Ein schlichtes Mädchenkleid, schwarz mit weißen Pünktchen in Blumenform. Das trug Christina Ricci, als der Film „Die Addams Family“ 1991 Premiere feierte. Sie war damals elf Jahre alt und spielte die Hauptrolle der Wednesday Addams.
Gut dreißig Jahre später würde sie wieder eine Premiere der Addams-Familie feiern, mit der Netflix-Serie „Wednesday“, und bei der Premiere trug sie: ein Tüllkleid mit schwarzen Pünktchen, eine Erwachsenenversion des Kleides von damals quasi, nun noch mit großer Spinne.
Popkulturelle Schwarmintelligenz
Dass es sich hierbei um eine modische Referenz handeln könnte, wurde sogleich im Netz vermutet, wo sich bekanntlich Menschen mit außergewöhnlichem popkulturellem Wissen tummeln.
Kein Bild entgeht dieser Schwarmintelligenz, die über Filme, Schauspieler, Modehäuser und Kollektionen der letzten Jahrzehnte Bescheid weiß, und ihre Erkenntnisse auf den einschlägigen Plattformen mit ihrer Öffentlichkeit teilt.
Es wundert also nicht, dass sich Filmgeschäft und Modehäuser dieser kostenlos Werbemaschine – dem Diskurs im Internet – zu bedienen sucht.
So trat die neue Wednesday Addams Jenna Ortega bei der Serienpremiere 2022 in einem pechschwarzen Versace-Kleid mit schwarzem Schleier auf. Auch für die zweite Staffel trug sie einen aufwändigen Look in Knochenweiß, ihre Kolleginnen trugen Blutrot und Rabenschwarz.
Falls es noch nicht klar war: Die Mitglieder der Addams-Familie sind Goths, und so tragen die Darstellerinnen diese Ästhetik in Kleidern zu Schau, die schon fast Halloweenkostüme sein könnten.
„Method Dressing“ und der kulturindustrielle Schaltkreis
Für dieses modische Spiel mit den Referenzen und der Ästhetik bestimmter Film- und Serienwelten hat sich derweil ein Name gefunden: „Method Dressing“, angelehnt ans „Method Acting“, die berühmte Schauspieltechnik von Lee Strasberg und Konstantin Stanislawski.
Der Journalist André-Naquian Wheeler beschrieb diese modische Technik zuerst 2023 in der „Vogue“ als „eine Möglichkeit, das filmische Universum eines Films schon vor der Premiere auf den roten Teppich auszuweiten“. In postpandemischen Zeiten schien sich hier eine neue Lust an campy Mode entwickelt zu haben.
Das französische Modemagazin „Numéro“ merkte an, dass „Method Dressing“ als Begriff nicht ganz passe. Das „Method Acting“ ziele auf eine naturalistische Schauspieldarstellung ab, während es sich in dieser inszenierten Form vielmehr um eine Art Performancekunst handle, die sich an Elementen des japanischen Cosplays bediene.
Vom roten Teppich zum Coretrend: Die Erfolgsstrategie von „Barbie“
Besonders ausgeprägt war das bei der Werbekampagne für den Film „Barbie“ 2023 zu beobachten, bei der die Schauspielerin Margot Robbie gefühlt ein ganzes Jahre lang rosa-bunte Looks von Versace, Chanel und Balmain trug, und so als lebende Puppe vor den Premierenkulissen posierte.
Es war der perfekte kulturindustrielle Schaltkreis: Eine Puppenmarke als Film, die Premieren als Laufsteg für Modehäuser, die Schauspielerin als fiktive Kunstfigur und reale Werbefläche zugleich. Aus ihren Looks entstand gar ein eigener Trend zum Rosa, der sich einen Sommer lang hielt: Barbiecore.
Pressewirksame Kleider auf Paparazzi-Fotos
Schauspielerinnen und Schauspieler müssen natürlich immer ihre Filme bewerben, doch durch die sozialen Medien ist es ein Leichtes für die Pressearbeit geworden, an die Rolle angelehnte Looks abseits der Leinwand zu inszenieren.
Die Schauspielerin Blake Lively war wohl einer der Ersten, die das für sich nutzte. Bereits 2018 trug sie auch privat feminine Nadelstreifenanzüge, die dem Outfit ihrer Hauptrolle in „A Simple Favor“ entsprachen. So sah man sie auf zahlreichen Paparazzi-Fotos quasi im Kostüm, was Interesse weckte.
Wo endet die Rolle?
Im Zeitalter der Franchises und Neuauflagen wird die Diegese, die Welt des Films, durch „Method Dressing“ aber auch auf Schauspielerkörpern weitererzählt.
So wie Glinda die Gute und Elphaba, die vermeintlich böse Hexe des Westens, in der Zauberer-von-Oz-Neuauflage „Wicked“ (2014), inszenierten sich deren Darstellerinnen Ariana Grande und Cynthia Erivo auf der Pressetour als eingeschworene Freundinnen in Rosa und Grün. Grande übernahm gar die blonde Frisur als Teil ihres neuen Images.
Auch Schauspielerin Halle Bailey trug zu zahlreichen Anlässen muschelähnliche Kleider, bevor „Arielle, die Meerjungfrau“ 2023 überhaupt Premiere feierte. Sie vermittelte damit: Solange ich diese Rolle spiele, nehme ich sie überall hin mit.
Popkulturelle Referenzen als Währung der Aufmerksamkeitsökonomie
Dabei passt der Begriff „Method“ vielleicht doch ganz gut: Bei der Schauspieltechnik wird gern missverstanden, dass es weniger darum geht, „Echtes“ wieder zu durchleben, sondern sich durch eine konkrete Erinnerung – ein Bild – an ein Gefühl zu erinnern.
Das wird im übertragenen Sinne auch beim „Method Dressing“ angewendet, wenn auf ein kollektives Popkulturgedächtnis Bezug genommen wird. Als der Schauspieler Timothée Chalamet für die Premiere des Bob-Dylan-Biopics „Like A Complete Unknown“ letztes Jahr überraschend mit blonden Haaren und Mütze auftauchte, spielte er auf einen Look von Bob Dylan an, der auch für ihn untypisch war.
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Die Produktionsfirma konnte sich darauf verlassen, dass die Kenner im Netz die Bilder des Sängers vom Sundance Filmfestival 2003 zutage fördern würden.
Globale Pressetouren mit solchen „Method Dressing“-Looks anzureichern, hat dabei einen sehr konkreten Vorteil: Selbst die vierte Premiere wird dadurch noch berichtenswert, wenn der Look nur kenntnisreich und kreativ genug ist. Smarte Popkultur-Referenzen werden so zur wertvollen Währung in der übersättigten Aufmerksamkeitsökoomie.
Momentum für Jungschauspielerinnen schaffen?
Dass es aber vornehmlich Jungschauspielerinnen und -darsteller sind, die sich dieser „Method“-Looks bedienen, verweist auch darauf, dass es für die nachwachsende Generation schwieriger geworden ist, Momentum für ihre Karrieren zu schaffen.
So wie „going method“ für (vor allem männliche) Schauspieler als Beweis ihrer Hingabe zur Kunst gedeutet wird (und als Garant für Oscarnominierungen gilt), lässt sich auch bei diesen „Method“-Looks ein gewisser Eifer ablesen.
Zendaya glänzt auf dem roten Teppich mit „Method“-Looks
Besonders die Schauspielerin Zendaya hat sich diesem Styling verschrieben. Gemeinsam mit ihrem Stylisten Law Roach, der sich selbst als „Image-Architekt“ bezeichnet, soll sie ganze Archive wälzen, um geistreiche Entwürfe für sich zu finden.
Als sie dann für die Premiere des Science-Fiction-Films „Dune: Part Two“ 2024 in einer futuristischen Rüstung aus einer Thierry-Mugler-Kollektion von 1995 auftauchte, konnte sie sich der Aufmerksamkeit gewiss sein. Sie wandte das Prinzip auch für ihre Filme „Spiderman“ und „Challengers“ an.
Dass dieses Styling als Teil einer größeren Strategie funktionieren kann, lässt sich auch daran ablesen, dass sie gemeinsam mit Margot Robbie als größter Kinopublikumsmagnet unter 35 Jahren gilt.
Entspannte Neunziger?
Die Liste von Hollywoods Zugpferden wird derweil weiterhin von den großen Stars der Neunzigerjahre angeführt. Und blickt man in die Archive der Premierenlooks dieser Zeit, dann sehen die Stars damals erfrischend ungestylt aus: ein monochromes Kleid, die Haare offen, ein schwarzer Anzug, vielleicht eine Sonnenbrille.
Doch die Vorläufer sind schon da: Und würde man Christina Riccis Mädchenkleid einen weißen Kragen hinzufügen, könnte es auch von Wednesday Addams getragen werden.