Neue Datenbank zu Zwangsmedizin

Opfer der NS-Medizin: „Diese Datenbank ist ein digitales Mahnmal“

Bisher stand die Täterseite im Fokus, wenn es um die NS-Verbrechen in der Medizin geht. Eine interaktive Datenbank rückt nun die Opfer und ihre Biografien ins Zentrum – und dient als digitale Gedenkstätte für Angehörige.

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Stand

Zwischen 1933 und 1945 wurden tausende Menschen in Europa Opfer medizinischer Gewalt durch das NS-Regime. Viele wurden zu Forschungszwecken missbraucht – lebendig oder nach ihrer Ermordung. Jahrzehntelang lagerten Gewebeproben dieser Opfer in medizinischen Archiven.

Neue Datenbank als digitales Mahnmal

Nun gibt es erstmals eine Datenbank, die diesen Menschen ihre Namen, Biografien und damit auch ein Stück Würde zurückgibt.

Initiiert wurde das Projekt von der Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsakademie Leopoldina. Beide Institutionen tragen auch institutionelle Verantwortung: Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Vorgängerin der Max-Planck-Gesellschaft, war aktiv in medizinische Verbrechen des Nationalsozialismus involviert.

„Diese Datenbank ist ein digitales Mahnmal“, sagt Heinz Wässle, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung, im Gespräch mit SWR Kultur am Morgen. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert er den Talmud als Leitmotiv für das Projekt.

KZ-Arzt Josef Mengele
KZ-Arzt Josef Mengele (Mitte) in Auschwitz – verantwortlich für grausame Menschenversuche, bei denen er Kinder quälte, Zwillingspaare verstümmelte und unzählige Häftlinge in den Tod schickte. Sein Name steht bis heute als Symbol für die mörderische Perversion der NS-Medizin. UIG

Über 16.000 Namen – erstmals öffentlich zugänglich

Die neue Datenbank verzeichnet mehr als 16.000 Opfer nationalsozialistischer Zwangsmedizin. Besonders ausführlich dokumentiert sind rund 1.700 Patientinnen und Patienten mit geistiger Behinderung, die zwischen 1939 und 1945 ermordet und deren Gehirne anschließend von Wissenschaftlern der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für Forschungszwecke genutzt wurden.

Die biografischen Daten wurden seit 2017 von einer unabhängigen Historikergruppe aufgearbeitet, finanziert von der Max-Planck-Gesellschaft.

Bisher lag der Fokus der Forschung auf den Tätern. Mit der Datenbank stehen endlich die Opfer im Zentrum – mit Namen, Geschichten und Zusammenhängen.

Wissen, Würde und Wirkung

Die Datenbank soll nicht nur die historische Forschung unterstützen, sondern auch als eine digitale Gedenkstätte für Angehörige und die Öffentlichkeit dienen. Die beteiligten Historiker*innen haben, wo es möglich war, mit Nachfahren der Opfer Kontakt aufgenommen.

Die Datenbank macht zudem deutlich: Die medizinische Forschung der NS-Zeit brachte keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern unermessliches Leid. Gerade in der Hirnforschung seien keine verwertbaren Erkenntnisse aus diesen grausamen Experimenten gewonnen worden.

Das Projekt stellt zudem eine interaktive Landkarte zur Verfügung, die mit medizinischen Verbrechen während des Nationalsozialismus verbunden sind. Auch der Südwesten war involviert.

Screenshot einer Landkarte, die nationalsozialistische Medizinverbrechen verzeichnet
Die Karte des Projekts macht solche Orte sichtbar und zeigt das Ausmaß sowie die geografische Verteilung nationalsozialistischer Medizinverbrechen. Markiert ist die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen, wo in der NS-Zeit Patientinnen und Patienten Opfer von Zwangssterilisationen, Deportationen und systematischer Vernachlässigung wurden. Screenshot / https://ns-medical-victims.org/map / OpenStreetMap

Ein Beitrag zur Erinnerungskultur

Die Max-Planck-Gesellschaft hatte bereits zwischen 1997 und 2007 die Verstrickungen ihrer Vorgängerin in einem groß angelegten Forschungsprojekt untersuchen lassen. Damals stand die Täterseite im Fokus. Jetzt rückt das neue Projekt die individuellen Opferbiografien in den Mittelpunkt.

In manchen Familien war das Schicksal eines ermordeten Angehörigen völlig unbekannt. Jetzt kommt diese verdrängte Geschichte wieder ans Licht.

Damit leistet die Datenbank einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur im digitalen Zeitalter und erinnert daran, dass auch in der Wissenschaft Verantwortung niemals endet.

28.8.1964 Auschwitzprozess: Ärzte im "Zigeunerlager" – Der Name "Mengele" taucht auf

28.8.1964 | Der erste Auschwitzprozess fand zwischen 1963 und 1965 in Frankfurt am Main statt. Zu den zentralen Themen des ersten Auschwitzprozesses gehörte die Frage, welche Ärzte die "Selektion“ betrieben haben. Damit ist die Aussonderung von kranken und alten Gefangenen gemeint, die unmittelbar der Tötung zugeführt werden sollten. Bei den Selektionen waren meist Ärzte dabei; ihnen oblag die Entscheidung über Leben oder Tod.
Die Vernehmung des Zeugen und späteren Nebenklägers Aron Bejlin durch Richter Hans Hofmeyer am 28. August 1964 dreht sich um diese Frage. Bejlin war selbst Arzt und lebte in seiner Häftlingsbaracke mit anderen Ärzten zusammen. In unmittelbarer Nachbarschaft befand sich das "Zigeunerlager“, wo laufend Selektionen stattfanden. Innerhalb kurzer Zeit, so der Zeuge, waren alle Zigeuner vernichtet. Im Lagerjargon gab es den "Goebbels-Kalender“ – ein makabrer Begriff für jüdische Feiertage, an denen die SS besonders viele Vergasungen unternahm.
Aron Bejlin wurde, wie viele Ärzte unter den Häftlingen, zu pflegerischen Aufgaben abgestellt und berichtet von 40 griechischen Jungs, die er mit seinen primitiven Verbandsmaterialien nicht versorgen konnte. Den Kindern hatte der Lagerarzt Horst Schumann mit Röntgenstrahlen die Hoden verbrannt.
Bejlin erwähnt mehrmals in der Vernehmung den Lagerarzt Josef Mengele. Er ist heute für seine medizinische Experimente an Gefangenen berüchtigt und rückte erst durch diesen Prozess ins Bewusstsein der Strafverfolgung. Mengele starb unbehelligt 1979 in Südamerika.

Nationalsozialismus NS-Verbrechen in der Wissenschaft – Wie Universitäten mit ihrer Vergangenheit umgehen

In der NS-Zeit haben Universitäten mit ihrer Forschung die Nazi-Rassenideologie unterstützt. Erst spät setzt sich die Wissenschaft damit auseinander. Gelingt die Aufarbeitung?

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