SWR1 Sonntagmorgen am 26. Mai 2026

Männlichkeit in der Krise? Auf der Suche nach einer neuen Identität

Viele Männer scheinen nicht zu wissen, wohin mit sich: Sie sind unsicher im Umgang mit Frauen, in der Schule abgehängt, leiden an Einsamkeit. Was tun gegen die Männlichkeitskrise?

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Von Autor/in Katharina Osterhammer

"Darf ich dir die Hand auflegen?" Michael Sudahl rückt den Stuhl näher an einen anderen Mann, bevor er die erste Interviewfrage beantwortet. Der Körperkontakt beruhige ihn, sagt er. Hilfe annehmen, nicht alles allein schaffen müssen, das habe er hier gelernt.

Hier, das ist beim Treffen einer Männergruppe. Einmal pro Monat kommen bis zu 14 Männer aus dem Raum Stuttgart für drei Stunden zusammen und beschäftigen sich mit ihrer Männlichkeit. Das klingt nach kraftstrotzenden Stereotypen, doch genau die sollen aufgeweicht werden. Seine Gefühle zu kennen und damit umgehen zu können, das sei männlich, sagt Sudahl.

Unsichere Männer sind konservativer

Die meisten Männer reagieren wütend und verärgert, wenn sie als nicht männlich genug kritisiert werden. Nachgewiesen wurde das in einer Meta-Analyse unter Studienautorin Lea Lorenz von der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern. Wurde den Männern zurückgemeldet, dass sie in Experimenten „wie eine Frau“ agiert hätten, beispielsweise in simulierten Verhandlungen, sie schüchtern wirkten oder sie körperlich unterdurchschnittlich performt hätten, griffen viele verstärkt auf "typisch männliche" Verhaltensweisen und Einstellungen zurück.

Verunsicherte Männer waren dann plötzlich unempathischer und weniger bereit, etwas zu verzeihen. Frauen und sexuellen Minderheiten sprachen sie eher Rechte ab und ihre politischen Einstellungen rutschten stark ins Konservative und Autoritäre.

Radikalisierung im Internet: Frauenfeindliche „Manosphere“ gibt jungen Männern Halt

Außerhalb des Studiensetting lässt sich diese Reaktion jedoch auch im echten Leben beobachten: Vor allem auf Social Media in der sogenannten "Manosphere". Hier tauschen sich oft jüngere Männer mit einer frauenfeindlichen Einstellung untereinander aus. Bekanntester Vertreter der Manosphere ist Andrew Tate, ein US-amerikanisch-britischer Influencer, dem unter anderem Menschenhandel, Vergewaltigung und Körperverletzung vorgeworfen wird.

Muskeln immer unwichtiger: Welche Rolle spielen Männer noch für die Gesellschaft?

Tristan Horx ist Zukunftsforscher und Dozent an der SRH Hochschule Heidelberg. Den aktuellen Hang junger Männer, wieder zu alten Rollenbildern zurückzukehren, ordnet er historisch ein: Im Agrar- und Industriezeitalter hatten Männer durch ihren mukulöseren Körperbau einen Vorteil. "Da ist der Mann der Frau überlegen", sagt Horx. Doch Muskeln werden immer mehr von Maschinen ersetzt. Und damit ändere sich auch die bisherige Funktion des Mannes in der Gesellschaft. Allerdings fehle es an männlichen Vorbildern. Deswegen würden viele junge Männer sich wieder an alten Geschlechterrollen orientieren.

Doch damit stoßen sie vor allem bei Frauen oft auf Ablehnung und landen in einer Sackgasse. Das Dilemma: Frauen werden immer unabhängiger und sind grundsätzlich nicht mehr auf Männer angewiesen. Weltweit gibt es Trends, in denen sie sogar beschließen, ganz ohne Männer leben zu wollen, wie bei der 4B-Bewegung in Südkorea. Studien zeigen: Frauen sind dann am glücklichsten, wenn sie alleinstehend sind – Männer dann, wenn sie in Partnerschaft leben.

Raus aus dem Digitalen: Was hilft gegen die Männlichkeitskrise?

Schon in der Schule erlebten Jungen, dass sie von den Mädchen abgehängt werden, so Horx. Diese schreiben bessere Noten. Auch 60 Prozent der höheren Bildungsabschlüsse entfallen auf junge Frauen. Kognitiv entwickeln sich Jungs später, eine spätere Einschulung könne beispielsweise eine Möglichkeit sein, sie durch das Bildungssystem besser aufzufangen, schlägt Horx vor.

Auch deshalb würden, laut Zukunftsforscher Horx, viele junge Männer vor der aktuellen Überforderung Zuflucht auf Social Media in der Manosphere suchen. "Das ist wie eine Sekte". Es sei Aufgabe der Gesellschaft, bessere und vielfältigere Rollenangebote zu machen. "Wir brauchen wieder analoge Orte, wo sich junge Männer mit erwachsenen, erfahrenen austauschen können." Das Männlichkeitsbild, dass sie hätten, sei nur so gut wie es ihnen in der Gesellschaft vorgelebt werde.

Bewusster Umgang mit Angst- und Ohnmachtsgefühl

Genau damit beschäftigt sich auch die Männergruppe im Raum Stuttgart. Mehrere der Teilnehmer haben selbst Söhne. Ihnen wollen sie vermitteln, mit Frust, Angst und Ohnmacht bewusst umzugehen, statt Gefühle in sich hineinzufressen und an unpassender Stelle zu entladen. Wie das im Alltag geht, das besprechen sie regelmäßig bei ihren Treffen.

Misogyner Trend auf Social Media Prügel, wenn sie nein sagt: Männer trainieren offen Gewalt gegen Frauen

Es klingt absolut absurd, aber einige Männer trainieren physisch, Frauen zu verletzen, wenn diese ihnen einen Korb geben. Und stellen das dann online.

Erstmals publiziert am
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Autor/in
Katharina Osterhammer
Redakteur/in
Claudia Bathe