Faszination Tour de France

Warum wir Helden auf Rennrädern beim Leiden zusehen wollen

Körperliche Höchstleistung, spektakuläre Bergkulissen und ein Hauch von Tragödie: Die Tour de France zieht Millionen in ihren Bann. Warum das Radrennen mehr ist als Sportereignis und was das Leiden der Fahrer mit antiken Helden zu tun hat, erklärt Kulturwissenschaftler Frank Leinen im Gespräch.

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Wenn sich Hunderttausende an den Alpenpässen versammeln und selbst Radsportmuffel gebannt auf die Fernsehbilder schauen, wird klar: Die Tour de France ist mehr als nur ein Radrennen. „Die Tour ist ein Epos“, sagt Literaturwissenschaftler Frank Leinen – und verweist damit auf den französischen Theoretiker Roland Barthes.

Radprofi Tiesj Benoot fährt bei der 18. Etappe der Tour de France 2025 bergauf Richtung Courchevel Col de la Loze.
Tiesj Benoot kämpft sich die steilen Serpentinen zum Col de la Loze hinauf. Szenen wie diese machen die Tour de France zum Mythos – das Leiden der Fahrer wird zum Spektakel, die Straße zur Bühne für moderne Helden. picture alliance / ipa-agency | Stefano Cavasino/IPA Sport

Wesentlich für den Reiz der Tour ist neben der Faszination für die nahezu übermenschlichen Leistungen auch das damit untrennbar verbundene Leiden der Fahrer, erklärt Leinen, selbst passionierter Rennradfahrer. Die Bilder erschöpfter, durchnässter Profis seien Teil der Ikonografie. „Die Fahrer schwitzen Blut und Wasser – manchmal fast wortwörtlich.“ Das mache den Mythos greifbar.

Wie in der antiken Tragödie bringt das Leiden eine Läuterung. Wir als Zuschauer sind ganz nah dran, emotional wie visuell.

Der Fall Lance Armstrong: Zwischen Heldentum und Fallhöhe

Die Fahrer werden zu modernen Helden stilisiert – doch genau das macht sie angreifbar. „Heldentum bringt immer eine Fallhöhe mit sich“, sagt Leinen. „Lance Armstrong war einst ein Gigant der Landstraße – und fiel umso tiefer.“ Mit nur 21 Jahren gewann Armstrong 1993 überraschend die Straßen-Weltmeisterschaft in Oslo – so jung hatte das bis dahin niemand geschafft.

Lance Armstrong im Trikot des US-Nationalteams bei der Straßenrad-WM 1993 in Oslo, bei der er Weltmeister wurde
Die Geburt eines tragischen Helden: Lance Armstrong bei der Straßenrad-WM 1993 in Oslo. picture alliance / Augenklick/Roth | ROTH/AUGENKLICK

Zwischen 1999 und 2005 siegte er siebenmal bei der Tour de France. Doch alle Titel wurden ihm wegen Dopings aberkannt. Schuld sei auch ein System, das übermenschliche Leistungen erwarte und kaum Platz fürs Scheitern lasse, so Leinen.

Auch wenn der Leistungsdruck im Rennradsport immer wieder kritisiert wird, bleibt die Tour ein harter Wettbewerb. „Es ist brutaler Leistungssport“, betont Leinen. Zwischen Millionengehältern und karger Entlohnung, Hightech-Material und purem Überlebenskampf entstehe ein extremes Spannungsfeld. „Die Konkurrenz ist riesig – jeder kämpft um seine Rolle im Team und im Mythos.“

Nähe als Teil des Konzepts

Einzigartig sei auch die Nähe zu den Sportlern. „Es gibt kaum eine Sportart, bei der Fans buchstäblich neben den Athleten herlaufen können“, sagt Leinen. Die mediale Inszenierung verstärke das noch: Kameras zeigen jede Schweißperle, jede Geste, jede Schwäche – und ermöglichen eine emotionale Identifikation mit den „Helden der Landstraße“.

Entlang der Strecke herrscht Volksfeststimmung: Schon Tage vorher kampieren Fans an den Bergetappen, um sich den besten Platz zu sichern. Sie schwenken Fahnen, halten selbstgemalte Plakate in die Höhe – „Every cyclist is a hero“ stand etwa auf einem Schild – und jubeln den Fahrern zu, als wären es Gladiatoren. Manche rennen sogar ein Stück neben ihnen her, um Teil des Spektakels zu werden.

Tadej Pogacar und weitere Spitzenfahrer kämpfen sich bei der 18. Etappe der Tour de France 2025 den Anstieg nach Courchevel Col de la Loze hinauf.
Tadej Pogacar und weitere Spitzenfahrer kämpfen sich bei der 18. Etappe der Tour de France 2025 den Anstieg zum Courchevel Col de la Loze hinauf – begleitet von frenetischem Jubel der Fans. picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Bernard Papon

Mutmaßlicher Sieg von Tadej Pogačar fast nebensächlich

Dass der Slowene Tadej Pogačar aller Voraussicht nach erneut gewinnt, ist für Leinen eher Randnotiz. Pogačar, der bereits mit Anfang 20 zweimal die Tour für sich entscheiden konnte, gilt als Superstar des modernen Radsports.

Doch was wirklich zählt, ist das größere Bild: das kollektive Miterleben, das Drama, die Ästhetik der Erschöpfung. „Die Tour ist eine Heldenmaschine“, sagt Leinen. Und jede Etappe ein neues Kapitel einer nie endenden, schmerzhaften, glorreichen Geschichte.

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Das Wissen SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Pia Masurczak
Pia Florence Masurczak
Interview mit
Frank Leinen
Onlinefassung
Helen Roth