Mit Korsett und wenig Bewegungsfreiheit
Rock, Reifrock, Unterrock, Korsett, Hut, Absatzschuhe und mehr: So sah die Liste der Kleidungsstücke aus, die Frauen Ende des 19. Jahrhunderts zum Tennisspiel trugen. Damals entwickelte sich Tennis zu einem populären Freizeitvertreib der Oberschicht.
Anders als heute galt Tennis, gerade bei Frauen, noch nicht als athletisches Kräftemessen. Historische Aufnahmen legen nahe, dass sich die Spielerinnen zunächst auch kaum über den Platz bewegten. Vielmehr, so scheint es, ging es darum, sich den Ball möglichst genau zuzuspielen.
Suzanne Lenglen revolutionierte die Tennismode
Das Ende des ersten Weltkriegs brachte eine große Liberalisierung in der Frauenmode mit sich – weg von starren Silhouetten hin zu dem damals sehr modernen „Flapper“- Look. Im Tennis schockierte die Französin Suzanne Lenglen mit nackten Armen und einem für damalige Verhältnisse skandalös kurzen Rock.
Lenglen prägte die Tennismode für Frauen nachhaltig. Im Anschluss an ihre Karriere im Sport arbeitete sie für ein Pariser Modehaus, wie ein Artikel der Zürcher Illustrierten von 1930 berichtet. Darin beschreibt Lenglen ihre Vision: „Ich werde mich bemühen, in den Sportfrauen den Geschmack für einfache Kleidung zu fördern.“
Zwischen Sexualisierung und Selbstermächtigung
Bald war der ikonische Tennisrock geboren. Als Faltenrock passte er zum Image des Sports als Oberschicht-Disziplin. Dass er im Laufe der Zeit immer kürzer wurde, hatte jedoch nicht nur mit Bewegungsfreiheit zu tun. Vielmehr stand er auch für eine zunehmende Sexualisierung von Spielerinnen.
Ein berühmtes Beispiel ist Spielerin Gertrude Moran, von der Presse „Gorgeous Gussy“ getauft. In den späten 1940er- und 1950er-Jahren spielte sie auf den obersten Rängen der US-Bestenliste. Ihre Röcke wurden so knapp, dass Fotografen sich um die besten Positionen rissen, um einen Blick auf ihre Spitzenunterwäsche einzufangen.
Von Serena Williams bis Emma Raducanu: Mode als Statement
Gleichzeitig spiegelten unkonventionelle Outfits ein wachsendes Selbstbewusstsein der Spielerinnen wider. So sorgte etwa Serena Williams schon Anfang der 2000er-Jahre mit einem Rock aus Jeansstoff für Aufsehen. 2022 trat Emma Raducanu mit Schmuck ihres Sponsors Tiffany & Co. an.
Auch aus funktionalen Gründen wichen manche Spielerinnen mehrfach von der Norm ab: So trat Anne White 1985 in einem Ganzkörperanzug an, um sich während des Spiels warm zu halten. Die Veranstalter verboten dies, White musste sich umziehen, bevor das Spiel beginnen konnte.
Serena Williams sorgt mit „Cat Suit“ für einen Skandal bei den French Open
Einen weiteren Versuch startete Serena Williams 2018 bei den French Open: Sie trug einen von Nike speziell entworfenen „Cat Suit“, einen Ganzkörperanzug, der den Blutfluss anregen sollte. Denn Williams war gerade Mutter geworden und hatte seitdem Probleme mit Blutgerinnseln.
„Respektlos“ fand das der French Open-Chef Giudicelli und kündigte an, der Cat Suit werde künftig nicht mehr geduldet. Unterstützung bekam Williams dagegen unter anderem von Tennislegende Billy Jean King, die im berühmten „Battle of the Sexes“ Bobby Riggs geschlagen und damit dem Frauentennis viel Respekt eingebracht hatte.
Sexismus im Tennis: Immer wieder ein Thema
Lange verging kaum ein Jahr ohne Sexismus-Skandal im Tennis. Für Schlagzeilen sorgte etwa ein Interview mit der kanadischen Spielerin Eugenie Bouchard bei den Australian Open 2015. Der Reporter Ian Cohen forderte die 20-Jährige dabei dazu auf, für das Fernsehen eine Pirouette zu drehen („give us a twirl") um ihr Outfit zu präsentieren.
Bei den US Open 2018 erhielt die Französin Alizé Cornet eine Verwarnung wegen „unsportlichen Verhaltens“: Sie hatte ihr auf links gedrehtes T-Shirt erst auf dem Platz bemerkt und es kurzerhand ausgezogen, um es richtig herum wieder anzuziehen. Dagegen twitterte etwa Tennisstar Tracy Austin: „Lächerlich. Männer wechseln ihr Shirt mehrfach pro Spiel.“
Wimbledon und die Kleiderregeln
Dass Frauen im Sport unter veraltetem Denken leiden, ist nichts Neues. Im Tennis kommen dazu noch die konservativen Ursprünge und Traditionen des Sports. Im prestigeträchtigen Wimbledon wurden einige Praktiken erst in den letzten Jahren abgeschafft, die schon längst nicht mehr zeitgemäß waren.
So etwa eine Vorschrift zur Farbe der Kleidung: Jahrzehntelang war hier ein rein weißes Outfit vorgeschrieben. Athletinnen hatten sich jedoch immer wieder beschwert, dass während ihrer Periode mögliche Blutflecken sehr sichtbar seien und die Sorge davor sie vom Spiel ablenke. 2022 lockerte Wimbledon diese Regel.
Ungleichheit im Tennis: Preisgeld und Wahrnehmung
Doch der Kampf um Gleichberechtigung ist noch längst nicht zu Ende: Noch immer sind Preisgelder und Antrittsbedingungen nicht in allen Wettbewerben und Verbänden gleich geregelt. Außerdem berichten Athletinnen immer wieder von unfairen Startbedingungen wie etwa ungünstige Startzeiten oder unebene Spielfelder.
Wer online nach Tennis-Outfits sucht, kann erahnen, wieso Frauen-Tennis oft nicht ganz ernst genommen wirkt: Auf der einen Seite stehen da Artikel wie „The Sexiest Tennis Outfits“, geschrieben von Männern über Frauen, oder, von Frau zu Frau, Outfit-Inspirationen aus dem Tennis, die mit „süß“ und „elegant“ beworben werden.
Auch wenn es keine Rolle spielen sollte, was eine Sportlerin trägt, während sie Höchstleistungen vollbringt: Noch stehen Tennis und das zugehörige Outfit nicht für ein Frauenbild, das selbstverständlich Platz einnimmt.