Die Journalistin Susanne Siegert klärt auf Social Media zehntausende über den Holocaust auf. 2024 wurde sie für diese Arbeit mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. In ihrem neuen Buch „Gedenken neu denken“ fordert Siegert eine neue Erinnerungskultur.
Damit meine sie vor allem, so Siegert im Interview mit SWR Kultur, dass der Begriff des „Erinnerns“ voraussetze, etwas erlebt zu haben. Es gebe aber immer weniger noch lebende Zeitzeugen und Zeitzeuginnen. Stattdessen müsse man zu einer Art des Gedenkens übergehen, der ohne Überlebende funktioniert. Deswegen schlägt Siegert einen anderen Begriff vor. Zum Beispiel „Gedenkarbeit“, um zu betonen, „dass wir eben alle auch da was reinstecken müssen“.
Dazu zähle etwa ein Fokuswechsel: Weg von bekannten Schauplätzen wie Auschwitz oder prominenten Personen wie die Widerstandskämpferin Sophie Scholl – hin zu unbekannteren Tatorten und Menschen, etwa in der eigenen Familiengeschichte. Es gebe viele Perspektiven, so Siegert, die in den letzten Jahrzehnten gefehlt hätten und die man spätestens jetzt beisteuern müsse.
Man dürfe nicht vergessen, wie sehr die Nazi-Verbrechen das Land bis heute prägten:
„Wie unsere Städte heute aussehen, die Beziehungen, die wir untereinander haben in unseren Familien, aber auch das Grundgesetz ist sehr, sehr eingefärbt von den Entwicklungen und den Folgerungen aus dieser Zeit.“