Horatius: Urvater der Selbstverteidigung
Im Gedicht „Horatius“ beschwört der britische Dichter Thomas Macaulay den Stolz, die Heimat zu verteidigen. Winston Churchill hatte es als Schüler auswendig gelernt. Es handelt vom Torwächter Horatius Cocles, der die alte Tiberbrücke von Rom bis zum Tod gegen die heranrückenden Etrusker verteidigt.
Berühmt sind Horatius' Worte, dass ohnehin jeder sterben müsse. Besseres könne es deshalb nicht geben, als den Tod für die Asche der Väter und die Tempel der eigenen Götter auf sich zu nehmen:
And how can man die better
Than facing fearful odds,
For the ashes of his fathers,
And the temples of his Gods.
(Und wie kann der Mensch besser sterben, als sich furchterregender Übermacht zu stellen, für die Asche seiner Väter und die Tempel seiner Götter.)
Kontroverse um Ole Nymoen
Doch lohnt die Heimat solchen Opfermut? Ist es sinnvoll zu kämpfen, wenn der Tod so gut wie unvermeidlich ist? Der pazifistische Autor und Podcaster Ole Nymoen hält das für widersinnig und hat damit in der aktuellen Debatte um den Wehrdienst Furore gemacht.
„Ich würde lieber unter einer schlechteren Herrschaft leben, als tot zu sein“, sagte er der Berliner Zeitung im Mai 2025 im Streitgespräch mit der deutsch-russischen Journalistin Anastasia Tikhomirova. Staaten handelten im Kriegsfall ohnehin gleich. Alle würden ihre Bürgerinnen und Bürger zum Kriegsdienst zwingen.
Hilflose Menschen müssen beschützt werden
Gibt es demnach zwischen EU-Staaten und Russland gar keinen Unterschied? Befremdlich findet der Publizist Stephan Anpalagan diese Ansicht. Zugleich sei es „ein Wunder der Freiheit, dass wir all diese unterschiedlichen Stimmen in unserem Land äußern dürfen“, so Anpalagan im Gespräch mit SWR Kultur.
Eine Anspielung darauf, dass die Freiheitsrechte der Bundesrepublik und der EU durchaus schützenswert sein könnten. Aus seinem neuen Buch „Für den Frieden – Widerruf meiner Kriegsdienstverweigerung“ rezitiert Anpalagan ein weiteres Argument: Es gebe viele Menschen, „die darauf angewiesen sind, dass jemand sie verteidigt.“
Der Theologe und Publizist denkt dabei vor allem an Kinder, die in Kriegsgebieten aufwachsen, und generell an Unschuldige, „die gänzlich unbeteiligt sind und sich dann zwischen den Fronten befinden.“ Diese Menschen verliere man schnell aus den Augen.
„Ich bin auch Kind von Kriegsflüchtlingen“, sagt Stephan Anpalagan. Seine tamilischen Eltern waren in den 1980er-Jahren vor dem Krieg in Sri Lanka geflohen. „Der Krieg war nie weg“, so der Autor mit Blick auf die deutschen Sicherheitsgefühle, „er war halt immer nur woanders.“
Wofür lohnt es sich zu kämpfen?
Doch eines weiß auch Anpalagan: Die Heimat zu verteidigen setzt voraus, um den Wert dieser Heimat zu wissen. Von den politischen Führungspersönlichkeiten erwarte er deshalb, dass sie „ein klares Zukunftsbild“ entwerfen, „wie dieses Land sein soll und wofür es sich zu kämpfen lohnt“.
Ähnlich klingt die Mahnung des Historikers Holger Afflerbach in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Man müsse die Notwendigkeit militärischer Stärke und Abschreckung glaubwürdig vermitteln, an Freiwilligkeit und Enthusiasmus appellieren. Denn wie ließe sich sonst die Behauptung von Ole Nymoen kontern, dass es gar nichts zu verteidigen gebe, und im Kriegsfall ein Staat so barbarisch sei wie der andere?
Klaus Naumann gegen Björn Höcke
Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Klaus Naumann, sieht darin einen entscheidenden Fehler. Wer zwischen Demokratie und Autoritarismus nicht unterscheide, nicht zwischen Aggressoren und Aggressionsopfern, für den seien alle Katzen grau, kritisierte Naumann jüngst in den Blättern für deutsche und internationale Politik.
Ein Pazifismus, der die eigene Sache nicht für verteidigenswert halte, könne unwillentlich sogar der AfD in die Hände spielen. So fordere der rechtsextreme AfD-Politiker Björn Höcke, eine Uniform erst anzuziehen, wenn der Staat „endlich wieder ein Staat für die Deutschen geworden“ sei. Das Argumentationsmuster, so Naumann, sei dasselbe: „Bevor der Staat nicht liefert, ist man ihm nichts schuldig.“
Nicht von ungefähr dreht sich deshalb die Wehrdienstdebatte auch um staatliche Teilhabe und Identifikation. Wer um seine nackte Existenz fürchten müsse, habe keine andere Wahl als die Selbstverteidigung, argumentiert der Journalist Artur Weigandt in seinem Buch „Für euch würde ich kämpfen“.
Die Kriegsdienstverweigerung widerrufen
Die Wehrhaftigkeit, die man in der Ukraine erlebe, sei deshalb nicht ideologisch, sie sei existenziell. So gelangt man zurück zu Horatius: Es geht um alles, die Asche der Väter und die Tempel der eigenen Götter. Im Ernstfall steht eine Gewissensentscheidung an, sieht Stephan Anpalagan:
„Um sich selber im Spiegel ansehen zu können, muss man dann auch entsprechende Konsequenzen ziehen“, sagt der Publizist. „Und das bedeutet dann, die eigene Kriegsdienstverweigerung zu widerrufen und sich beispielsweise zur Reserve zu melden bei der Bundeswehr.“