Öffentlicher Raum auf Social Media

Zwischen Street und Feed – wenn ein Stadtbild viral geht

Social Media steht für Trends und Reichweite, auch Staat und Städte kommen an den Sozialen Netzwerken nicht vorbei. Im StadtPalais Stuttgart wagt ein Künstler den Spagat zwischen digitaler und realer Welt.

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Von Autor/in Luisa Sophie Klink

Mehr Sichtbarkeit für Land und Stadt durch Social Media

Kampagnen wie „The Länd“, „Reutlingen kann man nicht mögen. Nur lieben“ oder „Die Bielefeld Million“ gehen auf Social Media viral und bringen Land und Stadt ins Gespräch. Ob der Hype auch nachhaltig ist und sich in der Realität bemerkbar macht, gilt zu hinterfragen.

Neue Dachmarken-Kampagne des Landes Baden-Württemberg. Schriftzüge mit der Aufschrift Willkommen in THE LÄND tauchen derzeit in der Öffentlichkeit auf.
Baden-Württemberg war das erste Bundesland Deutschlands das überhaupt eine landesweite Marketingkampagne gestartet hat. Vor 22 Jahren hieß es: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“. IMAGO / Arnulf Hettrich

Nicht gerade einen Hype auslösen, aber das Reale im Digitalen sichtbar machen, will der Künstler Paulus Görden, wenn er auf der Suche nach etwas Alltäglichem durch die Städte streift. Die Ausstellung „Zwischen Street und Feed“ im Stuttgarter StadtPalais zeigt derzeit, das er scheinbar Banales von der Straße auf Instagram darstellt; seien es ausrangierte Kühlschränke oder Bauutensilien.

Lassen virale Kampagnen Städte in besserem Licht erscheinen?

Aber es sind nicht nur die kleinen alltäglichen Besonderheiten, die jede Stadt ausmachen, sondern auch ein Image, das mal besser und mal schlechter ausfallen kann. Während München sich auf dem Stempel „Weltstadt mit Herz“ relativ gut ausruhen kann, haben Städte wie Stuttgart oder Reutlingen mehr zu knapsen – sie gelten als eher weniger attraktiv.

Wie das Bild einer Stadt wahrgenommen wird, hängt also nicht nur von Geschichte und Sehenswürdigkeiten ab, sondern in erster Linie von einem Image, das sich irgendwann einmal in die Köpfe der Menschen geschlichen hat. Social Media wird dabei zur immer größeren Stellschraube, wenn es ums Aufpolieren eines Images geht. Wer hier gut aufgestellt ist, der ist – ja was eigentlich?

Es gibt Städte, die investieren viel Zeit und Geld in die Sozialen Netzwerke, aber bringt ihnen das auch etwas außer einem kurzen Internethype? Gehört das mittlerweile einfach zum Zeitgeist dazu, oder wirkt sich das auch in der Realität positiv auf Städte und Bürger aus?

Stadt Stuttgart erreicht die meisten Menschen über die Sozialen Netzwerke

Stadt Stuttgart
Das Image von Stuttgart ist trotz riesigen Hauptplatzes samt Schloss und Schörkel-Brunnen nicht das beste. Woran das genau liegt – unklar. Eventuell an der Kessellage, eventuell aber auch an Schlagzeilen über „Stuttgart21“, „Wutbürger“, oder die „Krawallnacht“, mutmaßt Kaufmann. picture alliance / imageBROKER | Arnulf Hettrich

Ein Blick in die schwäbische Landeshauptstadt verrät, Stuttgart zeigt auf sämtlichen Social Media Kanälen Präsenz. Konkret heißt das: rund 80.000 Follower auf Instagram, 110.700 auf Facebook und 6.600 auf TikTok. Und das zahlt sich tatsächlich aus, erklärt Susanne Kaufmann, Leiterin der Kommunikation bei der Stadt Stuttgart.

Die meisten Menschen erreichen wir mit Abstand über Social Media.

Soziale Netzwerke laufen Stadtanzeiger und Amtsblatt Rang ab

Was früher Stadtanzeiger oder Amtsblatt waren, sind heute Instagram, Facebook, TikTok und Co., zumindest, wenn es um einfache Kundgaben geht, die sich an Bürger oder Touristen richten. Selbst bei reinen Informationspflichten sind Städte mittlerweile auf die Sozialen Netzwerke angewiesen.

Stadt Stuttgart
Für relevante Mitteilungen setzt die Stadt Stuttgart zusätzlich auf sogenannte Social Ads. Das sind Werbeanzeigen in den Sozialen Netzwerken, die Usern gezielt als Werbung auf ihr Smartphone gespielt werden, ohne dass sie einem bestimmten Account folgen müssen. Stadt Stuttgart, Max Kovalenko

Stuttgart selbst plant derzeit zwar eine Designveränderung des seit 1978 unveränderten Logos, da die Form noch nicht digital adaptierbar ist. Eine größere Kampagne, so Kaufmann, sei derzeit allerdings nicht geplant, auch wenn man sich bewusst sei, dass Stuttgart bundesweit noch nicht genügend wahrgenommen werde.

Laut Kaufmann rentiert sich eine solche Kampagne aufgrund der Kosten erst bei bestimmten Ereignissen, etwa der Fertigstellung von Stuttgart 21, oder dem 800. Jubiläum der Stadt im Jahr 2029.

Reutlingen geht mit Kampagne viral

Auf einer LED-Wand steht auf pink farbenem Untergrund der Werbespruch: "Reutlingen kannst du nicht mögen. Nur lieben."
Für die Kampagne „Reutlingen kann man nicht mögen. Nur lieben“ erhielt die Stadt den silbernen Effie-Preis, der als wichtigster Preis für effektive Markenkommunikation gilt. Harry Röhrle

Die Stadt Reutlingen hat ohne großes Jubiläum alles auf eine Karte gesetzt und mit der Kampagne „Reutlingen kann man nicht mögen. Nur lieben“ am Ende abgeräumt, zumindest was die Reichweite angeht. Laut der Geschäftsführerin des Stadtmarketings Reutlingen, Anna Bierig, sind 200 Millionen Menschen erreicht worden.

Hierfür hätte die Stadt 4,5 Millionen Euro ausgeben müssen, wenn sie auf Werbung in klassischen Medien gesetzt hätte. So waren es 25.000 Euro.

Ein Plakat für die Liebe-Aktionen in Reutlingen. Unter dem provokativen Spruch "Das REU in Reutlingen steht für bereuen" zeigt es die Auflösung der Kampagne für ein besseres Image: Reutlingen kannst du nicht mögen, nur lieben.
Mit der Kampagne wollte Reutlingen ein Stadtgespräch auslösen. Die Idee ging auf: Sofort wurden die Plakate von Bürgern auf Social Media geteilt. Harry Röhrle

Auch über ein Jahr später, sagt sie dem SWR, seien die Folgen nur positiv. Tourismusströme könne man zwar nicht valide nachweisen, aber das Ziel, die Bürger selbst wieder für die Stadt zu begeistern und dazu anzuregen, aktiv mitzugestalten, sei mehr als erfüllt worden.

Bei der Kampagne wurde Reutlingen durch „Schmäh-Plakate“ zunächst in ganz schlechtem Licht dargestellt. So hieß es etwa „Leben, wo keiner Urlaub macht“, oder „Wie immer hier: Es geht nix“. Erst im Nachhinein folgte der Zusatz „Nur lieben“, bei dem Bürger über einen QR-Code ihre Liebesgeschichte mit der Stadt teilen konnten – mehr als 400 kamen zusammen.

Imagewerbung der Stadt Reutlingen:  Auf einem Plakat steht: Wir müssen Dir leider mitteilen. Du bist in Reutlingen.
Der Zusatz „nur lieben“, und somit die Auflösung der rätselhaften Sprüche, folgte erst nach ein paar Tagen. 0703543633

Gelungenes Stadtmarketing: „Die Bielefeld Million“

Auch die Stadt Bielefeld kämpfte 2019 mit mangelnder Wahrnehmung. Mit der Aktion „Die Bielefeld Million“ spielte sie mit dem Gag, dass es Bielefeld gar nicht gäbe – und erreichte dadurch Aufmerksamkeit weltweit. Der Trick: Die Stadt rief dazu auf, wer tatsächlich wissenschaftlich nachweisen kann, dass die Stadt nicht existiere, erhalte eine Million Euro.

Es folgte eine Welle kuriosester Nachweisversuche, sogar aus China. Der Nachweis gelang selbstverständlich nicht und die Stadt hatte sich einen echten Namen gemacht. Bielefeld konnte es sozusagen gar nicht nicht geben.

Mann mit Alu-Koffer und Aufdruck #diebielefeldmillion
Über die Aktion wurde international berichtet, etwa in der „New York Times“, bei der „BBC“ oder in der Zeitung „The Guardian“. Stadtmarketing Bielefeld

Mehr Follower als Einwohner

Dass Social Media Städten zu enormer Aufmerksamkeit verhelfen kann, verdeutlichen auch Social Media Accounts kleinerer Städte. Die Stadt Schorndorf im Rems-Murr-Kreis hat rund 1.800 Follower bei TikTok.

Wie stellt ihr euch den Alltag eines Oberbürgermeisters vor?

Gerechnet auf die Einwohnerzahl von rund 40.000 Einwohner ist dies beachtlich, wenn man bedenkt, dass Stuttgart rund 600.000 Einwohner und im Verhältnis lediglich 6.000 TikTok-Follower hat. Noch eklatanter wird dies bei Beratzhausen in Bayern. Der selbsternannte TikTok_Bürgermeister Matthias Beer kommt auf knapp 17.000 Follower bei rund 5.000 Einwohnern.

Seriosität, so wichtig… 😂 #tiktokbürgermeister #Bürgermeister

Hype in Hallstadt überrollt Dorf mit Touristen

Auch kleine Städte haben mit Sozialen Netzwerken eine gute Möglichkeit, ihre Reichweite zu steigern, aber nicht immer ist der Hype positiv. Bestes Beispiel: Hallstadt in Österreich. Das 700-Einwohner-Dorf ging bei Social Media viral und kann sich seitdem vor Touristenströmen nicht mehr retten.

Hallstatt: eine Marktgemeinde am Westufer des Hallstätter Sees im österreichischen Salzkammergut.
In China ist der Hype um die österreichische Gemeinde Hallstadt so groß, dass sie den Ort 2012 einfach Eins-zu-eins nachgebaut haben – selbst der Name ist gleich. Das Problem nur: Seitdem wollen noch mehr Chinesen das echte Hallstadt besuchen. picture alliance / Geisler-Fotopress | Ulrich Stamm

Millionen Besucher aus aller Welt stürmen das beschauliche Örtchen. Und das, obwohl gar keine eigene Social Media Kampagne dahinterstand. Eine chinesische Zeitung soll das Gerücht in die Welt gesetzt haben, dass Hallstadt Vorbild für einen Ort im Disneyfilm „Frozen“ gewesen sei – schon ging der Ort viral.

Ein Social Media Hype kann also positiv sein, wenn teils auch nur durch ein verbessertes Image und nicht durch höhere Einnahmen. Das Beispiel Hallstadt zeigt aber auch, dass der Hype auch mal nach hinten los gehen kann – trotz oder gerade wegen gesteigerter Touristenzahlen.

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