SWR1 Sonntagmorgen am 12. April 2026

Musterung und freiwilliger Wehrdienst - Welche Fragen und Sorgen beschäftigen junge Menschen?

Seit Januar 2026 müssen sich junge Männer des Jahrgangs 2008 in Deutschland entscheiden: „Freiwilliger Wehrdienst“ – ja oder nein?

Teilen

Stand

Die Post, die die Bundeswehr seit Anfang des Jahres an junge Erwachsene verschickt hat, löst sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Die 22-jährige Emily Theissler von der Katholischen jungen Gemeinde der Diözese Rottenburg-Stuttgart spricht immer wieder mit Jugendlichen, die zu einem möglichen Einsatz für die Bundeswehr Fragen haben. Im Interview mit SWR1 Sonntagmorgen berichtet Theissler von Jugendlichen, die sich ganz konkret fragen, ob sie bereit wären, für die Bundeswehr im Extremfall auch in einen Krieg zu ziehen. Immer wieder hört sie Formulierungen wie: „Ich bin nicht bereit, für den Staat zu sterben“.

Wehrpflicht? Nein Danke! steht bei einer Demonstration zum bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht
Wehrpflicht? Nein Danke! steht auf einem Plakat bei einer Demonstration zum bundesweiten Schulstreik gegen die Wehrpflicht Picture Alliance

Jugendliche und Wehrdienst: Ablehnung oder Job-Perspektive?

Nicht wenige junge Menschen nähmen die Frage nach einem möglichen Wehrdienst bei der Bundeswehr aber auch sehr pragmatisch und interessierten sich für konkrete Fragen wie Bezahlung und Zukunftsperspektiven, die ein Einsatz bei der Bundeswehr zu bieten habe. Das sei in Zeiten mit unklaren Job-Perspektiven für junge Leute momentan wichtig abzuwägen.

Gläubiger Christ und Bundeswehrsoldat

Tim hat damals nicht lange überlegt. Nach seiner Lehre zum Garten- und Landschaftsbauer war für den 21-jährigen schnell klar: Er will zur Bundeswehr. Tim ist in einer christlichen Familie aufgewachsen. Seit anderthalb Jahren leistet Tim schon bei der Luftwaffe in der Südpfalz-Kaserne in Germersheim seinen Wehrdienst. Tim ist gläubiger Christ. Soldat und Christ zu sein – für Tim geht nur beides zusammen und ist kein Widerspruch:

Für mich ist die Nächstenliebe das wichtigste Gut, das wir haben. Ich lebe die Nächstenliebe halt so aus, dass ich versuche, alle Menschen in meinem Land und auch darüber hinaus schützen zu wollen.

Beten ist für Tim wichtig

Das tägliche Gebet liefert dem jungen Soldaten Antworten auf viele Fragen. Durch seinen Dienst, den er selbst bei der Bundeswehr leistet, entlaste er andere, so sagt er. Er möchte niemanden töten, doch trotz dessen sei er bereit, alles Nötige zu tun, um seine Mitmenschen zu schützen.

Beim Wehrdienst gehen die Meinungen weit auseinander

Für den 18 Jahre alten Leo aus Koblenz hingegen ist ein Leben als Soldat völlig undenkbar. Ihn ärgert vor allem auch, dass seine Generation nicht an der Einführung des "Freiwilligen Wehrdienst" beteiligt wurde.

Der Abiturient Leo hat einen Schülerstreik gegen den Wehrdienst in Koblenz mitorganisiert.
Der Abiturient Leo hat einen Schülerstreik gegen den Wehrdienst in Koblenz mitorganisiert.

Sie hat noch bei keiner Bundestagswahl mitgewählt, bei Landtagswahlen dürfen sie nicht wählen. Ich halte es für sehr fragwürdig, dass die Generation, die von der Entscheidung betroffen ist, überhaupt nicht gefragt wird.

Die Bundeswehr zu modernisieren, hielt er zu Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine für richtig, auch dass man sich auf die Gefahr eines Krieges vorbereiten müsse. Doch Leos Bedenken wurden größer, er fragt sich heute "Wo führt das denn hin?"

Mit sehr konkreten Fragen zum Thema Wehrdienst und Kriegsdienstverweigung beschäftigt sich auch Vincent Berger von der Evangelischen Landeskirche Baden. Er koordiniert die Beratung von Jugendlichen dort und betont, dass die Gespräche ergebnisoffen ausgerichtet seien. Es gehe darum, Wege zu eröffnen und zu begleiten. „Die meisten Fragen von Jugendlichen beziehen sich auf Verfahrensfragen“, berichtet Berger in SWR 1 Sonntagmorgen. Konkret ginge es dabei oft darum, wie Anträge auf Kriegsdienstverweigerung genau zu stellen sind, welche Möglichkeiten und Pflichten es gibt in Sachen Wehrdienst – für viele junge Erwachsene sei das ein ganz neuer Bereich ihres Lebens.

„Was ist überhaupt mein Gewissen?“

Eine Kernfrage sei sehr oft der Punkt der Gewissensentscheidung. Jugendliche fragten den oder die Expertin der Evangelischen Landeskirche, wie genau sie ihr Gewissen entscheiden lassen können – „was ist überhaupt mein Gewissen“ –  auch diese Frage bekommen die Berater oft zu hören. Am Ende einer Beratung, so wünscht sich das Vincent Berger, müsse eine Entscheidung immer zeigen, aufgrund welcher moralischen Kategorien sich ein junger Mensch verbindlich entschieden hat, seinen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung zu stellen oder eben nicht. Es müsse klar werden, warum sich ein Mensch innerlich verpflichtet fühlt, so oder anders zu handeln.

Mit jungen Menschen reden – nicht über sie entscheiden

Das Angebot, das von der Evangelischen Landeskirche Baden momentan weiter ausgebaut wird, soll bewusst eine Brücke zu jungen Menschen bauen – egal ob sie gläubig und/oder Mitglied in einer Kirche sind. Nach den Erfahrungen des Koordinators Vincent Berger machen gerade 18- bis 19-jährige Menschen momentan die Erfahrung, dass viel über sie entschieden wird, ohne mit ihnen vorher gesprochen zu haben. „Wir möchten das Angebot machen, dass wir da sind und dass wir zuhören und dass wir versuchen, eine tragfähige Entscheidung zu begleiten, die die jungen Menschen selbst treffen müssen.“ 

SWR1 Sonntagmorgen Moderatorin Vanja Weingart

Moderatorin SWR1 Sonntagmorgen Vanja Weingart

Moderatorin SWR1 Sonntagmorgen