Wie geht es den Kulturschaffenden in der Ukraine?

„Auch im Krieg müssen wir lachen“: Mainz feiert das kulturelle Odessa

Odessa ist die bedeutendste Hafenstadt der Ukraine: Direkt am Schwarzen Meer gelegen, ist sie ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Dabei ist die Stadt nicht nur von enormer strategischer und wirtschaftlicher Relevanz – sondern auch kulturelles Zentrum. Seit kurzem verbindet eine Städtepartnerschaft Odessa mit Mainz. Dort erinnern nun die Odessa-Kulturtage an das reiche Kulturleben einer Stadt im Krieg.

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Von Autor/in Zoé Wolters

192 Stufen führen vom Hafen zur Altstadt: Die Potemkinsche Treppe gilt als architektonisch herausragende Leistung und als Wahrzeichen Odessas. Im historischen Zentrum befindet sich unter anderem die Kirche des St. Panteleimon-Klosters, geziert von goldenen Kuppeln und auffälligen Fresken.

Seit 2023 gilt dieser Teil Odessas als UNESCO-Weltkulturerbe, und steht seitdem auch auf der Liste für gefährdetes Menschheitserbe. Mit blau-weißen Schildern wurden 1.000 Denkmäler gekennzeichnet, um sie vor dem russischen Angriffskrieg zu bewahren.

Zur prunkvollen Architektur des historischen Zentrums gehört auch das 1887 eröffnete Opernhaus. 1.500 Menschen finden hier Platz. Seit Kriegsbeginn passt das Opernhaus seine Öffnungszeiten den aktuell herrschenden Bedrohungen an. Phasenweise gilt nahezu Normalbetrieb, auch wenn maximal so viele Gäste im Publikum sitzen, wie im Falle eines Bombenalarms in den Sicherheitsraum passen. Für diese Momente wird die Oper unterbrochen – und im Anschuss fortgesetzt.

Oper Odessa Innenraum halb leer
Spielen vor halb leerem Saal: Im Opernhaus von Odessa können nur so viele Menschen den Aufführungen beiwohnen wie im Angriffsfall in den Schutzraum passen.

Odessa und Mainz verbindet viel

Es ist tatsächlich keine Zeit, Odessa zu besuchen – aber doch der Zeitpunkt für Mainz, eine Städtepartnerschaft mit ihr zu beschließen. Auf den ersten Blick ist die Wahl dieser ukrainischen Partnerstadt wohl eher verwunderlich: eine Millionenmetropole mitten im Krieg.

Doch Edgar Wagner, der Programmleiter der Odessa-Kulturtage, die vom 27. August bis 2. September 2025 in Mainz stattfinden, betont die Gemeinsamkeiten: „Es ist die Hauptstadt des Humors in der Ukraine – sowas ähnliches wie Fastnacht.“ Außerdem sind beide Städte vom Weinanbau geprägt, sie liegen am Wasser, teilen die große jüdische Tradition und Hochschulstädte sind sie beide auch.

Der Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Peter Willisch ergänzt eine weitere Gemeinsamkeit: Sie beide seien Ort des Aufeinandertreffens verschiedener Kulturen gewesen. Orte, an denen sie sich verbunden haben.

Menschen mit Clowsnase bei Humorina in Odessa
Ist das der Mainzer Rosenmontagszug? Nein, aber Odessa hat eine ähnlich närrische Tradition: Humorina ist ein jährliches Festival des Humors, das seit 1973 um den 1. April veranstaltet wird. Die Zuschauer*innen verkleiden sich und im Stadtzentrum findet eine große Parade statt.

Abschied von Odessa: Ein neuer Ort für die Musik von Maryna Perepelytsia

Für die Odessa-Kulturtage kommen Kulturschaffende auch direkt aus Odessa. Sie sitzen 35 Stunden im Bus, um ihre Musik hier zu spielen. Andere leben, aufgrund des Krieges, bereits seit einigen Jahren in Mainz, unter ihnen Maryna Perepelytsia. Sie spielt Klavier und unterrichtete am Odessaner Musiklyzeum.

Das Leben war schön und köstlich – vor dem Krieg.

Anfang 2022 war die Angst vor zahlreichen Explosionen, Raketen und Drohen so groß, dass sie mit ihrer Familie beschloss, nach Deutschland zu ziehen. Perepelytsia sagt, sie habe alles in Odessa gelassen: ihr Herz und ihre Seele.

Odessa nennen die Menschen in der Ukraine die „Perle des Meeres“. Nun ist es der Ort an dem nicht nur Maryna Perepelytsia viele ihrer Freunde und Schüler verloren hat. Das kulturelle Leben sei in Odessa noch im Gange – allerdings mit weniger Zuhörern und Zuschauern. Im Lyzeum lernen die Kinder weiterhin, spielen ihre Musikinstrumente „in Luftschutzbunkern, unter Raketen und Drohnen“, wie Perepelytsia berichtet.

Kuppel von der Oper Odessa mit Blick auf den Hafen
Die Gefahr kommt von oben: Im Juli 2023 wurde das historische Zentrum von Odessa durch russische Raketen schwer beschädigt. Das Opernhaus blieb bislang verschont.

Wir müssen auch lachen: Kultur leben trotz des Krieges

Die Zuständigen der Odessa-Kulturtage freuten sich auch auf den Besuch des Tenors Vladyslav Horai von der Oper Odessa. Sein Besuch war lange im Voraus geplant. Doch in der Ukraine helfen viele Menschen an ihren freien Wochenenden beim Militär. Am 8. Juni 2025 ist Horai bei einem Einsatz in der Oblast Sumy gefallen.

Was in Odessa passiert, verfolgen die Kulturschaffenden im Exil konstant. Sie alle leben mit einem Bein in Mainz, mit dem anderen in Odessa. Manche von ihnen kommen von der renommiertesten Musikschule des Landes. Sie liegt im Hafengebiet in Odessa und ist primäres Angriffsziel der Russen. „Wenn die jetzt unterwegs sind, sind die 35 Stunden mit dem Bus unterwegs und kommen hier körperlich angegriffen aber auch in der Seele angegriffen“, so Edgar Wagner.

Tenor Vladyslav Horai
Er sang auf den Bühnen in Straßburg, Zürich, paris, Amsterdam und London: Am 8. Juni 2025 kam Vladyslav Horai bei einer ehrenamtlichen Hilfsmission in der Oblast Sumy ums Leben.

Der Programmleiter der Odessa-Kulturtage erinnert sich an eine odessitische Kulturschaffende bei einer vergangenen Veranstaltung. Sie fragte sich, ob sie noch lachen und tanzen dürfen, und kam schließlichzu dem Entschluss: „Ja, wir dürfen es nicht nur, wir müssen es auch!“