Man muss es ihr lassen: Ingrid Noll ist immer wieder für eine Überraschung gut. Für „Nachteule“ hat sich die inzwischen fast 90-jährige Autorin noch einmal in die Zeit versetzt, in der Mädchen und Jungen mit Pickeln, erster großer Liebe und hochnotpeinlichen Eltern zu kämpfen haben.
Die Lady of Crime Ingrid Noll wird 90 Jahre alt: Von wegen harmlos!
„Ich weiß, dass ich in diesem Alter furchtbar viel heulen musste und selber nicht richtig wusste, warum eigentlich“, erinnert sich Noll an ihre eigene Jugend. „Mein Vater war ganz verzweifelt und sagte immer: ‚Du kannst mir alles sagen‘. Und ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte. Ich war nun rasch am Wasser gebaut.“ Noll erinnert sich noch gut an Verliebtheiten und Gefühlsirrungen.
Eine Heldin mit ungewöhnlichen Fähigkeiten
Die Pubertät – eine Zeit zwischen Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexen. Und so fühlt sich auch Luisa, die Heldin in Ingrid Nolls neuem Roman, innerlich zerrissen. Sie ist eine Außenseiterin in ihrer Klasse und gilt als Streberin, die sich bei den Lehrern beliebt machen will. Ein Mädchen aus behütetem Elternhaus, das vom Papa jeden Morgen zur Schule chauffiert wird.
Freunde hat Luisa nicht und glaubt zu wissen, warum: Sie fühlt sich als Exotin, die schon rein äußerlich überall auffällt. Die Eltern haben sie als kleines Kind adoptiert. Eigentlich kommt sie aus Peru, ist aber in gutbürgerlichen deutschen Verhältnissen in einem schönen Haus am Waldrand groß geworden. Und sie hat eine besondere Fähigkeit: Luisa kann im Dunkeln sehen.
„Ich stellte mir vor, dass man dann lauter Situationen entdeckt und sieht, die einen nichts angehen“, erklärt Noll. „Wo sich andere vielleicht sicher fühlen: Mich sieht ja keiner, es ist stockdunkel. Aber Luisa sieht alles.“
Ein Blick hinter die Fassade einer perfekten Familie
So entdeckt sie zum Beispiel einen Mann, der des Nachts die Familie vom Garten aus mit einem Fernglas beobachtet. Die Eltern sind erschrocken. Aber wie es scheint, weniger durch die überraschende Bedrohung von außen als durch Luisas einzigartige Begabung, von der niemand etwas erfahren darf. Bloß nicht auffallen, immer schön angepasst, lautet die Devise daheim.
Es ist schwer auszuhalten, dieser Familie beim heilen Mutter-Vater-Kind-Spiel zuzusehen. Alle haben ihre Rolle verinnerlicht: Luisa, die als auserwähltes Adoptivkind ihre Dankbarkeit zeigen will; der Vater als erfolgreicher Selfmade-Man; die Mutter, die die die Akademikerin mimt, die Artikel über schöne Gärten und ein Buch über aussterbende Sprichwörter schreibt. Aber – wie heißt es so schön: „Unter jedem Dach ein Ach.“
Ingrid Nolls kleine Romanfamilie steht kurz vor der Implosion. Die Eltern stecken tief in der Midlife- und Ehe-Krise, über die jedoch konsequent voreinander geschwiegen wird. Und Luisa geht ihre eigenen, abseitigen Wege, streift am liebsten durch den dämmrigen Wald, wo sie unversehens auf Tim trifft: einen jungen Mann, scheinbar obdachlos, der sofort ihr Mitgefühl weckt, zugleich eine fatale Faszination ausübt.
Aus dem Leben – Mit der Bestsellerautorin Ingrid Noll
Ein ungewöhnlich ernster Roman
„Ich weiß noch aus der eigenen Jugend, dass es junge Mädchen aus gutem Hause gab, sehr intelligent und klug, die sich dann an einen falschen Mann verliebt haben“, so Noll, „denn die braven Jungs aus der Tanzschule waren langweilig. Und wenn dann ein Außenseiter kam, ein Künstler oder ein viel Älterer, dann war der interessant.“
Die jungen Frauen hätten dann mitunter die Gefahr nicht gewittert, sagt Noll: „Dann kann so etwas passieren wie in meinem Roman, dass es eigentlich ein Verbrecher ist.“ Tim gibt sich hilfsbedürftig, charmant und weiß Luisa perfekt zu manipulieren, die schon bald alle möglichen Tricks anwendet, um ihrem neuen Freund gefällig zu sein und dabei Grenzen überschreitet.
„Nachteule“ ist keine dieser bitterbösen, rabenschwarzen Geschichten, auch kein Aufmarsch skurriler Figuren, die man aus Ingrid Nolls früheren Büchern kennt und liebt. Es ist ein ungewöhnlich ernster Roman, geschrieben ganz aus der Perspektive des 15-jährigen Mädchens, das sehenden Auges auf eine Katastrophe zusteuert. Eine Geschichte mit Sogwirkung, das Ende kommt überraschend schnell.