Wenn sich Hunderttausende an den Alpenpässen versammeln und selbst Radsportmuffel gebannt auf die Fernsehbilder schauen, wird klar: Die Tour de France ist mehr als nur ein Radrennen. „Die Tour ist ein Epos“, sagt Literaturwissenschaftler Frank Leinen – und verweist damit auf den französischen Theoretiker Roland Barthes.
Wesentlich für den Reiz der Tour ist neben der Faszination für die nahezu übermenschlichen Leistungen auch das damit untrennbar verbundene Leiden der Fahrer, erklärt Leinen, selbst passionierter Rennradfahrer. Die Bilder erschöpfter, durchnässter Profis seien Teil der Ikonografie. „Die Fahrer schwitzen Blut und Wasser – manchmal fast wortwörtlich.“ Das mache den Mythos greifbar.
Wie in der antiken Tragödie bringt das Leiden eine Läuterung. Wir als Zuschauer sind ganz nah dran, emotional wie visuell.
Der Fall Lance Armstrong: Zwischen Heldentum und Fallhöhe
Die Fahrer werden zu modernen Helden stilisiert – doch genau das macht sie angreifbar. „Heldentum bringt immer eine Fallhöhe mit sich“, sagt Leinen. „Lance Armstrong war einst ein Gigant der Landstraße – und fiel umso tiefer.“ Mit nur 21 Jahren gewann Armstrong 1993 überraschend die Straßen-Weltmeisterschaft in Oslo – so jung hatte das bis dahin niemand geschafft.
Zwischen 1999 und 2005 siegte er siebenmal bei der Tour de France. Doch alle Titel wurden ihm wegen Dopings aberkannt. Schuld sei auch ein System, das übermenschliche Leistungen erwarte und kaum Platz fürs Scheitern lasse, so Leinen.
Auch wenn der Leistungsdruck im Rennradsport immer wieder kritisiert wird, bleibt die Tour ein harter Wettbewerb. „Es ist brutaler Leistungssport“, betont Leinen. Zwischen Millionengehältern und karger Entlohnung, Hightech-Material und purem Überlebenskampf entstehe ein extremes Spannungsfeld. „Die Konkurrenz ist riesig – jeder kämpft um seine Rolle im Team und im Mythos.“
Nähe als Teil des Konzepts
Einzigartig sei auch die Nähe zu den Sportlern. „Es gibt kaum eine Sportart, bei der Fans buchstäblich neben den Athleten herlaufen können“, sagt Leinen. Die mediale Inszenierung verstärke das noch: Kameras zeigen jede Schweißperle, jede Geste, jede Schwäche – und ermöglichen eine emotionale Identifikation mit den „Helden der Landstraße“.
Entlang der Strecke herrscht Volksfeststimmung: Schon Tage vorher kampieren Fans an den Bergetappen, um sich den besten Platz zu sichern. Sie schwenken Fahnen, halten selbstgemalte Plakate in die Höhe – „Every cyclist is a hero“ stand etwa auf einem Schild – und jubeln den Fahrern zu, als wären es Gladiatoren. Manche rennen sogar ein Stück neben ihnen her, um Teil des Spektakels zu werden.
Mutmaßlicher Sieg von Tadej Pogačar fast nebensächlich
Dass der Slowene Tadej Pogačar aller Voraussicht nach erneut gewinnt, ist für Leinen eher Randnotiz. Pogačar, der bereits mit Anfang 20 zweimal die Tour für sich entscheiden konnte, gilt als Superstar des modernen Radsports.
Doch was wirklich zählt, ist das größere Bild: das kollektive Miterleben, das Drama, die Ästhetik der Erschöpfung. „Die Tour ist eine Heldenmaschine“, sagt Leinen. Und jede Etappe ein neues Kapitel einer nie endenden, schmerzhaften, glorreichen Geschichte.
Sport und Kultur
Diskriminierung Rassismus im Profisport
Die Teams im internationalen Spitzensport sind multikulturell, Trainerstab und Führungsetage aber meist von weißen Männern besetzt. Sportprofis kritisieren rassistische Strukturen.
Sport Wie KI den Sport verändert – Mehr Leistung, weniger Fairness
KI wird nicht müde, eine Kampfrichterin irgendwann schon. KI erkennt selbst bei schnellsten Drehungen eines Turners seine Ungenauigkeiten. Und sie ist ein kostengünstiger Trainer-Ersatz. Von Lena Dillenburg (SWR 2024/2025) | Manuskript und mehr zur Sendung: http://swr.li/ki-im-sport | Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: daswissen@swr.de | Folgt uns auf Mastodon: https://ard.social/@DasWissen