SWR Sonntagmorgen am 26.07.2026

Helfen und Hilfe annehmen: Warum Unterstützung unser Leben besser macht

Von spontaner Hilfsbereitschaft bis organisierter Nachbarschaftshilfe: Wie Menschen Unterstützung geben und annehmen - und warum das für alle eine "win-win-Situation" ist.

Teilen

Stand

Von Autor/in Luisa Weinig

Helfen fühlt sich für viele Menschen ganz selbstverständlich an: Jemand stolpert, eine Person hat viele Taschen zu tragen oder braucht Hilfe, um die Kreuzung zu überqueren - oft reagieren wir spontan unterstützend. Für Anne Böckler-Raettig, Psychologin an der Universität Würzburg, ist Helfen grundlegend menschlich: "Dass wir, gerade wenn es um spontanes Verhalten geht, eigentlich immer eher helfen, zeigt ganz deutlich, dass es uns unglaublich natürlich ist, anderen zu helfen", sagt sie. Psychologische Studien zeigen zudem, dass uns dieses Verhalten ein unmittelbares Glücksgefühl gibt.

Psychologin erklärt, warum wir anderen helfen

Gleichzeitig wirken soziale Normen - in vielen Situationen "gehört es sich", zu helfen, auch um unangenehme Blicke oder Abwertung zu vermeiden. Manchmal spielt auch ein wenig Berechnung eine Rolle: Wer schenkt oder unterstützt, hofft mitunter, später selbst Hilfe zurückzubekommen, wie zum Beispiel beim Geburtstagsgeschenk für einen Bekannten, erklärt die Psychologin.

So erleben Menschen Unterstützung im Alltag

Wie vielfältig Unterstützung aussehen kann - gerade in Krisenzeiten -, zeigt eine Umfrage in Koblenz. Eine Ukrainerin berichtet, dass ihr Start in Deutschland nur dank der Hilfe einer Kirchengemeinde möglich war, die Wohnraum organisierte und bei Unterlagen, Sozialleistungen und Jobsuche zur Seite stand. Eine ältere Frau kann ihren schwer kranken, 93-jährigen Mann zu Hause pflegen, weil ihre Familie für sie einkauft, kocht und sie im Alltag entlastet. Eine junge Frau erzählt von ihren Freundinnen, die für sie nach einem Bänderriss im Urlaub alles übernommen und sie sogar ins Flugzeug getragen haben. Ein anderer Befragter sagt, dass er im Alltag immer wieder Hilfe von Familie und Freunden erfährt - und ist überzeugt: Wer Hilfsbereitschaft selbst vorlebt, bekommt sie auch zurück.

Helfen ist laut Psychologin angeboren

Hilfsbereitschaft könnte vermutlich eine evolutionäre Grundlage haben: Der Mensch lebte schon immer in Gruppen, in denen gegenseitige Unterstützung überlebenswichtig war, sagt Anne Böckler-Raettig. Bereits kleine Kinder reagieren spontan hilfsbereit, sobald sie erkennen, dass jemand Hilfe braucht - noch bevor Erziehung ihre volle Wirkung entfaltet. "Helfen ist uns angeboren", betont Böckler-Raettig. Erziehung und Erfahrungen prägen später vor allem, wem wir helfen, wann wir helfen und welche Gegenleistung wir erwarten. Menschen unterscheiden sich zudem darin, wie großzügig sie sind: Die einen geben vor allem Zeit und Fürsorge, etwa für die Familie, andere spenden oder teilen Informationen - Außenstehende unterschätzen oft, wie hilfsbereit jemand in anderen Lebensbereichen ist.

"Nachbarn füreinander": Verein in Mainz macht's vor 

Eine Form kann zum Beispiel die Nachbarschaftshilfe sein - die liegen im Trend: Immer mehr Vereine, Sozialstationen und Kirchengemeinden organisieren gegenseitige Unterstützung im Alltag - vom Einkauf über Hilfe im Garten bis zur Begleitung zum Arzt. Ein Beispiel ist der Mainzer Verein "Nachbarn füreinander", der sich vor allem an ältere Menschen richtet, die nicht mehr so mobil sind. Dort treffen sich Ehrenamtliche und Seniorinnen und Senioren, die Unterstützung brauchen - und oft mehr bekommen als nur praktische Hilfe.

So wie Stephanie Liell, die sich allein nicht mehr in die Innenstadt traut und deshalb einmal pro Woche von Martin Schnatz zur Physiotherapie begleitet wird. Die beiden siezen sich zwar, empfinden die Treffen aber als Freundschaftsdienst und haben ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. "Nachdem ich ein paar Stürze hatte innerhalb von ein paar Jahren fiel es mir leichter Hilfe anzunehmen. Früher fiel es mir sehr schwer. Und wir haben uns von Anfang an gut verstanden", sagt Stephanie Liell.

Zeit schenken statt allein zu sein

Rund 200 Mitglieder hat "Nachbarn füreinander" inzwischen. Vor allem ältere Menschen, aber auch Studierende und Geflüchtete sind Mitglieder. Etwa 60 Menschen helfen ehrenamtlich. Einmal im Monat gibt es ein gemeinsames Mittagessen - dabei wird gekocht, gegessen und vor allem viel geredet.

Eine Frau engagiert sich bei der Nachbarschaftshilfe. Dabei erhalten ältere Menschen Unterstützung im Alltag
Bei der Nachbarschaftshilfe in Mainz erhalten ältere Menschen Unterstützung im Alltag. Claudia Bathe

Wer mithelfen möchte, muss Mitglied im Verein sein und ein polizeiliches Führungszeugnis sowie einen Erste-Hilfe-Kurs vorweisen. Viele Engagierte schildern, dass sie etwas zurückgeben möchten und Freude daran haben, wenn sich andere über ihre Unterstützung freuen. Für viele ältere Menschen ist die Nachbarschaftshilfe jedoch vor allem eines: Gesellschaft. Oft gehe es weniger um den Einkauf oder die Begleitung, sagt die stellvertretende Vorsitzende Francoise Treese, sondern darum, jemandem zu haben, mit dem man sich austauschen kann - auf beiden Seiten.

Hilfe annehmen: Stärke statt Schwäche

Wichtig ist für Anne Böckler-Raettig auch der Blick auf das Hilfeannehmen: Viele Menschen könnten Hilfe sehr gut annehmen und empfinden das als etwas Schönes und Normales. Gleichzeitig gibt es auch Menschen, die Hilfe auch mit Abhängigkeit oder Schwäche verbinden. Böckler-Raettig plädiert für einen anderen Blick: In einer Gesellschaft ist es selbstverständlich, dass Menschen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Beiträge leisten. Die Psychologin rät auf Hilfe oder Unterstützung einfach mit einem "Danke, du hast (...) mein Leben heute besser gemacht" zu reagieren. Helfen und Hilfe annehmen seien eine "win-win-Situation", mit der man Großzügigkeit weiter in die Welt tragen kann.

Moderatorin Silke Arning

Moderatorin SWR1 Sonntagmorgen Silke Arning

Moderatorin SWR1 Sonntagmorgen

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Luisa Weinig
Bild von SWR-Redakteurin Luisa Weinig
Redakteur/in
Cüneyt Özadali