Die Erwartungen an den Umgang mit Tieren ändern sich: Seit einiger Zeit stehen Rettung, Pflege und Schutz anderer Lebewesen häufiger im Mittelpunkt.
Der neue SWR Kultur Podcast „Mit Tieren sprechen“ greift diese Entwicklung auf: Er porträtiert Menschen, die Tieren respektvoll begegnen und Beziehungen zu ihnen aufbauen. Ihr Ziel ist dabei nicht Dressur, sondern Verständigung.
Darum geht es im Podcast
Die Journalistin Natalie Putsche trifft Personen, die über Jahre die Signale einzelner Tiere lesen gelernt haben. In persönlichen Gespräche wird erfahrbar gemacht, wie Nähe, Zeit und Aufmerksamkeit es möglich machen, mit Tieren zu kommunizieren.
Viele der Begegnungen beginnen mit einer Tierrettung. Aus der Praxis im Umgang mit ihnen entsteht eine Art Grammatik des Zusammenlebens mit Tieren.
Vielfältige Kommunikation unter Tieren: Von Gesten bis Gerüchen
Der sprachbegabte Mensch ignoriert gern, wie vielfältig die Kommunikation im Tierreich ist. Studien aus Ethologie, Kognitionswissenschaft und Linguistik zeigen: Tiere tauschen präzise Informationen aus. Das geschieht über Laute, Gesten, Körperkontakt und Gerüche.
Rinder und Kälber rufen sich mit individuellen Lauten. Schweine variieren Grunzen und Quieken je nach Situation und Erregung. Und Hunde verstehen Zeigegesten und Tonfall von Menschen und setzen selbst Gesten ein.
Bei Singvögeln trägt die Silbenstruktur Informationen über Gefahr und Distanz. Meeressäuger nutzen Namenspfeife, Rhythmus und hierarchisch aufgebaute Gesänge. Selbst Insekten wie Honigbienen übermitteln mit einem Tanz Richtung, Entfernung und Qualität einer Futterquelle.
Sprache als historische Grenzlinie
Über Jahrhunderte galt Sprache als harte Trennlinie zwischen Mensch und Tier und wurde zum Ausgangspunkt für philosophische Überlegungen. René Descartes erklärte im 17. Jahrhundert: Tiere sprechen nicht, folglich können sie nicht denken. Und Immanuel Kant stellte im 18. Jahrhundert Tiere wegen ihrer Sprachlosigkeit außerhalb der moralischen Gemeinschaft.
Sprache wurde damit zur Voraussetzung für Bewusstsein, Vernunft und sogar Sterblichkeit. Diese Sicht prägt bis heute Debatten über Rechte und Pflichten gegenüber Tieren.
Tierphilosophie heute: Wer Signale senden kann, verdient Gehör
Die aktuelle Tierphilosophie hat den Sprachbegriff jedoch erweitert: Sprache meint hier nicht nur Lautsprache, sondern jedes Zeichen, das im Gegenüber etwas auslöst.
Autorinnen, wie die Tierphilosophin Eva Meijer, schlagen vor, Tiere auf diese Weise als Mitsprechende zu verstehen. Das verlangt Übersetzungsarbeit statt Projektion. Und daraus könnte eine ethische Konsequenz gezogen werden: Wer Signale senden kann, verdient Gehör.
Menschen wollen nicht wirklich auf Tiere hören. Denn sie essen sie, sie verdienen Geld mit ihnen. Unsere ganze Gesellschaft beruht darauf, andere Tiere zu nutzen.
„Mit Tieren sprechen“ in ARD Sounds
Mensch-Tierverhältnis könnte sich stark verbessern
Wo Menschen Zeichen von Tieren lesen und ernst nehmen, sinken Missverständnisse und Stress im Verhältnis zueinander. Freundliche Ansprache und ruhige Berührung beispielsweise wirken messbar auf Wiederkäuer. Klarheit und Geduld verbessern den Alltag mit Hunden und Pferden.
In Landwirtschaft, Stadtplanung und Naturschutz entstehen so Spielräume für Entscheidungen, die Tierwohl und menschliche Bedürfnisse zusammendenken. Der Podcast macht diese Verschiebung hörbar und ordnet sie ein.
„Mit Tieren sprechen“ mit Natalie Putsche, zu hören in ARD Sounds und überall, wo es Podcasts gibt.
Doku-Serie Mit Tieren sprechen – Verständigung von Mensch und Tier auf Augenhöhe
Natalie besucht verschiedene Menschen mit einer besonderen Beziehung zu einem Tier. Über Jahre ist eine faszinierende Verständigung entstanden zwischen Mensch und Tier entstanden.