Homosexualität auf dem Spielfeld

Offen – aber nicht frei? So queer ist die Fußball-EM der Frauen

Ein Fünftel aller Spielerinnen der diesjährigen Frauenfußball-EM lebt offen queer – so viele wie noch nie. Doch trotz Regenbogen-Kapitänsbinde und größerer Sichtbarkeit fällt das Thema in der Öffentlichkeit unter den Tisch. Ein Beitrag über queere Identität zwischen Vorbildwirkung und Unsichtbarkeit.

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Von Autor/in Ronny Blaschke

Ein Fünftel aller Spielerinnen lebt queer

Vor jedem großen Sportereignis begibt sich das Medienportal „Outsports“ auf die Suche nach Vorbildern. Auf die Suche nach Athletinnen und Athleten, die in der Öffentlichkeit zu ihrer Homosexualität stehen.

Nun, bei der Fußball-Europameisterschaft in der Schweiz, waren laut „Outsports“ 78 Spielerinnen aktiv, die offen queer leben. Ein Fünftel aller Spielerinnen. Noch vor wenigen Jahren, bei der EM 2017 in den Niederlanden, waren es nur zehn Spielerinnen.

 Fußball als Safe Space

„Bei den Männern im Fußball ist Homosexualität immer noch ein Tabu. Das ist bei den Frauen ganz anders, da ist Queerness längt normalisiert“, sagt die Journalistin Inga Hofmann. Sie berichtet für den Berliner Tagesspiegel seit Jahren über gesellschaftliche Themen im Sport.

 „Viele Spielerinnen haben mir geschildert, dass der Fußball gerade für sie ein Safe Space ist“, so Hoffmann. „Ein Ort, an dem sie genauso sein können wie sie sind, an dem sie sich wohl fühlen, an dem sie sich sicher fühlen.“

Zahlreiche Paare unter den Spielerinnen

Bei der Europameisterschaft waren unter den Spielerinnen zahlreiche Paare mit dabei. Die deutsche Torhüterin Ann-Katrin Berger etwa ist mit der englischen Verteidigerin Jess Carter verlobt. Inga Hofmann berichtet immer wieder über Beziehungen wie diese, vor allem über deren politische Dimension.

Zwei Frauen in gelbem Fussballtrikot küssen sich
Queere Vorbilder im Fußball: Schwedens Magdalena Eriksson küsst Dänemarks Pernille Harder.

Legendär sei bei der EM 2019 der Kuss zwischen der dänischen Spielerin Pernille Harder und der schwedischen Spielerin Magdalena Eriksson gewesen. Harder hatte ihre heutige Verlobte Eriksson im Publikum angefeuert.  

Ikonische Kussszene ging um die Welt

„Nach dem Sieg gab es ein total ikonisches Kussbild“, erinnert sich Hoffmann. „Und beide Spielerinnen haben danach viele Nachrichten von anderen queeren Spielerinnen aus dem Amateurbereich, aus dem Leistungsbereich bekommen, die gesagt haben, wie sehr ihnen das den Rücken gestärkt hat.“ 

Nun bei der EM waren 16 Nationen dabei, Demokratien aus West- und Mitteleuropa. Nur in zwei Ländern, in Italien und Polen, ist die gleichgeschlechtliche Ehe noch nicht gesetzlich verankert.

Könnten sich viel mehr Spielerinnen outen?

Dass bei der EM ein Fünftel aller Spielerinnen offen queer lebt, hält Manuela Kay für bemerkenswert, aber nicht für sensationell. Die Verlegerin des Lesbenmagazins L-Mag befasst sich seit Jahren mit queerem Sport, und sie glaubt, dass mindestens 80 Prozent der Spielerinnen in Teams lesbisch seien.

Natürlich sei es positiv, dass bei der diesjährigen Frauen-EM überall die Regenbogen-Kapitänsbinde getragen wurde. „Aber es wird nie darüber gesprochen, auch nicht in Interviews mit Spielerinnen“, sagt Kay.

„Nicht so offen wie sie alle tun“

„Es ist immer so pseudo-offen. Aber wenn es konkret lesbisch wird, wenn es anfassbar lesbisch wird, dann ist man doch noch ängstlich und nicht so offen wie sie alle tun.“

Im deutschen Fußball ist die Liberalisierung langsam verlaufen. Hartnäckig hält sich die Erzählung vom kontrollwütigen DFB aus den Neunzigerjahren, der das Lesbisch-Sein seiner Spielerinnen zwar duldete, aber nicht das öffentliche Reden darüber.

Vereine geben für queere Anliegen kein Geld aus

Der Verband hat zuletzt die Regenbogenfahne vor seiner Zentrale gehisst und 2021 eine Kompetenz- und Anlaufstelle zu queeren Themen eröffnet. Doch diese Anlaufstelle wurde 2024 wieder abgewickelt..

Das fühle sich für ihn wie ein Scheitern an, sagt dessen ehemaliger Leiter Christian Rudolph. „Wir haben es nicht hinbekommen, Workshop-Angebote zu schaffen. Nicht, weil wir das Konzept dafür nicht haben, sondern weil ich nicht gesehen habe, dass auch nur ein Bundesligaverein dafür Geld ausgeben würde.“

Christian Rudolph wünscht sich queere Vorbilder

Christian Rudolph treibt nun „Sportpride“ voran. Ein Netzwerk für queere Sportlerinnen und Sportler. In diesem Sommer hat „Sportpride“ auf Veranstaltungen und Festivals mit 50 Organisationen zusammengearbeitet.

Christian Rudolph hofft, dass es bald mehr werden. Dafür wünscht er sich queere Vorbilder, so wie gerade bei der EM der Frauen.

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Ronny Blaschke