Beim Thema Altsprachliche Gymnasien und den damit zusammenhängenden Sprachen Latein und Altgriechisch scheiden sich die Geister. Die einen erachten einen gymnasialen Start ab der 5. Klasse mit Latein unter dem Gesichtspunkt der Bildung als sehr sinnvoll, die anderen halten die Beschäftigung mit toten Sprachen für längst überholt. So tot die Sprachen sind, so lebendig wird über sie diskutiert.
Görres-Gymnasium in Koblenz gibt altsprachliches Profil auf
Das Görres-Gymnasium in Koblenz etwa gab sein humanistisch-altsprachliches Profil aufgrund sinkender Anmeldezahlen nun endgültig auf. Eltern und Schüler schienen sich nicht mehr ausreichend für Latein als erste Fremdsprache zu interessieren, sodass die Schule die Sprache Caesars, Senecas, Ciceros und Ovids nur noch wahlweise und nicht mehr verpflichtend anbietet.
Neben Latein ist in Baden-Württemberg Altgriechisch verpflichtend
Die Entscheidung am Görres-Gymnasium hat für viel Gesprächsstoff gesorgt und wirft die Frage auf: Wie stehen die Altsprachlichen Gymnasien im Südwesten denn allgemein da?
In Rheinland-Pfalz gibt es derzeit sechs rein altsprachliche Schulen und sieben mit einem altsprachlichen Angebot. Das bedeutet, dass an sechs Gymnasien Latein für jede Klasse verpflichtend ab der 5. Klasse unterrichtet wird und in der 8. Klasse Griechisch oder Französisch als 3. Fremdsprache gewählt werden muss. In Bezug auf die Gesamtzahl von 154 Gymnasien in Rheinland-Pfalz ist dies ein sehr niedriger Anteil.
In Baden-Württemberg wird die Altsprachlichkeit eines Gymnasiums noch strenger definiert: Es muss zu Latein in der 5. Klasse auch Altgriechisch als dritte Fremdsprache gewählt werden. Insgesamt gibt es derzeit 27 Gymnasien, die diese Kriterien erfüllen und sich als Altsprachliche Gymnasien bezeichnen dürfen. Im Vergleich zu den 376 öffentlichen Gymnasien in Baden-Württemberg ist dies ebenfalls ein sehr geringer Anteil.
Wie attraktiv sind tote Sprachen heute noch?
Betrachtet man die Gesamtzahl der Schulen, sind die sogenannten toten Sprachen als Unterrichtsfach von relativ geringer Bedeutung. So lernten etwa im Schuljahr 2024/2025 rund 62.000 Schüler Latein, das sind rund ein Fünftel aller Schüler an baden-württembergischen Gymnasien. Dennoch: Altsprachliche Schulen stehen nicht generell schlechter da als in vergangenen Jahren.
So können sich etwa das Friedrich-Gymnasium in Freiburg oder das Rudi-Stephan-Gymnasium in Worms über mangelnden Zulauf nicht beklagen.
Die Anmeldezahlen seien stabil, und haben sich im vergangenen Jahr sogar verdoppelt, erklärt das Rudi-Stephan-Gymnasium. Man führe dies auf eine gute Kommunikation beim „Tag der offenen Tür“ zurück. Seit zwei Jahren würden statt drei sogar fünf Klassen mit Latein als erster Fremdsprache starten.
Bildungspolitik als Grund für sinkendes Interesse an Latein und Altgriechisch?
Warum einzelne Gymnasien dennoch mit sinkenden Anmeldezahlen zu kämpfen haben, habe laut Experten verschiedene Gründe.
Mitunter gebe es ganz praktische Gründe wie einen Schulwechsel: Kinder, die mit Latein angefangen haben, können wegen eines Defizits in Englisch nicht einfach auf eine neusprachliche Schule wechseln, da sie die Sprache nicht von Beginn der weiterführenden Schule an gelernt haben.
In der Nähe großer Unis ist das Interesse an toten Sprachen größer
Fabian Muthesius, der zuständige Abteilungsleiter des Friedrich-Gymnasiums in Freiburg, hält zudem den Ort des jeweiligen Gymnasiums für entscheidend. Sei eine Universität in der Nähe, stelle er ein größeres Interesse am Latein- und Griechisch-Unterricht fest.
Daneben seien auch städtepolitische Gründe ausschlaggebend: In den Stadtgebieten müsse versucht werden, relativ einheitliche Klassengrößen zu bilden. Dies könne unter Umständen bei altsprachlichen Klassen mit geringerer Schüleranzahl Schwierigkeiten bereiten.
Sinn des Unterrichts von Latein und Altgriechisch liegt tiefer
Einig sind sich die Befürworter des Unterrichtens Alter Sprachen allerdings in der Sinnhaftigkeit des Erlernens von Latein oder Altgriechisch. Es gehe nicht darum, mit modernen Sprachen wie Englisch, Spanisch oder Französisch konkurrieren zu wollen, sondern auch um die Vermittlung von Bildung und Geschichte.
Zu keinem anderen Zeitpunkt habe man mehr Zeit, sich mit Denkansätzen, Philosophie sowie Sprache und Kultur so intensiv auseinanderzusetzen wie in der Schule, erklärt Fabian Muthesius.
Latein und Altgriechisch sind die Sprachen der alten Bildungseliten in Europa und schärfen durch die komplexe Satzstruktur ein analystisches Denken. Zudem stehen in keinem anderen Fach Grammatik und präzises Formulieren so sehr im Mittelpunkt, was auch für Sprachkompetenz im Deutschen wichtig sei.
Latein ist ein Fach, in dem man sich wie mit der Lupe, wie in Zeitlupe, mit Sprache auseinandersetzt. Das Knobeln beim Übersetzen kann mit dem Lösen eines Zauberwürfels vergleichen.
Gymnasien sollen bilden, nicht ausbilden
Der Theologe und Professor für Kirchengeschichte an der Universität Koblenz, Thomas Schneider, weist zudem daraufhin, dass Schule in erster Linie bilden soll, nicht nur ausbilden:
Vor ein paar Jahren ging ja mal durch die Presse, dass man bedauert, dass die Schülerinnen und Schüler nicht lernen, wie man eine Steuererklärung macht. Das ist doch ein völlig falsches Bild von Bildung.
Es gehe bei der Bildung hin zur allgemeinen Hochschulreife gerade nicht um praxisnahe Ausbildung im Sinne der Frage „Wie mache ich eine Steuererklärung“, sondern darum, Denkansätze zu schärfen.
Anderes Verständnis von Sprache
Befragt man die Schüler allerdings selbst, ergibt sich ein durchaus gemischtes Bild in Bezug auf das Erlernen von Latein und Altgriechisch in heutiger Zeit.
Die einen meinen, sie können damit nicht viel anfangen und Englisch reiche vollkommen aus, zudem seien die episch breiten Kriegsausführungen in der Latein-Pflichtlektüre „De bello Gallico“ von Julius Caesar ermüdend. Andere hingegen freuen sich, wenn sie Schriften in lateinischer Sprache entdecken oder Begriffe daraus ableiten können.
„Non scholae sed vitae discimus“
Wer tote Sprachen gelernt und sich immer gefragt hat, wofür, der kann sich nach Aussagen der Experten zumindest über sein geschärftes Denkvermögen freuen – ganz im Sinne des Sprichworts „Non scholae sed vitae discimus“, was so viel bedeutet wie „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.“
Dabei geht dieses bekannte Zitat auf eine Stelle in den Briefen Senecas, den Epistulae, zurück. Tatsächlich schrieb er es in umgekehrter Reihenfolge nieder: „non vitae, sed scholae discimus“ – „Wir lernen (leider) nicht für das Leben, sondern (nur) für die Schule“. Schon Seneca empfand Unbehagen am damaligen Schulbetrieb.
Ob Latein und Altgriechisch nun sinnvoll sind oder nicht, darf jeder für sich selbst beantworten. Altsprachliche Gymnasien sind auf jeden Fall auch im aktuellen Zeitalter in Hinblick auf die Vermittlung von Bildung und Geschichte noch sehr zeitgemäß.