Er fehlt und doch ist er allgegenwärtig. Gérard Depardieu, der Inbegriff des französischen Kinos, bleibt Cannes 2025 fern. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Verurteilt zu 18 Monaten Haft auf Bewährung wegen sexueller Übergriffe, ein weiterer Prozess droht wegen des Verdachts auf Vergewaltigung.
Verurteilt ausgerechnet am 13. Mai, dem Tag der Eröffnung der Filmfestspiele. Seine Zeit als unangreifbares „monstre sacré“ ist vorbei. Die französische #MeToo-Debatte hat ihn eingeholt – spät, aber mit Wucht.
6.000 Zeug*innen von sexualisierter Gewalt
An seiner Stelle prägt Judith Godrèche das Festival. Ihr Kurzfilm „Moi aussi“ („Ich auch“) versammelt über 6.000 Zeug*innenberichte von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Godrèche, die als Teenager von Regisseuren missbraucht wurde, gibt ihnen in Cannes ein Gesicht – und hält der Branche einen Spiegel vor.
Schon die Assoziation vom „heiligen Monster“ hat mich immer gestört, denn Depardieu ist kein Monster, sondern ein Mann, der offenbar durch Taten, die vor Gericht kamen, entweiht wurde.
Auch dem roten Teppich stehen sie mit den Protagonist*innen ihres Films, stumm, mit zugehaltenem Mund. Godrèches Auftritt ist nicht isoliert. Ein offener Brief, unterzeichnet von Juliette Binoche, Anna Mouglalis und über 100 Filmschaffenden, fordert einen radikalen Kulturwandel.
Die Namen, die neben Depardieu genannt werden, sind Benoît Jacquot, Jacques Doillon, Alain Sarde. Sie stehen für ein System. Für jahrzehntelanges Wegsehen. Für ein Verständnis von Genie, das über dem Gesetz stand. Viele der Vorwürfe sind juristisch verjährt. Aber moralisch nicht.
Hashtags brechen Tabus: #BalanceTonPorc und #MeTooInceste
Frankreichs #MeToo-Welle beginnt nicht erst in Cannes – aber sie wird dort sichtbar. Mit #BalanceTonPorc („Verpfeif dein Schwein“) begann 2017 die französische Debatte über sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch. Später folgte #MeTooInceste, ausgelöst durch Camille Kouchners Buch „La Familia Grande“, über Missbrauch innerhalb der Familie.
Beide Hashtags deckten schmerzhaft auf, wie tief Gewalt in privaten und öffentlichen Räumen verwurzelt ist. Die mediale Resonanz war enorm – und zwang Politik und Justiz zum Handeln.
Verführungskunst galt lange als französisches Kulturgut
Doch warum dauerte es so lange? Die Antwort liegt tief in der französischen Selbstbeschreibung. Man versteht sich als Hüterin der Verführungskunst (séduction), nicht als Land des Einverständnisses (consentement). Die erotische Spannung, der charmante Übergriff – jahrzehntelang galten sie als kulturelle Kompetenz.
Generationen prallen aufeinander
Der offene Brief von Catherine Deneuve und 100 weiteren Frauen 2018 zeigte die tiefe kulturelle Spaltung Frankreichs. Ihre Kritik richtete sich gegen eine vermeintliche „puritanische“ Bedrohung aus den USA. Sie verteidigten eine „Freiheit zu belästigen“ („liberté d'importuner“) und warnten vor Prüderie.
Junge Feministinnen reagierten empört und warfen den Unterzeichnerinnen eine gefährliche Relativierung vor. Seither verläuft die Front zwischen Generationen und gesellschaftlichen Milieus.
Verführungskultur gerät ins Wanken
Es wird immer deutlicher, dass das Land nicht nur eine Gerechtigkeitsdebatte führt, sondern es verhandelt sein Selbstbild. Filme wie „Les Valseuses“ („Die Ausgebufften“, 1974) mit einem jungen Depardieu zelebrierten ein toxisches Männlichkeitsbild, das heute zunehmend problematisiert wird.
Es entsteht ein neuer Blick auf ein Land, dessen Selbstbild jahrzehntelang Erotik und Provokation als kulturelle Markenzeichen feierte – nun jedoch zunehmend kritisch hinterfragt wird. Doch wie viel Moral verträgt Frankreichs Kultur?
Kein Täter soll sich mehr sicher fühlen können
Der Fall Gisèle Pelicot berührte Frankreich tief. Ihr Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ wurde zum Symbol. Der Fall zeigt, wie notwendig es ist, dass Opfer endlich Gehör finden – und wie groß der politische Handlungsbedarf jenseits symbolischer Gesten bleibt.
Umso wichtiger erscheinen Filme und Auftritte wie jener von Judith Godrèche in Cannes. Es ist ein Chance, Kunst zur kritischen Selbstbefragung einer Gesellschaft einzusetzen.
Wo früher der Mythos vom Genie dominierte, steht heute die Forderung nach Respekt und eine umfassende Debatte, die möglicherweise sogar tiefgreifender wirken wird als anderswo.