Neufassung der berühmten Tragödie

Der letzte Gang des Patriarchen – Shakespeares „King Lear“ am Theater Heidelberg

Die ukrainischen Theatermacher Stas Zhyrkov und Pavlo Arie nehmen das Shakespeare-Drama als Grundlage ihrer eigenen Fassung. Am Theater Heidelberg ist es nicht der König, sondern ein Restaurantbesitzer, der sein Erbe unter seinen Töchtern aufteilt, aber nicht von seiner Macht lassen kann. Die Geschichte um Generationskonflikte, Macht, Liebe und Verrat hat nichts an Relevanz verloren.

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Von Autor/in Marie-Dominique Wetzel

König Lear – Der letzte Gang
An seinem Geburtstag inszeniert der Patriarch die feierliche Übergabe seines Lebenswerks an seine Töchter.

Übergabe des Lebenswerks nur fürs Publikum inszeniert

Polternd kommt der alte Herr Lear auf die Bühne. Er ist stinksauer. Sein Restaurant, das er aus dem Nichts aufgebaut hat, ist runtergewirtschaftet – zumindest in seinen Augen. Eigentlich ist es längst nicht mehr „sein“ Restaurant.

In einer Rückblende erfahren wir, dass er es schon vor einiger Zeit an zwei seiner drei Töchter übergeben hat. An seinem Geburtstag, vor großem Publikum, hat der Patriarch die Übergabe seines Lebenswerks inszeniert.

Die drei Töchter von Herrn Lear: Regan, Goneril und Cordelia
Die drei Töchter von Herrn Lear: Regan, Goneril und Cordelia

Die dritte Tochter verweigert die Schmeicheleien

Die Liebesbekundungen der beiden älteren Töchter Goneril und Regan geraten zur Farce. Doch letztendlich ist das, was der alte Lear fordert, auch keine Liebe. Wohl eher unbedingter Gehorsam und absolute Loyalität.

Doch die dritte Tochter, Cordelia, verweigert ihm diese Ehrbezeugung. Sie liebt ihren Vater wirklich, aber will ihm nicht schmeicheln. Vor allem will sie nicht länger seinen Vorstellungen folgen, sondern ihr Leben leben – zusammen mit der Frau, die sie liebt. Da rastet Herr Lear völlig aus und verstößt sie.

Hans Fleischmann in der Rolle des „Lear“
Hans Fleischmann in der Rolle des alternden, klagenden König Lear.

Der Verfall des alten Mannes in all ihren Facetten ausgelotet

Das ist der Beginn seines Verfalls – körperlich und geistig. Regisseur Stas Zhyrkov lotet die Figur des alten Mannes in all ihren Facetten aus.

Mal hat man Mitleid mit ihm, wenn die Töchter ihn entmündigen und nur noch wie lästigen Ballast behandeln, mal kann man deren Wut und Verzweiflung verstehen, weil der Vater stur ist, sie als Kinder oft verletzt hat und immer noch denkt, er könnte alle und alles beherrschen. Da blitzt dann sogar etwas Original-Shakespeare auf:

Dunkle Geheimnisse und Verletzungen in allen Familien

Regisseur Stas Zhyrkov:„Familien sind kompliziert. Ich denke, alle Beziehungen zwischen Eltern und ihren Kindern haben ihre Konflikte. Es gibt überall dunkle Geheimnisse, Verletzungen, manchmal sogar traumatische Erlebnisse …. Und wenn dann die Kinder erwachsen sind und sich von den Eltern trennen, ist das hart für alle. In dem Fall besonders für den Vater.“

Das Stück zeigt, dass in einer Familie alle eng miteinander verwoben sind, ob sie es wollen oder nicht. Der alte Lear ist plötzlich abhängig von seinen Kindern. Die beiden Töchter und der Schwiegersohn streiten sich ums Erbe.

Nur wenige Stellen mit Original-Text

Regisseur Stas Zhyrkov: „Klassiker sind Klassiker, weil ihre Themen immer noch relevant sind. Aber in unserer Neufassung gibt es nur noch an wenigen Stellen Original Shakespeare-Text. Doch der Plot des Originals ist unsere Grundlage. Und für uns war es wichtig, Shakespeares Text immer im Hinterkopf zu haben – ohne das hätte es nicht funktioniert.

Und: Diese heutige Fassung ist eine Teamarbeit. Zwischen dem Autor Pavlo Arie, dem Schauspieler- und dem gesamten Produktionsteam, es ist auch viel Improvisation dabei - und das mag ich wirklich sehr.“

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Marie-Dominique Wetzel