Die soziale Herkunft entscheidet noch immer maßgeblich über den Bildungserfolg eines Kindes. Von 100 Nichtakademikerkindern beginnen nur 27 ein Studium; bei Akademikerkindern sind es 79. Um Chancengerechtigkeit herzustellen und den Zugang zur Hochschulbildung für Arbeiterkinder- also Schülerinnen und Schüler aus Familien ohne Hochschulerfahrung zu erleichtern – hat Katja Urbatsch 2008 die Initiative Arbeiterkind.de gegründet.
Inititiative Arbeiterkind.de unterstützt sogenannte first generation students
Die mittlerweile größte gemeinnützige Organisation in Deutschland zur Unterstützung von Studierenden der ersten Generation ermutigt mit ihrem Netzwerk aus Ehrenamtlichen Studieninteressierte aus Arbeiterfamilien.
Daniel Liebeherr ist so ein Arbeiterkind, er hat am KIT Geschichte und Philosophie studiert und bereitet sich jetzt gerade auf seine Promotion vor. Doch sein Weg war nicht so gradlining wie der vieler Heranwachsender aus sogenannten bildungsnahe Familien:
"Ich war zuerst auf der Hauptschule. Meine Eltern beide Arbeiter. Ich habe dann nach der Hauptschule aber noch mittlere Reife draufgesetzt und bin dann erstmal quer in die IT eingestiegen und hab erst mit Ende 20 mein Abitur nachgeholt. Also ich bin so wirklich diesen ganzen Bildungsweg hochgeklettert."
Heute engagiert sich Daniel bei der Initiative Arbeiterkind. Auch wenn er den Namen mittlerweile für etwas altertümlich hält - heute würde man eher sagen first generation students. Laut Hochschulbildungsreport beginnen nur 27 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus einem Nichtakademikerhaushalt später ein Studium.
Studium: Große familiäre Hürden für Arbeiterkinder
2008 - also vor 17 Jahren - hat Katja Urbatsch die Organisation Arbeiterkind.de gegründet. Sie war ebenfalls die erste in ihrer Familie, die studierte und nennt die Hürden, die es für Nicht-Akademikerkinder zu überwinden gilt:
"Man hat eben keine Vorbilder in der Familie, man kann niemanden fragen, man hat keine Informationen, man ist sehr unsicher, man weiß nicht, wie die eigene Leistungsfähigkeit ist, was einen erwartet, und es gibt große Sorgen bezüglich der Studienfinanzierung. Und das muss man alles alleine bewältigen."
Arbeiterkinder werden bei Schwierigkeiten unterstützt
Die Intiative bei Arbeiterkind.de soll auch zeigen, dass es bereits Vorbilder gibt. Studierende, die aus dem Arbeitermilieu kamen und ihren Weg durchs Studium erfolgreich gegangen sind. Als Ehrenamtliche sind sie in den mittlerweile 80 Ortsgruppen von Arbeiterkind ansprechbar und helfen bei der Überwindung von Schwierigkeiten, die sie oft auch aus eigener Efahrung kennen.
Eine Arbeit, die leider auch heute noch gebraucht wird, betont Daniel. Er organisiert die Karlsruher Gruppe von Arbeiterkind.de und berichtet, dass dort am meisten Nachfragen zur Studienfinanzierung kommen: "Da kam jemand vorbei, der sagte, Ich hab jetzt noch 5€ und das sind meine letzten 5€. Ich hab einen BAföG-Antrag gestellt. Ich bin Waise und das Ding geht einfach nicht voran. Mit dem bin ich dann zum KfW Büro. Und dann hat der übergangsweise einen KFW-Kredit beantragt und auch bewilligt bekommen und hat den dann, als sein BAföG Antrag durch war, sofort wieder zurückgezahlt.
Gründerin Katja Urbatsch | 27.5.2025 Diversity-Tag: So setzt sich ArbeiterKind.de für mehr Chancengleichheit ein
Ganz unabhängig von der Herkunft setzt sich der Verein ArbeiterKind.de für mehr Chancengleichheit ein. Gründerin Katja Urbatsch verrät, wie sie Schüler:innen unterstützt.
Initiave Arbeiterkind will dabei helfen, Vorurteile abzubauen
Die Initiative Arbeiterkind geht auch auf Bildungsmessen und in Schulen. Dort wollen die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer die Heranwachsenden erreichen, wenn es um die Entscheidung geht Studium oder Ausbildung:
"Wir räumen viel mit Vorurteilen auf. Denn viele Leute denken - und kriegen das auch von den Eltern gesagt: Hey, du kannst meinetwegen noch Abitur machen. Danach bitte aber eine Ausbildung, weil ein Studium können wir nicht finanzieren."
Für die Studienfinanzierung von Kindern aus einkommenschwachen Familien gibt es eigentlich das BAföG. Allerdings scheitern viele bereits daran, diese Förderung zu beantragen - denn der bürokratische Aufwand ist groß. Hier können die Arbeiterkind-Gruppen weiterhelfen:
"Bei uns war kürzlich ein Student der Kunsthochschule, der kam mit seinem BAföG-Antrag und hat gesagt, ich habe das Gefühl, ich brauche dafür ein Jurastudium. Da haben wir gesagt: hey, alles klar, kein Problem, wir füllen den jetzt mit dir aus."
Den BAföG-Antrag, so Daniel, müsste man wirklich online mit drei Klicks organisieren können. Das sei noch viel zu kompliziert: "Der Antrag, wenn man sich den jetzt mal anguckt, also auch den, den ich als letztes ausgefüllt habe, der dient einfach auch zur Abschreckung."
Arbeiterkindern fehlt das Wissen der Eltern um den Kosmos Hochschule
Ein großes Problem für die sogenannten first generation students ist auch, dass ihnen die Hintergrundinformationen über die Hochschule oder Universität fehlen. So heißt es dann zum Beispiel:
"Kommst du aus einer Akademikerfamilie, erzählt dir dein Vater oder deine Mutter sehr genau, was du machen musst. Das ist die O-Phase - das heißt Orientierungsphase, da passieren die und die Trinkspiele, also pass auf. Und dann gehst du zur Fachschaft, suchst du dort die alte Klausuren raus und damit bestehst du eher die Prüfung. Das fehlt alles komplett, wenn die Eltern selbst nicht studiert haben, die kennen die Begriffe ja gar nicht und auch der Ductus ist ein ganz anderer."
Auch hier greift die Initiative Arbeiterkind.de unter die Arme und bietet Austausch und Hintergrundinfos in ihrem Netzwerk aus mittlerweile über 6.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfernin über 80 lokalen Gruppen bundesweit an. Und sollte es vor Ort keine Gruppe geben, dann kann man sich auch an das Bundesbüro von Arbeiterkind in Berlin wenden.