Eurozentrismus in der Kartografie

Ein „altes Weltbild“? Die Mercator-Karte als Darstellung der Welt steht in der Kritik

Bis heute ist sie Grundlage für Atlanten und Kartendienste: Die Mercator-Karte wurde im 16. Jahrhundert entwickelt, um die Navigation für die Schifffahrt zu erleichtern. Heute steht das Modell in der Kritik, denn die Flächen sind stark verzerrt. Die Karte vermittelt ein falsches Bild von der Welt, vor allem Afrika wirkt dadurch deutlich kleiner. Die Afrikanische Union fordert nun alternative Modelle.

Teilen

Stand

Von Autor/in Sophia Volkhardt

Sie prägt unseren Blick auf die Welt: die sogenannte Mercator-Projektion. Sie wurde vor knapp 500 Jahren entwickelt, um Seefahrern die Navigation zu erleichtern. Damals war die Karte eine Revolution: Die Erdkugel wurde greifbar und darstellbar in 2D in Form eines Zylinders.

Bis heute bleibt die Mercator-Karte der Standard in Büchern, Lehrmaterial und in GPS-Geräten. Das große Problem dabei: die Karte verzerrt unser Bild von der Welt. Die Größenverhältnisse sind stark verändert. Flächen nahe der Pole werden viel größer dargestellt, Gebiete in den Tropen, also in Äquator-Nähe dagegen schrumpfen in dieser Art der Darstellung.

Um es greifbar zu machen: Afrika ist der zweitgrößte Kontinent, eigentlich könnten mehrere Länder wie China, Indien, die USA sowie ein Großteil Europas in Afrika „untergebracht“ werden.

Mercator-Karte in direktem Zusammenhang zur Kolonialisierung

Es entsteht ein im wahrsten Sinne verzerrtes Weltbild, das in vielen Köpfen tief verankert ist. Der Vorteil der Projektion: Die Achsen-und Winkeltreue, die die Lage der Kontinente zueinander sehr genau wiedergebt. Ein Vorteil mit Blick auf die Seefahrt, da mithilfe der Mercator-Karte die exakte Planung effektiver Handelsrouten zur See maßgeblich erleichtert wurde.

Im 16. Jahrhundert blühte dadurch der Kolonialismus. Anhand der neuen Karten wurde unter anderem die Ausbeutung Afrikas organisiert. Die Karte hatte also auch maßgeblich Einfluss darauf, von wo und wie der Handel von Afrika nach Europa ausgestaltet wurde.

1538 Weltkarte in Doppelherzform, herzförmige Kartenprojektion des flämischen Kartografen Gerardus Mercator.
Weltkarte in Doppelherzform von 1538: eine frühe Kartenprojektion des flämischen Kartografen Gerardus Mercator.

Afrikanische Union setzt sich gegen verzerrte Darstellung ein

Gegen diese Darstellung protestiert jetzt die Afrikanische Union. Sie hat sich der Kampagne „Correct the Map“ angeschlossen. Ziel ist es, dass sich Regierungen und Organisationen dafür einsetzen, alternative Modelle zur Darstellung der Erde zu verwenden, die die Größe Afrikas adäquater abbilden, als die Karte des flämischen Kartografen Gerhard Mercator aus dem Jahr 1569.

Kritik an der Mercator-Karte ist auch, dass diese ein koloniales Weltbild reproduziere. Der Historiker und Afrikaforscher Jürgen Zimmerer lehrt an der Universität Hamburg und erklärt, dass Geografie, Kartografie und Kolonialismus historisch eng zusammenhängen.

Eine Debatte um die Korrektur der Darstellung der Welt ist laut Zimmerer wichtig. Die Kartografie sollte an die neusten Erkenntnisse angepasst werden, um nicht falsche Bilder immer weiter zu reproduzieren.

Mann im Grünen
Der Kolonialismusforscher Prof. Dr. Jürgen Zimmerer lehrt an der Universität in Hamburg.

Diskussion um Machtverhältnisse oder Symbolpolitik?

Hinter der Debatte, die von mehreren NGOs seit Jahren immer wieder angestoßen wird, stecke zwar ein Stück weit auch Symbolpolitik, so der Kolonialismusforscher, aber: „Symbole sind auch sehr wichtig“, so Zimmerer.

Wenn Europa weiter als das Zentrum der Welt und oben dargestellt werde, wie in den meisten Darstellungen, könne sich das Bewusstsein schwer verändern. Dabei gebe es bereits auch Karten, die Südamerika oder Südafrika oben darstellen.

Das bringt eine völlig neue Wahrnehmung der Welt.

Eurozentrismus in der Kritik

Karten prägen seit der Kindheit unser Verständnis vom Aufbau der Welt. Sie vermitteln ein Gefühl, welche Region zentral sind und damit eine zentrale Rolle spielen. Und welche, zumindest für uns, weniger zentral sind und am Rand dargestellt werden.

Wo ist das Zentrum der Welt? Je nachdem sieht die Karte anders aus. Man müsse den Menschen näherbringen, dass die Welt unterschiedlich betrachtet werden kann, findet der Historiker Zimmerer.

Weltkarte
Sie eröffnet eine ganz neue Perspektive: Diese gespiegelte Darstellung der Erde.

Der Eurozentrismus beschreibt genau diese Denkweise, die Europa ins Zentrum der Welt rückt und andere Kulturen aus europäischer Perspektive betrachtet und gewertet werden. Europa wird so zum Maßstab – eine Denkweise, die bis in die Kolonialzeit zurückreicht, aber deren Spuren sich heute nicht nur in Karten wiederfinden.

Alternativen zur Mercator-Projektion

Mögliche Alternativen zur Mecator-Karte gibt es: Da ist zum Beispiel die „Equal Earth“-Karte, die versucht, die Länder bei relativer Größe korrekt darzustellen. Die Geodatenbehörde der Vereinten Nationen erklärte, dass geprüft werde, ob diese Karte in Zukunft statt der Mercator-Projektion genutzt werden könnte.

Weltkarte
Diese Darstellung der Erde vermittelt schon ein anderes Bild: die Equal-Earth-Map.

Auch die Gall-Peters-Projektion ist eine mögliche Alternative. Es gibt sie seit 1973. Bei dieser Darstellung werden die Winkel zwar auch verzerrt, das heißt, für Navigationszwecke bietet sie sich weniger an, doch die Größenverhältnisse sind auch realistischer.

Nicht nur die Kartografie problematisch

Die Karten sind ein Teil des kolonialen Erbes. Sie sind nicht die einzigen problematischen Spuren, so der Historiker Jürgen Zimmerer: „Das sind diese ganzen Bilder von einem primitiven Afrika, Südamerika oder Pazifik, die in jeder zweiten ‚Traumschiff‘-Episode wieder aufgewärmt werden“, so Zimmerer. Auch in großen Universitäten, Bibliotheken und Museen im „globalen Norden“ werde dieses Bild weitergetragen.

Erst langsam ändere sich das Weltbild durch den Einfluss von Universitäten in China oder mit Museen auf der arabischen Halbinsel, so der Historiker. Das Denken müsse sich an die Realität anpassen, meint Jürgen Zimmerer.

Das Bild von der Welt, wie es hier verbreitet wird, ist eine Konstruktion aus der Zeit, in der Europa die Welt dominierte. Die Karten und Bilder von der Welt zu verändern und anzupassen, ist da ein wichtiger Schritt.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Sophia Volkhardt
Sophia Volkhardt
Das Interview führte
Kerstin Bachtler
Interview mit
Jürgen Zimmerer