Angesichts aktueller Forderungen nach mehr Arbeit, wie sie zuletzt Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte, regt die Autorin und Literaturkritikerin Daniela Strigl zum Nachdenken über die positiven Seiten der Faulheit an.
In ihrem Buch „Gedankenspiele über die Faulheit“ analysiert sie, warum Müßiggang oft zu Unrecht verurteilt wird. „Faulheit hat in unserer Kultur einen schlechten Ruf, aber das war nicht immer so“, erklärt Strigl im Gespräch mit SWR Kultur.
Muße und Kreativität entstehen nicht beim Schuften
Sie sieht die Wurzeln dieser Haltung in der protestantischen Ethik, die seit der Reformation Arbeit moralisch überhöht habe. Doch Faulheit könne auch produktiv sein, betont sie: „Wenn man lange nichts tut, entsteht manchmal etwas – aus bewusstem Nichtstun.“
Besonders kritisch betrachtet Daniela Strigl sie die politische Instrumentalisierung von Arbeitsmoral. „Das Wort ‚Arbeitsscheue' ist ein gewachsenes Schimpfwort – das zeigt, wie tief diese Abwertung reicht.“
Faulheit reicht zurück bis in die Antike
Feiertage seien für sie ein wichtiger Gegenpol zur Dauerbelastung im Alltag: „Sie sind institutionalisierte Faulheit und deshalb für die Seele unverzichtbar.“ Strigl warnt davor, ausgerechnet in einer Zeit mit technischen Möglichkeiten zur Entlastung weniger Freizeit zuzulassen.
Sie ruft zu einem Mentalitätswandel auf: „Wir müssten den inneren ‚Zwingli‘ überwinden und uns erlauben, Zeit zu verschwenden – das tut gut.“ Dabei verweist sie auch auf antike Denker wie Aristoteles, die den Wert des Ausruhens bereits erkannten. Faulheit, so Strigl, sei kein Laster, sondern ein verkanntes Potenzial.
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