Von Zendaya bis Timothée Chalamet

„Method Dressing“: Schon fast ein Kostüm

Immer mehr Schauspielerinnen treten in Premierenkleidern auf, die sich in die Welt ihrer Filme einfügen. Was steckt dahinter? Und sind Jungschauspieler darauf angewiesen?

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Von Autor/in Caroline O. Jebens

Ein schlichtes Mädchenkleid, schwarz mit weißen Pünktchen in Blumenform. Das trug Christina Ricci, als der Film „Die Addams Family“ 1991 Premiere feierte. Sie war damals elf Jahre alt und spielte die Hauptrolle der Wednesday Addams. 

Gut dreißig Jahre später würde sie wieder eine Premiere der Addams-Familie feiern, mit der Netflix-Serie „Wednesday“, und bei der Premiere trug sie: ein Tüllkleid mit schwarzen Pünktchen, eine Erwachsenenversion des Kleides von damals quasi, nun noch mit großer Spinne. 

Die Schauspielerinnen Jenna Ortega (links) und Christina Ricci bei der Premiere für "Wednesday", 2022.
Könnte auch ein schickes Halloween-Kostüm sein: Die Schauspielerinnen Jenna Ortega (links) und Christina Ricci bei der Premiere für „Wednesday“, 2022.

Popkulturelle Schwarmintelligenz

Dass es sich hierbei um eine modische Referenz handeln könnte, wurde sogleich im Netz vermutet, wo sich bekanntlich Menschen mit außergewöhnlichem popkulturellem Wissen tummeln.

Kein Bild entgeht dieser Schwarmintelligenz, die über Filme, Schauspieler, Modehäuser und Kollektionen der letzten Jahrzehnte Bescheid weiß, und ihre Erkenntnisse auf den einschlägigen Plattformen mit ihrer Öffentlichkeit teilt.

Es wundert also nicht, dass sich Filmgeschäft und Modehäuser dieser kostenlos Werbemaschine – dem Diskurs im Internet – zu bedienen sucht. 

So trat die neue Wednesday Addams Jenna Ortega bei der Serienpremiere 2022 in einem pechschwarzen Versace-Kleid mit schwarzem Schleier auf. Auch für die zweite Staffel trug sie einen aufwändigen Look in Knochenweiß, ihre Kolleginnen trugen Blutrot und Rabenschwarz.

Falls es noch nicht klar war: Die Mitglieder der Addams-Familie sind Goths, und so tragen die Darstellerinnen diese Ästhetik in Kleidern zu Schau, die schon fast Halloweenkostüme sein könnten.  

Die US-amerikanische Schauspielerin Zendaya nimmt am Fototermin für den Film Challengers auf der Terrasse des Hotels Hassler in Rom teil.
Vom Tennisplatz inspiriert, ein Look für die sozialen Medien: Zendaya beim Fototermin für den Tennisfilm "Challengers" in Rom – an den Stilettos Tennisbälle, das Kleid einem Tennisrock nachempfunden. Bild in Detailansicht öffnen
Premiere von „Die kleine Meerjungfrau“ am Leicester Square in London mit Halle Bailey, 2023
Ein muschelähnliches Kleid, umgeben von Korallen: Halle Bailey 2023 bei der Premiere von „Arielle, die Meerjungfrau“. Bild in Detailansicht öffnen
Timothée Chalamet bei der Weltpremiere von „Wonka“ in der Royal Festival Hall, London, 2023.
Ein stylischer Willy Wonka? Timothée Chalamet trägt bereits bei der Weltpremiere von „Wonka“ Premiereoutfits, die seinem Kostüm im Film sehr nahe kommen. Royal Festival Hall, London, 2023. Bild in Detailansicht öffnen
„A Complete Unknown“-Premiere mit Timothée Chalamet in New York, 2024
Plötzlich blond? Timothée Chalamet referierte für die „A Complete Unknown“-Premiere in New York, 2024, auf einen Look, den Bob Dylan selbst 2003 auf dem Sundance-Filmfestival trug. Bild in Detailansicht öffnen
Die Schauspielerin Anya Taylor-Joy bei der Premiere zu "Der Super Mario Bros. Film" in einem rosa Rennfahreranzug von Dior.
Ist das schon Cosplay? Schauspielerin Anya Taylor-Joy 2023 bei der Premiere zu „Der Super Mario Bros. Film“ in einem Rennfahreranzug von Dior. Taylor-Joy lieh der Videospiel-Prinzessin Peach ihre Stimme. Bild in Detailansicht öffnen
Taron Egerton bei der Premiere zu seinem Film "Rocketman", 2019, in New York
Taron Egerton bei der Premiere zu seinem Film „Rocketman“, 2019, in New York: Die Jacke trägt er auch in seiner Rolle als Elton John im Film. Auch die Fans erschienen im typischen Look des britischen Popstars. Bild in Detailansicht öffnen

„Method Dressing“ und der kulturindustrielle Schaltkreis

Für dieses modische Spiel mit den Referenzen und der Ästhetik bestimmter Film- und Serienwelten hat sich derweil ein Name gefunden: „Method Dressing“, angelehnt ans „Method Acting“, die berühmte Schauspieltechnik von Lee Strasberg und Konstantin Stanislawski. 

Der Journalist André-Naquian Wheeler beschrieb diese modische Technik zuerst 2023 in der „Vogue“ als „eine Möglichkeit, das filmische Universum eines Films schon vor der Premiere auf den roten Teppich auszuweiten“. In postpandemischen Zeiten schien sich hier eine neue Lust an campy Mode entwickelt zu haben.

Das französische Modemagazin „Numéro“ merkte an, dass „Method Dressing“ als Begriff nicht ganz passe. Das „Method Acting“ ziele auf eine naturalistische Schauspieldarstellung ab, während es sich in dieser inszenierten Form vielmehr um eine Art Performancekunst handle, die sich an Elementen des japanischen Cosplays bediene.

Die australische Schauspielerin Margot Robbie während der Pressekonferenz zum Film „Barbie“ in Seoul, Südkorea, 2023
Gleicht schon fast einem Cosplay-Kostüm: Die australische Schauspielerin Margot Robbie in Pink während der Pressekonferenz zum Film „Barbie“ in Seoul, Südkorea, 2023.

Vom roten Teppich zum Coretrend: Die Erfolgsstrategie von „Barbie“

Besonders ausgeprägt war das bei der Werbekampagne für den Film „Barbie“ 2023 zu beobachten, bei der die Schauspielerin Margot Robbie gefühlt ein ganzes Jahre lang rosa-bunte Looks von Versace, Chanel und Balmain trug, und so als lebende Puppe vor den Premierenkulissen posierte. 

Es war der perfekte kulturindustrielle Schaltkreis: Eine Puppenmarke als Film, die Premieren als Laufsteg für Modehäuser, die Schauspielerin als fiktive Kunstfigur und reale Werbefläche zugleich. Aus ihren Looks entstand gar ein eigener Trend zum Rosa, der sich einen Sommer lang hielt: Barbiecore. 

Blake Lively (v.l.n.r.), Regisseur Paul Feig und Anna Kendrick bei der "A Simple Favor"-Premiere, 2018.
Blake Lively (v.l.n.r.), Regisseur Paul Feig und Anna Kendrick bei der Premiere zu „A Simple Favor“, 2018. Lively hatte damals Anzüge, die der ihrer Rolle im Film entsprachen, auch privat getragen. So wurden Paparazzi-Fotos zu Werbebildern für den Film.

Pressewirksame Kleider auf Paparazzi-Fotos

Schauspielerinnen und Schauspieler müssen natürlich immer ihre Filme bewerben, doch durch die sozialen Medien ist es ein Leichtes für die Pressearbeit geworden, an die Rolle angelehnte Looks abseits der Leinwand zu inszenieren.

Die Schauspielerin Blake Lively war wohl einer der Ersten, die das für sich nutzte. Bereits 2018 trug sie auch privat feminine Nadelstreifenanzüge, die dem Outfit ihrer Hauptrolle in „A Simple Favor“ entsprachen. So sah man sie auf zahlreichen Paparazzi-Fotos quasi im Kostüm, was Interesse weckte.

"Wicked"-Premiere mit Cynthia Erivo (links) und Ariana Grande in Los Angeles, 2024.
Als wären die grüne Hexe Elphaba und die rosa-liebende Galinda dem Film entsprungen: „Wicked“-Premiere mit Cynthia Erivo (links) und Ariana Grande in Los Angeles, 2024.

Wo endet die Rolle?

Im Zeitalter der Franchises und Neuauflagen wird die Diegese, die Welt des Films, durch „Method Dressing“ aber auch auf Schauspielerkörpern weitererzählt.

So wie Glinda die Gute und Elphaba, die vermeintlich böse Hexe des Westens, in der Zauberer-von-Oz-Neuauflage „Wicked“ (2014), inszenierten sich deren Darstellerinnen Ariana Grande und Cynthia Erivo auf der Pressetour als eingeschworene Freundinnen in Rosa und Grün. Grande übernahm gar die blonde Frisur als Teil ihres neuen Images.

Auch Schauspielerin Halle Bailey trug zu zahlreichen Anlässen muschelähnliche Kleider, bevor „Arielle, die Meerjungfrau“ 2023 überhaupt Premiere feierte. Sie vermittelte damit: Solange ich diese Rolle spiele, nehme ich sie überall hin mit.

Popkulturelle Referenzen als Währung der Aufmerksamkeitsökonomie

Dabei passt der Begriff „Method“ vielleicht doch ganz gut: Bei der Schauspieltechnik wird gern missverstanden, dass es weniger darum geht, „Echtes“ wieder zu durchleben, sondern sich durch eine konkrete Erinnerung – ein Bild – an ein Gefühl zu erinnern.

Das wird im übertragenen Sinne auch beim „Method Dressing“ angewendet, wenn auf ein kollektives Popkulturgedächtnis Bezug genommen wird. Als der Schauspieler Timothée Chalamet für die Premiere des Bob-Dylan-Biopics „Like A Complete Unknown“ letztes Jahr überraschend mit blonden Haaren und Mütze auftauchte, spielte er auf einen Look von Bob Dylan an, der auch für ihn untypisch war. 

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Die Produktionsfirma konnte sich darauf verlassen, dass die Kenner im Netz die Bilder des Sängers vom Sundance Filmfestival 2003 zutage fördern würden.

Globale Pressetouren mit solchen „Method Dressing“-Looks anzureichern, hat dabei einen sehr konkreten Vorteil: Selbst die vierte Premiere wird dadurch noch berichtenswert, wenn der Look nur kenntnisreich und kreativ genug ist. Smarte Popkultur-Referenzen werden so zur wertvollen Währung in der übersättigten Aufmerksamkeitsökoomie.

Social-Media-Beitrag auf Instagram von tchalamet_world

Momentum für Jungschauspielerinnen schaffen?

Dass es aber vornehmlich Jungschauspielerinnen und -darsteller sind, die sich dieser „Method“-Looks bedienen, verweist auch darauf, dass es für die nachwachsende Generation schwieriger geworden ist, Momentum für ihre Karrieren zu schaffen.

So wie „going method“ für (vor allem männliche) Schauspieler als Beweis ihrer Hingabe zur Kunst gedeutet wird (und als Garant für Oscarnominierungen gilt), lässt sich auch bei diesen „Method“-Looks ein gewisser Eifer ablesen. 

Zendaya in Thierry Mugler bei der Weltpremiere von „Dune: Part Two“ im Leicester Square Gardens in London, 2024.
Im Vintagelook den Film bewerben: Zendaya in Thierry Mugler bei der Weltpremiere von „Dune: Part Two“ im Leicester Square Gardens in London, 2024.

Zendaya glänzt auf dem roten Teppich mit „Method“-Looks

Besonders die Schauspielerin Zendaya hat sich diesem Styling verschrieben. Gemeinsam mit ihrem Stylisten Law Roach, der sich selbst als „Image-Architekt“ bezeichnet, soll sie ganze Archive wälzen, um geistreiche Entwürfe für sich zu finden.

Als sie dann für die Premiere des Science-Fiction-Films „Dune: Part Two“ 2024 in einer futuristischen Rüstung aus einer Thierry-Mugler-Kollektion von 1995 auftauchte, konnte sie sich der Aufmerksamkeit gewiss sein. Sie wandte das Prinzip auch für ihre Filme „Spiderman“ und „Challengers“ an.

Dass dieses Styling als Teil einer größeren Strategie funktionieren kann, lässt sich auch daran ablesen, dass sie gemeinsam mit Margot Robbie als größter Kinopublikumsmagnet unter 35 Jahren gilt

Entspannte Neunziger?

Die Liste von Hollywoods Zugpferden wird derweil weiterhin von den großen Stars der Neunzigerjahre angeführt. Und blickt man in die Archive der Premierenlooks dieser Zeit, dann sehen die Stars damals erfrischend ungestylt aus: ein monochromes Kleid, die Haare offen, ein schwarzer Anzug, vielleicht eine Sonnenbrille. 

Doch die Vorläufer sind schon da: Und würde man Christina Riccis Mädchenkleid einen weißen Kragen hinzufügen, könnte es auch von Wednesday Addams getragen werden. 

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