Früher hieß es: „Da kann man nichts ändern.“
Sich oft jahrzehntelang von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln: Die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Kristin Eichhorn erinnert sich an den Start von #IchbinHanna. Die meisten hätten damals gesagt, „das ist halt in der Wissenschaft so, und da kann man nichts ändern.“
Heute erkenne auch der Wissenschaftsrat an, dass mehr entfristete Stellen erforderlich seien, so die Literaturwissenschaftlerin im Gespräch mit SWR Kultur. Eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes (WissZeitVG) habe noch die Ampel-Regierung vor ihrem Aus geplant. Die schwarzrote Koalition wolle Änderungen laut Koalitionsvertrag eigentlich noch in diesem Jahr beschließen.
Von den Schwierigkeiten des WissZeitVG hätten viele keinen Begriff, sagt Kristin Eichhorn. Dreimal dürfen Verträge mit Nachwuchswissenschaftlern derzeit befristet werden, einmal vor der Promotion, zweimal danach. Die Bewerbung für eine Professur könne nochmals zwei Jahre dauern.
Unsicherheit über Jahrzehnte
Entweder seien viele dann „auf Arbeitslosengeld“, so Kristin Eichhorn, „oder sie haben vielleicht noch irgendein Drittmittelprojekt.“ Über Jahrzehnte sei man immer wieder „gezwungen zu gucken, wo man jetzt sein Geld herkriegt.“
Diese Bedingungen benachteiligten vor allem Frauen. Bundesweit besetzen sie zwar mittlerweile etwa 30 Prozent der Professuren, laut Statistischem Bundesamt etwa doppelt so viele wie 2004. Ihre Karriereplanung, sagt Kristin Eichhorn, sei aber ungleich schwieriger.
Einen Ruf auf eine Professur erhalte man im Schnitt erst mit etwa Anfang 40. Wegen dieser Unsicherheit entschieden sich deshalb viele Frauen, „aus der Wissenschaft früher rauszugehen, weil sie noch eine Familie wollen.“ Auch im Betrieb akademischen Konkurrenzdenkens fühlten sich Frauen als Teamplayer oft nicht wohl.
Erschreckende Opfer für Uni-Karriere
Die Initiative #IchbinHanna ist im Juni 2021 entstanden. Auslöser war ein Erklärvideo des Bundesbildungsministeriums. Darin rechtfertigte eine fiktive Doktorandin namens Hanna die geltenden Beschäftigungsbestimmungen. Viele Betroffene hatten das als realitätsfern und zynisch empfunden.
Eine der Initiatorinnen von #IchbinHanna, die Stuttgarter Philosophieprofessorin Amrei Bahr, hat gerade angekündigt, sich aus der Wissenschaft zurückzuziehen. Nach 14 Jahren Wissenschaftskarriere sei sie erschrocken über das, was sie dafür geopfert habe.
Diskussion Gleiche Chancen für alle? – Sozialer Aufstieg wird immer schwerer
Die Kinder werden es einmal besser haben als die Eltern, wenn sie sich nur genug anstrengen: Dieses Aufstiegsversprechen erfüllt sich in Deutschland immer seltener. Im Gegenteil: Ob Menschen Karriere machen, viel Geld verdienen, sich ein Eigenheim leisten können, hängt weniger vom persönliche Einsatz, sondern mehr vom Reichtum der Eltern ab. Welche Folgen hat das für Einzelne und eine Gesellschaft? Und wie lässt sich dem entgegen wirken? Geli Hensolt diskutiert mit
Dr. Martyna Linartas – Politikwissenschaftlerin und Autorin; Dr. Maximilian Stockhausen – Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V.; Heike Göbel – Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, Frankfurter Allgemeine Zeitung