Der große Veränderer

Zum Tod von Jürgen Habermas

Er war der bedeutendste deutsche Philosoph der Nachkriegszeit: Mit seiner Diskurstheorie schuf Habermas den Rahmen für den offenen Meinungsstreit, ein theoretisches Fundament der Demokratie. Nun ist er im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben.

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Von Autor/in Wilm Hüffer

Ein Techniker der Gesellschaft

Jürgen Habermas ist biblisch alt geworden. Er hatte Zeit, Bilanz zu ziehen. Und hat das getan, selbstkritisch und ohne Schwulst. Der wichtigste deutsche Philosoph der Nachkriegszeit ist zeitlebens auf dem Teppich geblieben.

In einem Erinnerungsband äußert er zuletzt sogar den Verdacht, gar kein „richtiger“ Philosoph zu sein. Eher ein Soziologe, ein Techniker der Gesellschaft, interessiert vor allem an praktischen Ergebnissen.

Ich halte das Streben, die Welt um ein Winziges besser zu machen für ein ganz unverächtliches Motiv.

Eine wirkliche Demokratie schaffen

Die Gesellschaft politisch verändern zu wollen: Das wird zum Impuls für Habermas‘ Karriere. Er wächst auf in Gummersbach, kommt 1944 als Fronthelfer an den Westwall, erschrickt in den Nachkriegsjahren über das muffige Klima der Adenauer-Zeit.

Die demokratische Verfassung, so scheint es, steht nur auf dem Papier. Die Gesellschaft wirkt autoritär. Oft führen Altnazis das Wort. So findet der junge Habermas zur Frage seines Lebens: „Wie sich der einzelne in der Gesellschaft - frei übersetzt - Gehör verschaffen könne, ohne dass diese Freiheit von moralischer, religiöser Autorität garantiert werden muss.“

Anders formuliert: Wie schafft man eine Demokratie, die wirklich eine ist? In der man sich offen und rational austauschen kann?

Kein philosophischer Fatalismus

Der Blick von Habermas ist marxistisch geprägt: Er will denen zu ihrem Recht verhelfen, die sich selbst kein Gehör verschaffen können. Er studiert in Göttingen, Zürich und Bonn.

Nach einem Intermezzo als Journalist kommt er nach Frankfurt, wird Mitarbeiter von Max Horkheimer und Theodor Adorno am Institut für Sozialforschung.

Eine konfliktreiche Beziehung. Denn Habermas will keinen philosophischen Fatalismus. Er will gesellschaftlichen Wandel und beginnt öffentlich aufzutreten, wenngleich ihn seine Gaumenspalte zeitlebens hemmt.

Stimme für verletzliche Menschen

Ende der 1960er Jahre sympathisiert er mit den Protesten der Studentenbewegung, sieht hier seine Verbündeten. „Wenn die studentische Opposition wahrlich einen Vorzug hat, dann kann es, meine ich, nur der sein, dass sie Sensibilität auch für die Verletzbarkeit des Menschen - und ich meine einzelne Menschen - zu einer politischen Kategorie erhebt.“

Diesen einzelnen, verletzlichen Menschen will Habermas Stimme verleihen. Was aus Sicht von Rudi Dutschke aber viel zu wenig ist.

Der Wortführer der Studentenbewegung keilt 1967 bei einem Kongress in Hannover zurück: „Professor Habermas, ihr begriffsloser Objektivismus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt.“ Dutschke will keine drögen Theorien, sondern gesellschaftlichen Umsturz.

Einflussreichster Philosoph der Nachkriegszeit

Habermas geht da nicht mit. Unabdingbar ist für ihn Gewaltverzicht. Dutschke entgegnet er deshalb: „Ich bin der Meinung, er hat eine voluntaristische Ideologie hier entwickelt, die man linken Faschismus nennen muss.“

Linker Faschismus: Dieses Wort hat Habermas später bedauert. Hielt aber Distanz zu den totalitären Umtrieben in der 68er-Bewegung. Konservative Intellektuelle hat das nicht gehindert, ihn und die Kritische Schule als geistige Wegbereiter des RAF-Terrors zu bezeichnen. Ein überzogener Vorwurf.

Habermas geht nach Starnberg, als Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der wissenschaftlich-technischen Welt. Dort entsteht sein Hauptwerk: die Theorie des kommunikativen Handelns, die 1981 erscheint. Ihr Thema: der herrschaftsfreie Diskurs in der Gesellschaft.

Durchsetzen sollen sich nicht Macht und Einfluss, sondern die besten Argumente. Mit Karl Otto Apel entwickelt Habermas die dazugehörige Diskursethik. Er ist jetzt der einflussreichste Philosoph der Nachkriegszeit.

Weltbekannt: Jürgen Habermas

Er prägt die großen geisteswissenschaftlichen Auseinandersetzungen, den Positivismus- und den Postmoderne-Streit. Im Historikerstreit bezieht er Position gegen Versuche, Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion als Abwehrkampf gegen den Bolschewismus zu deuten.

Bei der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 1999 in Stuttgart erklärt die damalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach: „Sie, Herr Habermas, haben frühzeitig begriffen, dass man diesen Staat nicht sich selbst überlassen darf, sondern dass man ihn, mit den Worten Carlo Schmids, in die Obhut des Geistes nehmen muss.“

Jürgen Habermas ist jetzt weltbekannt. Er diskutiert mit den großen Philosophen seiner Zeit, darunter Richard Rorty, Hilary Putnam, John Searle und John Rawls, Jacques Derrida und Charles Taylor.

Nüchtern und selbstkritisch

1983 kehrt er nach Frankfurt zurück und arbeitet bis dort zu seiner Emeritierung 1994. Der Ruhm trübt dabei nicht das Urteil von Jürgen Habermas. Der Philosoph bleibt nüchtern und selbstkritisch.

Er diskutiert mit Joseph Kardinal Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Auch religiöse Überzeugungen, findet Habermas, müssten sich im gesellschaftlichen Diskurs bewähren. Ratzinger und auch den französischen Postmodernisten nähert er sich dafür in seiner Kritik an der Ökonomisierung der Lebenswelt.

Einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 erhält er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und erklärt: „Die Sprache des Marktes dringt heute in alle Poren ein, presst alle sozialen Beziehungen in das Schema der je eigenen Präferenzen. Das soziale Band, das aus gegenseitiger Anerkennung geknüpft wird, geht aber in den Begriffen des Vertrages, der rationalen Wahl und der Nutzenmaximierung nicht auf.“

Prophetische Worte: Mit Egoismus und Gier allein lässt sich eine Gesellschaft nicht zusammenhalten.

Ein großer Denker

Im Zeitalter der Krisen vertiefen die gesellschaftlichen Konflikte. Im Zeitalter von Demagogie und Hate Speech scheint der rationale Diskurs à la Habermas weiter entfernt als je zuvor.

Der Philosoph klingt an seinem Lebensende deshalb pessimistisch: In der Vernunft brüte der Defätismus, schreibt er in seinen Erinnerungen. Die Geschichte liefere allenfalls „Spuren der Vernunft“.

Aus denen könne die Philosophie zwar keine Zuversicht schöpfen, aber: „die Ermutigung, die Krisen der Gegenwart offensiv anzugehen, um sie doch noch zu bewältigen.“

Ein skeptisches Fazit eines großen Denkers. Vielleicht hat auch der Veränderer Jürgen Habermas am Ende so viel gar nicht verändert.

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Wilm Hüffer
Wilm Hüffer, Moderator von SWR Kultur am Abend