Mehr Sichtbarkeit für Land und Stadt durch Social Media
Kampagnen wie „The Länd“, „Reutlingen kann man nicht mögen. Nur lieben“ oder „Die Bielefeld Million“ gehen auf Social Media viral und bringen Land und Stadt ins Gespräch. Ob der Hype auch nachhaltig ist und sich in der Realität bemerkbar macht, gilt zu hinterfragen.
- Sind virale Kampagnen Städte gut für Städte?
- Stuttgart erreicht die meisten Menschen über Social Media
- Soziale Netzwerle laufen Stadtanzeiger und Amtsblatt Rang ab
- Reutlingen geht mit Kampagne viral
- Gelungenes Stadtmarketing: „Die Bielefeld Million“
- Beratzhausen: Mehr Follower als Einwohner
- Touristenströme in Hallstadt: Hype kann auch nach hinten los gehen
Nicht gerade einen Hype auslösen, aber das Reale im Digitalen sichtbar machen, will der Künstler Paulus Görden, wenn er auf der Suche nach etwas Alltäglichem durch die Städte streift. Die Ausstellung „Zwischen Street und Feed“ im Stuttgarter StadtPalais zeigt derzeit, das er scheinbar Banales von der Straße auf Instagram darstellt; seien es ausrangierte Kühlschränke oder Bauutensilien.
Lassen virale Kampagnen Städte in besserem Licht erscheinen?
Aber es sind nicht nur die kleinen alltäglichen Besonderheiten, die jede Stadt ausmachen, sondern auch ein Image, das mal besser und mal schlechter ausfallen kann. Während München sich auf dem Stempel „Weltstadt mit Herz“ relativ gut ausruhen kann, haben Städte wie Stuttgart oder Reutlingen mehr zu knapsen – sie gelten als eher weniger attraktiv.
Wie das Bild einer Stadt wahrgenommen wird, hängt also nicht nur von Geschichte und Sehenswürdigkeiten ab, sondern in erster Linie von einem Image, das sich irgendwann einmal in die Köpfe der Menschen geschlichen hat. Social Media wird dabei zur immer größeren Stellschraube, wenn es ums Aufpolieren eines Images geht. Wer hier gut aufgestellt ist, der ist – ja was eigentlich?
Es gibt Städte, die investieren viel Zeit und Geld in die Sozialen Netzwerke, aber bringt ihnen das auch etwas außer einem kurzen Internethype? Gehört das mittlerweile einfach zum Zeitgeist dazu, oder wirkt sich das auch in der Realität positiv auf Städte und Bürger aus?
Stadt Stuttgart erreicht die meisten Menschen über die Sozialen Netzwerke
Ein Blick in die schwäbische Landeshauptstadt verrät, Stuttgart zeigt auf sämtlichen Social Media Kanälen Präsenz. Konkret heißt das: rund 80.000 Follower auf Instagram, 110.700 auf Facebook und 6.600 auf TikTok. Und das zahlt sich tatsächlich aus, erklärt Susanne Kaufmann, Leiterin der Kommunikation bei der Stadt Stuttgart.
Die meisten Menschen erreichen wir mit Abstand über Social Media.
Soziale Netzwerke laufen Stadtanzeiger und Amtsblatt Rang ab
Was früher Stadtanzeiger oder Amtsblatt waren, sind heute Instagram, Facebook, TikTok und Co., zumindest, wenn es um einfache Kundgaben geht, die sich an Bürger oder Touristen richten. Selbst bei reinen Informationspflichten sind Städte mittlerweile auf die Sozialen Netzwerke angewiesen.
Stuttgart selbst plant derzeit zwar eine Designveränderung des seit 1978 unveränderten Logos, da die Form noch nicht digital adaptierbar ist. Eine größere Kampagne, so Kaufmann, sei derzeit allerdings nicht geplant, auch wenn man sich bewusst sei, dass Stuttgart bundesweit noch nicht genügend wahrgenommen werde.
Laut Kaufmann rentiert sich eine solche Kampagne aufgrund der Kosten erst bei bestimmten Ereignissen, etwa der Fertigstellung von Stuttgart 21, oder dem 800. Jubiläum der Stadt im Jahr 2029.
Reutlingen geht mit Kampagne viral
Die Stadt Reutlingen hat ohne großes Jubiläum alles auf eine Karte gesetzt und mit der Kampagne „Reutlingen kann man nicht mögen. Nur lieben“ am Ende abgeräumt, zumindest was die Reichweite angeht. Laut der Geschäftsführerin des Stadtmarketings Reutlingen, Anna Bierig, sind 200 Millionen Menschen erreicht worden.
Hierfür hätte die Stadt 4,5 Millionen Euro ausgeben müssen, wenn sie auf Werbung in klassischen Medien gesetzt hätte. So waren es 25.000 Euro.
Auch über ein Jahr später, sagt sie dem SWR, seien die Folgen nur positiv. Tourismusströme könne man zwar nicht valide nachweisen, aber das Ziel, die Bürger selbst wieder für die Stadt zu begeistern und dazu anzuregen, aktiv mitzugestalten, sei mehr als erfüllt worden.
Bei der Kampagne wurde Reutlingen durch „Schmäh-Plakate“ zunächst in ganz schlechtem Licht dargestellt. So hieß es etwa „Leben, wo keiner Urlaub macht“, oder „Wie immer hier: Es geht nix“. Erst im Nachhinein folgte der Zusatz „Nur lieben“, bei dem Bürger über einen QR-Code ihre Liebesgeschichte mit der Stadt teilen konnten – mehr als 400 kamen zusammen.
Gelungenes Stadtmarketing: „Die Bielefeld Million“
Auch die Stadt Bielefeld kämpfte 2019 mit mangelnder Wahrnehmung. Mit der Aktion „Die Bielefeld Million“ spielte sie mit dem Gag, dass es Bielefeld gar nicht gäbe – und erreichte dadurch Aufmerksamkeit weltweit. Der Trick: Die Stadt rief dazu auf, wer tatsächlich wissenschaftlich nachweisen kann, dass die Stadt nicht existiere, erhalte eine Million Euro.
Es folgte eine Welle kuriosester Nachweisversuche, sogar aus China. Der Nachweis gelang selbstverständlich nicht und die Stadt hatte sich einen echten Namen gemacht. Bielefeld konnte es sozusagen gar nicht nicht geben.
Mehr Follower als Einwohner
Dass Social Media Städten zu enormer Aufmerksamkeit verhelfen kann, verdeutlichen auch Social Media Accounts kleinerer Städte. Die Stadt Schorndorf im Rems-Murr-Kreis hat rund 1.800 Follower bei TikTok.
Gerechnet auf die Einwohnerzahl von rund 40.000 Einwohner ist dies beachtlich, wenn man bedenkt, dass Stuttgart rund 600.000 Einwohner und im Verhältnis lediglich 6.000 TikTok-Follower hat. Noch eklatanter wird dies bei Beratzhausen in Bayern. Der selbsternannte TikTok_Bürgermeister Matthias Beer kommt auf knapp 17.000 Follower bei rund 5.000 Einwohnern.
Hype in Hallstadt überrollt Dorf mit Touristen
Auch kleine Städte haben mit Sozialen Netzwerken eine gute Möglichkeit, ihre Reichweite zu steigern, aber nicht immer ist der Hype positiv. Bestes Beispiel: Hallstadt in Österreich. Das 700-Einwohner-Dorf ging bei Social Media viral und kann sich seitdem vor Touristenströmen nicht mehr retten.
Millionen Besucher aus aller Welt stürmen das beschauliche Örtchen. Und das, obwohl gar keine eigene Social Media Kampagne dahinterstand. Eine chinesische Zeitung soll das Gerücht in die Welt gesetzt haben, dass Hallstadt Vorbild für einen Ort im Disneyfilm „Frozen“ gewesen sei – schon ging der Ort viral.
Ein Social Media Hype kann also positiv sein, wenn teils auch nur durch ein verbessertes Image und nicht durch höhere Einnahmen. Das Beispiel Hallstadt zeigt aber auch, dass der Hype auch mal nach hinten los gehen kann – trotz oder gerade wegen gesteigerter Touristenzahlen.