Gelingt es, den Showklassiker zu reanimieren?
„Wetten, dass..?“ war einmal der Ort, an dem sich das Land samstags traf. Ein gemeinsamer Bildschirm, eine Couch, internationale Stars, große Gesten. Heute ist das Lagerfeuer kleiner geworden – aber offenbar noch nicht erloschen.
Als das ZDF Bill und Tom Kaulitz als neue Moderatoren ins Spiel brachte, war die Überraschung groß. Zwei Brüder aus der Popkultur, bekannt durch Tokio Hotel, Podcasts und Streaming-Dokus, sollen ein Fernsehritual übernehmen, das wie kaum ein anderes für bundesrepublikanische Fernsehhistorie steht.
Gastgeber mit Entertainer-Gen statt Ansager
Für Medienjournalist Thomas Lückerath ist die Entscheidung kein Tabubruch, sondern ein kalkulierter Schritt. „Diese Sendung braucht keine Moderation, diese Sendung braucht Gastgeber“, sagt er im Gespräch. Genau daran seien frühere Versuche gescheitert, das Format einfach fortzuschreiben.
Thomas Gottschalk habe „Wetten, dass..?“ nicht nur moderiert, sondern verkörpert. Seine Nachfolge habe gezeigt, dass journalistische Präzision allein nicht ausreiche. Es brauche Charisma, Spontaneität, Unterhaltungslust – kurz: ein Entertainer-Gen.
Eine neue Generation ohne Jugendwahn
Dieses Entertainer-Gen erkennt Lückerath bei den Kaulitz-Brüdern. Nicht als Kopie Gottschalks, sondern als Gegenwartsversion. Dass beide bei ihrem Einstieg ähnlich alt sind wie Gottschalk einst, liest er als bewusstes Signal. Gottschalk übernahm die Show mit 38, die Kaulitz-Brüder werden 37 Jahre im Dezember sein.
Zugleich warnt er vor falschen Erwartungen. „Diese Sendung wird nicht so erfolgreich sein wie früher“, sagt Lückerath offen. Das lineare Fernsehen habe an Strahlkraft verloren, Sehgewohnheiten hätten sich grundlegend ins Digitale verschoben.
Neugier der alten und neuen Fans geweckt
Dennoch rechnet Lückerath mit Aufmerksamkeit. Fans der Band, Fans der Show, Skeptiker – sie alle dürften zumindest einschalten. In einer Medienwelt, in der Aufmerksamkeit zur knappsten Ressource geworden ist, sei genau das entscheidend.
Dass bereits wenige Stunden nach der Bekanntgabe heiß über die Neubesetzung bei der Show diskutiert wird, wertet er als Erfolg an sich. „Dass wir jetzt schon darüber sprechen, ist ein Beleg dafür, dass dieses Format noch Neugier weckt“, sagt Lückerath.
Mehr als Reality-Glamour
Die Sorge, mit den Kaulitz-Brüdern ziehe Reality-TV ins ZDF ein, hält Lückerath für verkürzt und werde den bisherigen Erfolgen der Kaulitz-Brüdern nicht gerecht. Bill und Tom Kaulitz seien seit 25 Jahren im Musikgeschäft, international erfolgreich, waren mehrfach auf Welttournee. Dazu kommen Podcast, Netflix-Doku und eine globale Fanbasis.
Ihr Leben in Los Angeles könne dem Format sogar neuen Glamour verleihen. Lückerath spielt mit der Idee einer Umkehr: junge Hosts mit internationalem Pop-Hintergrund treffen auf etablierte Stars – eine neue Mischung auf der berühmten Couch.
Sichtbarkeit ohne Erklärzwang
Dass Bill Kaulitz als offen queerer Showmaster eine der größten Bühnen des deutschen Fernsehens bekommt, bezeichnet Lückerath als starkes Signal. Entscheidend sei dabei die Selbstverständlichkeit, mit der diese Offenheit sichtbar werde.
Gerade im Duo liege ein Reiz: schrill und ernst, ironisch und reflektiert. Wer ihren Podcast kennt, weiß, dass Humor und Haltung hier eng beieinander liegen – eine Qualität, die dem Format neue Nuancen geben könnte.
Nostalgie ist kein Konzept
Ein einzelner Abend „Wetten, dass..?“ werde das Fernsehen nicht retten, sagt Lückerath. Das wisse auch das ZDF. Nostalgie werde bedient, aber nicht als Zukunftsversprechen verkauft.
Sein Wunsch geht über das Format hinaus: mehr Mut zu neuen Ideen, neuen Köpfen, neuen Erzählweisen. Die Kaulitz-Brüder könnten das alte Lagerfeuer noch einmal entzünden – aber die Zukunft des Fernsehens entscheide sich nicht an einem einzigen Samstagabend.