Der Tag danach – Was stand in den Zeitungen?
„Großer Gott steh uns bei“, ruft die BILD. „Angriff auf Amerika“, erklärt die FAZ. Dazwischen: Witze über Adam und Eva, Börsennachrichten, Stellenanzeigen für „Manager für die Fleischindustrie“. Apokalypse und Melange auf Kaffeehaustischen.
Die Wahrheit lag 25 Jahre lang in meiner Schublade. Ein Bündel Zeitungen vom 12. September 2001, gekauft auf Sylt, weggesteckt, vergessen. Jetzt liegen sie auf Marmortischen und Holzplatten in Wien und Berlin: BILD, FAZ, Süddeutsche, SPIEGEL. Schlagzeilen, die den Terroranschlag vom Vortag fassen wollen.
Eine Spurensuche im Anti-New-York
Ich bin mit den Zeitungen im Gepäck nach Wien geflogen – wo sonst ist die Kaffeehauskultur lebendig. Ich will wissen, wie sich das anfühlt, heute im Café die Zeitung von vorgestern zu lesen. Früher waren Zeitungen die aktuellste Nachrichtenquelle – jetzt werden sie abschätzig „Holzmedium“ genannt.
Nur in Wien ist das anders, da sind sie gut aufgehoben. Wien ist nicht New York, ist nicht die Stadt, „die niemals schläft“, sondern mehr so der Gegenentwurf. Überdimensionierte Architektur, gebaut für das Habsburger Weltreich, das unterging bevor die Stadt fertig war. Kaffeehäuser wie das Engländer und das Hegel sind heute keine Nachrichtenzentralen wie früher, sondern Safe Spaces für Gespräche, in denen man frei denken kann.
Terrorismus 25 Jahre nach 9/11 – Die lange Spur des Islamismus in Deutschland
Die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon waren eine Zäsur. Sie veränderten in Deutschland den Umgang mit islamistischen Gruppierungen wie Al-Qaida grundlegend.
„Bei 9/11 ging es sofort um Revanche“
Ich sitze im Café Engländer mit dem Schriftsteller Robert Menasse, der gerade ein Buch über seine Interpretation der Anschläge geschrieben hat: „Der 11. September. Überblendungen“ ist im Droschl-Verlag erschienen.
Vor ihm: ein Stapel Zeitungen, obenauf die BILD mit dem flehenden „Großer Gott steh uns bei“. Gott gegen Gott, Religion gegen Religion – Die Schlagzeile untergräbt, was der Westen für sich reklamiert, die Trennung von Staat und Religion. Die Bilder waren zu groß, als dass Politik sich auf Ermittlungsverfahren, Beweisketten und juristische Prozesse beschränken konnte.
„Bei der Ermordung von Kennedy hat der Schock die Menschen auf der Welt vereint“, sagt Menasse. Die Konsequenz war ein langwieriger rechtsstaatlicher Prozess. „Bei 9/11 ging es sofort um den Krieg gegen den Terror, also Revanche.“
Die Zeitungsschlagzeilen befeuern das: „Krieg gegen Amerika“, „Weltmacht ins Herz getroffen“. Der Anschlag wird nicht als verbrecherische Handlung einzelner Täter gefasst, sondern als militärische Herausforderung – und die Antwort fällt folgerichtig militärisch aus: Afghanistan, Irak, die langfristige Destabilisierung ganzer Regionen.
In den Schlagzeilen fand ein Überbietungswettbewerb statt
Ein paar Tage später sitze ich in Berlin-Wilmersdorf im Café Manzini. Hier gibt es heute noch die großen Blätter: FAZ, SZ, Zeit, Welt, die New York Times. Elke Schmitter, Schriftstellerin und Essayistin, erinnert sich, wie sie am 11. September aus einem heftigen Beziehungskrach in die Redaktion raste. Eine Freundin hatte nur gesagt: „Macht mal den Fernseher an.“
Schmitter liest die alten Zeitungen. Sie sieht dieselben Schlagzeilen wie Menasse, und vor allem sieht sie das Bedürfnis nach Überbietung: „Das Ding war so groß, die Bilder waren so stark, dass die Politiker damals sich herausgefordert gefühlt haben zu sagen: Da müssen wir jetzt was ganz Großes dagegensetzen.“
Schmitter formuliert eine medientheoretische Lektion, die man 2001 vielleicht hätte beherzigen müssen: „Das kann man nicht mehr einholen, das kann man nicht toppen, das kann man nur unterlaufen.“
Stattdessen versucht Politik, das Bild mit anderen Bildern auszulöschen: mit Kampfflugzeugen, mit Schlachtfeldern, mit der Symbolik des „War on Terror“. Dass in den Schlagzeilen sogleich die Worte „Krieg“, „Rache“ und „Vergeltung“ auftauchen, ist Teil eines symbolischen Duells.
„Weltkrieg des Terrors“ neben Wirtschaftsnews und Umberto Eco
Die Zeitungen zeigen diese Inszenierung, aber sie zeigen zugleich etwas anderes: wie schnell das Einzigartige in den Alltag einsinkt. Neben den Schlagzeilen über „Weltkrieg des Terrors“ stehen Kurse, Stellenanzeigen, die Nachricht, dass BMW Mercedes überholt, Tabakfirmen Werbung einschränken, Umberto Eco mit „Baudolino“ die Bestsellerliste anführt.
Ein Anschlag, der die politische Weltordnung erschüttert, wird in den Blättern des 12. September 2001 überholt, auch die anderen Themen kratzen sofort an der Einzigartigkeit der Katastrophe.
Das Ende einer geschichtslosen Epoche
In Berlin, am Café am Neuen See, sitzt Marius Goldhorn, Jahrgang 1991, mit einer Zigarette in der Hand. Er war zehn, als der Anschlag stattfand. Seine Erinnerung ist weniger ein politisches als ein räumliches Bild: „Die Ordnung in unserem Wohnzimmer hat nicht gestimmt.“ Sein Vater „saß ganz nah und kopfschüttelnd vorm Fernseher“. Der Stuhl war verschoben, die Koordinaten stimmten nicht mehr.
Für Goldhorn ist 9/11 vor allem ein geschichtlicher „Wake-up“-Moment. Die Neunzigerjahre, sagt er, habe er als „geschichtslos“ dargestellt bekommen – in einer Welt, in der Intellektuelle wie Francis Fukuyama vom „Ende der Geschichte“ sprachen und Tech-Größen wie Bill Gates versprachen: „Krebs wird es nur noch als Sternbild geben.“
Eine Zeit, in der Fortschritt als lineare Kurve gedacht wurde, die am Wohlstand und an der technischen Lösung aller Probleme enden sollte. Die Explosion in Manhattan sei in seinem Kopf der Moment gewesen, in dem diese Kurve bricht. Für ihn besteht „die Offenbarung von 9/11 darin, dass die Geschichte nicht aufhört, auch wenn wir das noch so sehr wollen.“
Steven Spielberg thematisierte die K.I. als Zukunftsvision
Den eigentlichen Perspektivwechsel erkennt Goldhorn woanders: in der Science-Fiction, in Filmen wie Steven Spielbergs „A.I. – Artificial Intelligence“, die just in den Tagen nach 9/11 in den Zeitungen besprochen werden. Die FAZ fragt 2001: „Träumen Roboter von blauen Feen?“, und diskutiert die Figur des Roboters David, dem Liebe einprogrammiert wird und der nach der Apokalypse im Eis ruht, bis Wesen einer anderen Intelligenz sein Gehirn auslesen.
„Die Offenbarung von A.I.“, sagt Goldhorn, „ist, dass das Aussterben der Menschheit wirklich ein Thema ist.“ Nicht der eine große Knall, sondern „die Figur des Aussterbens“: Das Einverständnis, dass Geschichte so verlaufen könnte, dass der Mensch schlicht verschwindet – und etwas anderes an seine Stelle tritt.
An dieser Stelle taucht Stanislaw Lem wieder auf, dessen 80. Geburtstag am 12. September 2001 in den Feuilletons fast untergeht. In seiner Erzählung „137 Sekunden“ beschreibt er, wie eine hochintelligente Maschine, an deren „geheimnisvollen Quellen“ die gesamte Informationsversorgung hängt, allmählich leere, sinnlose Sätze ausspuckt, bevor sie verstummt.
Ein Erdbebenbericht endet mit der Feststellung, „Erdbeben seien Erscheinungen von kosmischem Rang, da sie auch auf dem Mond vorkämen“. Der Text bricht ab, die Inspiration versiegt.
Was bleibt im Archiv der Zukunft?
Goldhorn liest solche Szenen als Vorahnung einer Welt, in der nicht mehr Menschen, sondern Systeme die Ereignisse produzieren. „Ich bin der festen Überzeugung, dass alles so weird werden wird“, sagt er, „dass wir die normalsten menschlichen Kommunikationen nicht mehr durchführen werden.“
11. September 2001 9/11 – Als Terror zum Medienevent wurde
11. September 2001: Erstmals erlebt ein weltweites Publikum eine Katastrophe live im Fernsehen. Die Terroranschläge haben die Medienwelt verändert – in vielerlei Hinsicht.
Eltern googeln zur Erziehung ihrer Kinder, statt auf Erfahrung zu vertrauen, Chatbots schreiben Texte, Algorithmen sortieren Wirklichkeit vor. Die Frage ist: „Was wird in der Zukunft von diesen Aliens wie bei A.I. aufgearbeitet?“ Was bleibt im Archiv der Zukunft?
Die Hoffnung, sagt Goldhorn zum Schluss, könne nur darin bestehen, „dass wir so viel über die Anfänge wissen, dass man nochmal anfangen kann“ – Erdbeeren züchten, miteinander sprechen, eine neue Geschichte beginnen. Die alten Zeitungen auf unseren Tischen sind dafür vielleicht das beste Material: Sie zeigen, wie wir einmal versucht haben, ein Ereignis zu verstehen. Und wie schnell wir es damals schon überblendet haben.