Marktplatz, Blick zum Schlossberg
Gegenwart und Vergangenheit. In Pforzheim erinnert man an vielen Orten in der Stadt, etwa auf dem Marktplatz, an das Stadtbild nach der Zerstörung durch den Bombenabwurf am 23. Februar 1945. Stadtarchiv Pforzheim | Manfred Klinner

Die Corona-Pandemie für die Nachwelt dokumentieren

Stadtarchive machen es sich auch zur Aufgabe, historisch bedeutendes im Moment des Geschehens zu erkennen und zu dokumentieren. Ein solcher Fall sei etwa die Corona-Pandemie gewesen, als das öffentliche Leben vorübergehend lahmgelegt war, erklärt Franziska Blum-Gabelmann vom Stadtarchiv Bad Kreuznach: „Da war für mich ganz klar, wir müssen sammeln: Wie sieht das Stadtbild aus?“ 

In unterschiedlichen Zeitabständen seien ihre Kolleginnen und Kollegen durch die Stadt gegangen, hätten fotografiert und dokumentiert. Unter anderem dokumentiere das Archiv Plakate aus der Pandemie-Zeit und startete eine Interviewreihe. 

Unter dem Stichwort „Corona-Gespräche“ habe man Bürgerinnen und Bürger interviewt, „von der Landrätin über den Polizisten bis zur Krankenschwester.“ Und dann, einige Zeit später, noch einmal mit der Frage, was sich durch Corona in ihrem Leben verändert hatte.

Kornmarkt in Bad Kreuznach (2020)
Leere am Kornmarkt trotz schönem Wetter: Auch die Bad Kreuznacher Innenstadt war im Pandemiejahr 2020 wie ausgestorben. alimdi

Von analog zu digital 

Die Arbeit der Archive befinde sich gerade in einem Paradigmenwechsel, sagt Blum-Gabelmann. Statt analog archivierbarer Materialien hinterlassen viele Menschen heute digitale Zeitzeugnisse. Entsprechend wichtig sei es, neue Wege in der Archivarbeit zu beschreiten. Damit auch das digitale Tagebuch auf dem Computer der Nachwelt die Welt von heute begreiflich machen kann.