Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens

Mit Mascha Kaléko durch das Jahr 1956: „Wenn ich eine Wolke wäre“ von Volker Weidermann

Januar 1956: nach 18 Jahren in New York kehrt Mascha Kaléko nach Deutschland zurück und endet schließlich in Berlin, wo sie in den 20er und 30er Jahren am glücklichsten war.

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Stand

Von Autor/in Ina Beyer

Es ist der letzte Tag des Jahres 1955. 

Mit dem Schiff kommt Mascha Kaléko aus New York, wo sie seit 18 Jahren lebt, zurück in ihre alte Heimat. Lange hatten Ernst Rowohlt und sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt sich um sie bemüht, ihr immer wieder geschrieben, sie besucht.

Der Verlag wollte ihr „Lyrisches Stenogrammheft“ wieder herausbringen, jenes kleine Bändchen voller zärtlich-ironischer Großstadtgedichte, mit dem sie 1933 schlagartig berühmt geworden war. 

Endlich Berlin: Heimkehr nach so vielen Jahren 

Nach langem Bitten hatte Mascha Kaléko endlich zugestimmt. Und nun war es also soweit. Ihre Verse würden in ein zweites Leben entlassen werden, aber, und das war ihre Bedingung gewesen, nicht ohne sie. Ein ganzes Jahr lang fährt Mascha Kaléko durch Deutschland. Von Hamburg über München und Stuttgart endlich nach Berlin. 

Ihr eigentliches Ziel war von Anfang an Berlin.

Schreibt Volker Weidermann, der sich für sein Buch mit ihr auf diese „merkwürdigste aller Reisen“ begibt, wie sie ihrem Mann Chemjo in einem ihrer unzähligen Briefe mitteilt.

Nahezu täglich berichtet sie ihm über ihre Erfahrungen und Erlebnisse in der Stadt, die einst ihre gemeinsame war, wo ihr Sohn Steven geboren wurde, aus der sie 1938 vertrieben worden waren. 

Fast wie früher im Romanischen Café 

Ein Mensch war stumm und verschwunden, getilgt aus der Stadt, ihre Bücher aus den Bibliotheken und Buchläden. Und jetzt steht fast jeden Tag ein Gedicht von ihr in einer der Zeitungen. Es ist, als könnte sie noch einmal zum ersten Mal im romanischen Café sitzen, noch einmal von Klabund zum Schweigen aufgefordert werden, noch einmal von Tucholsky zum Weiterreden ermuntert werden. Jederzeit könnte Monty Jacobs sie wieder zu sich in die Redaktion der „Vossischen Zeitung“ bestellen.

Mascha Kaléko geht fast jeden Tag ins Theater in Berlin, begegnet auf rauschenden Festen vielen Mitgestaltern der neuen Zeit. Immer wachsam darauf bedacht, welche Rolle diese in der Vergangenheit gespielt haben.

Beeindruckt ist sie auf einer der vielen Partys, die für sie gegeben werden, vom berühmtesten Kritiker der Stadt Friedrich Luft oder dem Autor Hans Scholz, der in seinem dokumentarischen Roman „Am grünen Strand der Spree“ den Massenmord an den europäischen Juden beschrieben hatte.

Ob sie über die Anwesenheit Wolf Jobst Siedlers, der später zur Legendenbildung Alfred Speers beitrug, so befremdet war wie Volker Weidermann, bleibt offen.

Jedenfalls schwankt auch Mascha Kaléko stets zwischen Entsetzten und Euphorie über Menschen und Zustände im Deutschland und Berlin der 50er Jahre. Urteilt oft hart und unerbittlich. Manchmal ungerecht. So, als sie an ihrer alten Wohnungstür in der Bleibtreustraße 10/11 steht. 

Wiedersehen mit Widersprüchen 

Ich läute. Eine hagere Frau, etwa 40 macht auf, Dienstmädchentyp, aber sie ist die ‚Dame‘. Auf dem Boden im Nebenzimmer spielt ein Baby. Es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt. Die Möbel wirken portierhaft. Ich trage ihr mein Verslein vor. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten ‚Nein nicht möglich.‘ Mein ‚Heimweh‘ nach Berlin ist ein bisschen gedämpft.

Da fährt ihr sogar der sonst sehr verständige und verehrende Volker Weidermann in die Parade, der seine Protagonistin direkt anspricht: 

Es ist jetzt ihre Wohnung, Mascha. Da hilft auch deine sekundenschnelle Verachtung nichts. „Piefkehaushalt“, „Dienstmädchentyp“, portierhafte Möbel“. Verachtung ist eine Waffe, wenn Dichtung und Liebe und Wunderglaube nicht mehr weiterhelfen. Sie dient aber nur zum Selbstschutz. Nicht zum Angriff. Sie öffnet keine Tür. 

Die „Reise ihres Lebens“, wie Mascha Kaléko sie nennt und das Buch im Untertitel heißt, erzählt von all den Aufs und Abs der so lange ersehnten Heimkehr, die keine für immer ist. Volker Weidermann berichtet liebevoll und leidenschaftlich, zitiert immer wieder aus Briefen Mascha Kalékos an ihren Mann Chemjo Vinaver.

Ihre Eindrücke des Jahres 1956 gelangen so sehr unmittelbar zum Leser. Der Autor wiederum ergänzt seine Beschreibungen um biografische Exkurse zu Kalékos Vergangenheit und Zukunft und aufschlussreiche Berichte über Zeitgenossen und Reisestationen. Das Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“: Eine kleine Expedition mit der großen Mascha Kaléko. 

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Ina Beyer