Als der jüdische Publizist Michel Friedman bei den Bayreuther Festspielen sagte: „Heute habe ich das Wort – und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören“, war das mehr als eine Festrede. Die Gedenkveranstaltung „Verstummte Stimmen“ stand sinnbildlich für den neuen Umgang der Festspiele mit ihrer eigenen NS-Vergangenheit.
Doch „Verstummte Stimmen“ ist mehr als eine Gedenkveranstaltung oder die gleichnamige Dauerausstellung auf dem Grünen Hügel: Mit einer neuen digitalen Plattform erinnert das Projekt an Menschen, die zwischen 1933 und 1945 aus deutschen Opern- und Theaterhäusern vertrieben, verfolgt oder ermordet wurden.
Die Website wurde jetzt im Rahmen der Bayreuther Festspiele vorgestellt. Sie knüpft an ein Erinnerungsprojekt an, das vor 20 Jahren begann. Die Ausstellung „Verstummte Stimmen – Die Vertreibung der Juden aus der Oper 1933 bis 1945“ war zwischen 2006 und 2012 in sechs deutschen Städten zu sehen. Nun werden die Forschungsergebnisse erstmals dauerhaft digital zugänglich gemacht – als Gedenk- und Forschungsplattform.
Fast 300 Schicksale werden sicht- und hörbar
Die Plattform versammelt inzwischen fast 300 Biografien von Sängerinnen und Sängern, Schauspielerinnen und Schauspielern, Orchestermitgliedern sowie Beschäftigten aus Technik, Verwaltung und anderen Theaterbereichen. Sie alle wurden zwischen 1933 und 1945 von deutschen Bühnen verdrängt, verfolgt oder ermordet – weil sie jüdisch waren, weil sie homosexuell waren oder weil sie sich dem NS-Regime widersetzten.
Mit der neuen Website sollen ihre Lebensgeschichten dauerhaft zugänglich bleiben. Gleichzeitig lädt die Plattform zum Weiterforschen ein: Angehörige und Interessierte können neue Informationen beisteuern und so bislang unvollständige Biografien ergänzen.
Für Stuttgart wurden 23 Biografien recherchiert. Eine Besonderheit: Sie können nicht nur gelesen, sondern auch angehört werden. Die Texte wurden bewusst nicht von professionellen Sprecherinnen und Sprechern eingesprochen. Stattdessen liehen Beschäftigte der Staatstheater ihren ehemaligen Kolleginnen und Kollegen ihre Stimmen.
„Die vertriebenen und ermordeten Kolleginnen und Kollegen hatten die unterschiedlichsten Berufe ausgeübt“, sagt Projektmitarbeiterin Kyra Palberg vom Staatstheater Stuttgart. Deshalb seien die Biografien heute auch von Menschen aus nahezu allen Bereichen der Staatstheater eingesprochen worden – von der Bühne bis zur Verwaltung.
Dass sich so viele beteiligen wollten, habe sie besonders gefreut. Sogar Biografien anderer Theater wie Bayreuth oder Darmstadt konnten dadurch zusätzlich vertont werden.
Denunziation aus den eigenen Reihen
Bei der Recherche hätten sie alle Schicksale berührt, sagt Palberg. Besonders erschütternd sei jedoch gewesen, „wie sehr die Nazis von der Bereitschaft zur Denunziation im Kollegium profitiert haben“.
So wurde der Schauspieler Ernst Walldorf gemeinsam mit neun weiteren Kollegen von einem NSDAP-Mitglied als homosexuell denunziert. Er verlor seine Anstellung und wurde anschließend inhaftiert.
Auch der Bariton Hermann Horner, zwischen 1929 und 1933 Ensemble-Mitglied in Stuttgart, geriet früh ins Visier der Nationalsozialisten. Die örtliche NS-Presse diffamierte ihn antisemitisch und sprach seiner Stimme die Eignung für Wagner-Partien ab. Nach seiner Entlassung 1933 wurde er später vermutlich im Vernichtungslager Belzec ermordet.
Nur wenige widersprachen
Die Recherchen zeigen aber auch, wie selten sich Kolleginnen und Kollegen offen gegen die Verfolgung stellten. Für Stuttgart kennt Palberg nur einen Namen: den Sänger Fritz Windgassen.
Er habe sich wiederholt gegen die Entlassung von Kolleginnen und Kollegen eingesetzt – obwohl er selbst bis 1945 an der Staatsoper beschäftigt blieb. Solche Beispiele seien jedoch die Ausnahme gewesen.
Eine Weltkarte macht die Flucht sichtbar
Ein zentrales Element der Plattform ist eine interaktive Weltkarte. Sie zeichnet die Lebenswege der Verfolgten nach – von den deutschen Opern- und Theaterhäusern ins Exil, in den Untergrund oder in Konzentrationslager. Gleichzeitig macht sie die Verbindungen zwischen den beteiligten Häusern sichtbar.
Wer herauszoomt, erkennt das weltweite Ausmaß der Vertreibung. „Die Karte erstreckt sich von Stuttgart bis nach Sydney oder Tel Aviv“, sagt Palberg. Für sie zeige die Karte Flucht vor allem als „transnationales Phänomen“. Dadurch werden nicht nur einzelne Lebenswege sichtbar, sondern auch die globalen Folgen der nationalsozialistischen Verfolgung.
Erinnerung und Forschung zugleich
Die Plattform versteht sich ausdrücklich nicht nur als digitales Denkmal. Sie soll auch die weitere wissenschaftliche Aufarbeitung fördern. Viele Lebensgeschichten sind bis heute nur lückenhaft dokumentiert. Über ein Kontaktformular können Angehörige, Forschende und Interessierte deshalb weitere Informationen zu Personen oder Theatern beisteuern.
Palberg hofft, dass dadurch nicht nur Wissenslücken geschlossen werden. Die gesammelten Daten könnten auch größere Zusammenhänge sichtbar machen – etwa, wie Presse, Politik und Kulturinstitutionen zusammenwirkten, um Künstlerinnen und Künstler systematisch auszugrenzen.
Als Beispiel nennt sie den Intendanten Albert K. Kilian. Schon vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten habe die NS-Presse seinen Spielplan als „jüdisch-marxistische Klüngelei“ diffamiert. Kilian, der sich weigerte, in die NSDAP einzutreten, wurde 1935 entlassen. Solche Biografien zeigten, wie eng Propaganda, Politik und Kulturpolitik miteinander verflochten waren.
Gleichschaltung des Theaterbetriebs sichtbar machen
„Es geht wirklich um eine Anhäufung von Informationen“, sagt Palberg. Gerade dadurch könne die Plattform künftig noch besser sichtbar machen, mit welchen Mechanismen die Nationalsozialisten den deutschen Theater- und Opernbetrieb gleichschalteten.
Heute beteiligen sich fünf große Kulturinstitutionen an der Plattform: die Hamburgische Staatsoper, die Staatsoper Unter den Linden in Berlin, die Staatstheater Stuttgart, die Semperoper Dresden und das Staatsschauspiel Dresden – gemeinsam mit der Stadt Bayreuth. Zwanzig Jahre nach dem Start des Projekts werden die Forschungsergebnisse damit erstmals dauerhaft an einem Ort gebündelt und öffentlich zugänglich gemacht.