Man mag sich nur schwer das Grauen vor 1946 Jahren ausmalen. Was passiert mit einem Menschen, der in einen pyroklastischen Strom gerät – eine viele hundert Grad heiße Wolke aus Vulkangasen, die mit bis zu 700 Kilometern pro Stunde bergab rauscht? Was mag dieser Mensch noch davon mitbekommen haben?
Ausbruch des Vesuvs zerstörte Herculaneum fast vollständig
Auch in Herculaneum nordwestlich von Pompeji hat sich gezeigt, dass so eine Vulkan-Lawine nicht überlebbar ist. 1982 wurden bei Ausgrabungen etwa 250 Skelette gefunden, Überreste von Menschen, die in recht starken Gewölben am Meer Schutz gesucht hatten. Sie alle starben Experten zufolge aufgrund der großen Hitze an einem thermischen Schock.
Junges Todesopfer mit Besonderheit
Viele Bewohner von Herculaneum konnten zwar fliehen – aber nicht alle. Im Collegium Augustali, einem Versammlungsort zur Verehrung von Kaiser Augustus, wurde ein junger Mann um die 20 Jahre von dem pyroklastischen Strom im Schlaf überrascht. Der vermutliche Wächter des öffentlichen Gebäudes ist eines der vielen Opfer des Vulkanausbruchs – luftdicht eingeschlossen unter meterhohen Ascheschichten und so konserviert für die Nachwelt.
Einzigartiger Fund: Verglasung des Gehirns
Was den Fund seines Skeletts aber sehr besonders macht: In Inneren seines Schädels fanden Forschende der Universität Neapel schon vor fünf Jahren Überreste von Hirnzellen, die nicht verkohlt, sondern verglast waren. Aufgrund der Lage des Schädels am Fundort nehmen sie an, dass vor allem der hintere Bereich und dem Beginn des Rückenmarks erhalten geblieben ist.
Lange Zeit war unklar, wie die Verglasung abgelaufen sein muss. Denn organische Materialien verbrennen, verkohlen oder verdampfen normalerweise bei großer Hitze. Damit eine Substanz zu Glas wird, muss eine Schmelze schnell genug abkühlen.
Verglastes Gehirn enthüllt Todesumstände des Opfers
Forschende der Uni Rom haben jetzt rekonstruiert, wie der Prozess abgelaufen sein muss. Dafür haben sie die verglaste Hirnmasse auf ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften untersucht, schreiben sie in einem Artikel in Scientific Reports. Die Forschenden haben unter anderem Proben erhitzt und wieder abkühlen lassen – und dabei mit einem Elektronenmikroskop zugeschaut.
Ihre Schlussfolgerung: Der Mann muss sofort ums Leben gekommen sein, als der erste mindestens 510 Grad heiße Gas- und Aschestrom über die Stadt fegte. Diese Wolke muss sich dann aber sehr schnell verzogen haben, so dass fast wieder eine normale Umgebungstemperatur herrschte. So konnten seine sterblichen Überreste schnell abkühlen und der Verglasungsprozess ausgelöst werden.
Einziger bekannter Fall einer organischen Verglasung
Erst später in der Nacht wurde Herkulaneum dann komplett verschüttet. Experimente zeigen: Die dann dabei entstandenen Temperaturen waren aber nicht so heiß, dass sie eine Verglasung hätten verursachen können. Der Tote aus dem Augustus-Kollegium ist bisher der weltweit einzige bekannte Fall bei dem organische Glasbildung stattgefunden hat. Warum das nicht auch bei anderen Opfern der Katastrophe passierte, ist unklar.