Junge Sammler ansprechen

Aufbruch in die Zukunft: Die Antiquariatsmesse in Stuttgart

Nachdem die Messe für antiquarische Bücher aus Mangel an Anmeldungen kurz vor dem Aus stand, wurde das Konzept überarbeitet. Der neue Auftritt ist internationaler und soll ein jüngeres Publikum anlocken.

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Stand

Von Autor/in Silke Arning

Seit 1962 gibt es die Antiquariatsmesse in Stuttgart. Weil es kaum mehr Anmeldung gab, mussten neue Ideen her: Mit besonderen und preisgünstigeren Angebote will die Messe jetzt junge Interessenten gewinnen.

Nachwuchsprobleme bei den Antiquaren

Auch die Branche ist im Umbruch, es gibt zu wenig Nachwuchs. Junge Antiquare suchen neue Strategien, um Tradition und Moderne in Einklang zu bringen.

Der Antiquar Robert Eberhardt hält einen eher unscheinbaren grauen Band im DIN-A4-Format in den Händen. „Bosch. Erzeugnisse für Kraftfahrzeuge“, steht in großen Lettern auf dem Cover. Darin abgebildet sind Fahrrad- und Autolampen oder Stoßdämpfer.

„Das ist deutsche Industriekultur in gedruckter Katalogform. Sehr gut erhalten. Für 150 Euro von 1939.“, erklärt Eberhardt.

Mann mit Buch
Antiquar Robert Eberhardt mit einem alten Bosch-Katalog von 1939.

Im Fokus: Jüngeres Publikum

Die Antiquariatsmesse Stuttgart versucht in diesem Jahr gezielter ein jüngeres Publikum mit einem kleinen Geldbeutel anzusprechen. So zum Beispiel Elisabeth Wittkowski, 27 Jahre alt, die schon als Jugendliche mit dem Sammeln angefangen hat. Alles rund um Elton John fasziniert sie: Plattencover, Notenbücher, Zeitschriften.

Und so fiel ihr dieses ungewöhnliche Stück in die Hände: „Ein Programmheft aus einem Konzert, das Elton John 1979 in der Sowjetunion gegeben hat. Als, meine ich, der erste westliche Künstler, der dort eingeladen wurde“, erzählt die Sammlerin.

„Der Text ist auf Russisch, vorne ist ein Bild drauf, sonst nichts.“ Aber es sei doch ein ganz besonderes Dokument, nicht nur mit Blick auf Elton John.

Angebote in der Young Collectors Zone
Die Angebote in der Young Collectors Zone. Hier soll ein jüngeres Publikum mit kleinerem Geldbeutel angesprochen werden.

Günstige Schnäppchen für Nischen-Sammler*innen

Erstmalig gibt es auf der Antiquariatsmesse in Stuttgart eine sogenannte „Young Collectors Zone“: eine Ausstellung mit Angeboten zwischen 50 und maximal 300 Euro. In der funkelnden Vitrine liegen handsignierte Comics, Fotobände, Design-, Musik- und Kunsttitel.

Aber auch Plattencover oder ein Päckchen Postkarten „aus Kunst, Kitsch, Film und Leben“. Besonderes muss nicht unbedingt teuer sein, meint auch Elisabeth Wittkowski. Gerade auch bei den Nischeninteressen sei für jede und jeden etwas dabei.


Sammlung alter Postkarten aus Kunst und Kitsch
Eine Sammlung alter Postkarten aus Kunst und Kitsch gehört zu den günstigen Angeboten, mit denen die Antiquariatsmesse junge Sammlerinnen und Sammler ansprechen will.

„Wenn ich nicht die Erstausgaben der Weltliteratur sammele, sondern vielleicht die Erstausgaben meiner Lieblingsbücher, dann findet sich ganz schnell was vielleicht unter 10 Euro.“, meint die Sammlerin. Man müsse sich nur Zeit für die Suche nehmen.

Trotzdem kann die Messe auch mit einer Reihe sehr kostbarer Raritäten glänzen. Zum Beispiel mit einem Erstdruck eines mittelalterlichen Versepos von 1477 für 230.000 Euro.

Struwwelpeter-Ausgabe
Auch auf der Antiquariatsmesse: eine Sonderausstellung zu alten und neuen Struwwelpeter-Ausgaben.

Stuttgarter Antiquariatsmesse sucht Anschluss an Moderne

Die Antiquariatsmesse sucht den Anschluss an die Moderne, ist vom alten Standort im Württembergischen Kunstverein in die Liederhalle gewechselt und mit 72 Ausstellern aus elf Ländern internationaler geworden.

Der Markt wird globaler und findet inzwischen auf diversen Plattformen und Auktionen im Internet statt. So hat der 41-jährige Gabriel Müller aus dem schweizerischen Goldach am Bodensee gleich auf ein Ladengeschäft verzichtet und ist ausschließlich online unterwegs.

Porträt Gabriel Müller
Der Kunstbroker Gabriel Müller. Er ist Experte für Bücher und Fotografie.

„Ich habe mir gesagt, heutzutage macht es keinen Sinn mehr, sich auf eine bestimmte Richtung zu fokussieren“, meint Müller. Das könnten die Antiquariate, die das schon seit 20 Jahren machen. Die hätten einen Kundenstamm, von dem sie so leben können, meint der Händler.

Ich denke, ich als eher jüngerer Antiquar muss breit denken.

Der Antiquariatsnachwuchs muss neue Wege gehen

Er komme aus dem Auktionshaus und habe dadurch auch gute Kontakte zum Kunsthandel generell. Darum habe er sich entschieden, sich nicht nur auf Bücher zu fokussieren, sondern auch auf Beratung, Vermittlung und Schätzung.

Und das nicht nur im Bücherbereich, sondern auch im Bereich Kunst. Aus diesem Grund nennt sich Gabriel Müller auch nicht mehr Antiquar, sondern „Kunstbroker“. Vor drei Jahren habe er sich selbstständig gemacht und gehört zu den jüngeren Händlern auf der Antiquariatsmesse.

Vitrine zeigt hochpreisige Ausgaben mit altkolorierten Blumenkupferstichen
Gabriel Müller hat ein breites Angebot, darunter auch sehr hochpreisige Ausgaben mit Blumenkupferstichen.

Wie Robert Eberhardt, der mit Mitte 30 das mehr als 100 Jahre alte Unternehmen Felix Jud in Hamburg übernommen hat: Es ist Antiquariat, Buch- und Kunsthandlung in einem. Für ihn passen Tradition und Moderne durchaus zusammen.

„Es gibt auch junge Leute, die sich für antiquarische Bücher, für Texte, für klassische Autoren interessieren“, erklärt Eberhardt. Es gebe sogar einen Gegentrend angesichts der ganzen digitalen Welt. Und deshalb sei die Strategie, bei einem Bildungsanspruch zu bleiben.

Brief Pablo Picassos
Auch seltene Stücke wie hier ein Brief Pablo Picassos gehören zu den Angeboten auf der Antiquariatsmesse Stuttgart.

Tradition und Social Media kombinieren

Die Texte müsse man also sehr ernst nehmen, gleichzeitig viel auf Instagram machen und Formate für junge Leute entwickeln, beispielsweise Reading Clubs. Generell müsse man aber überhaupt erst einmal den Kontakt zur nächsten Generation mit dem Buch herstellen.

Dieter Roth, Das Weinen, 1978
Dieter Roth, Das Weinen, 1978, aus dem Antiquariat Michael Steinbach in Wien.

Das antiquarische Buch werde es auch in 100 Jahren noch geben, davon ist Robert Eberhardt zutiefst überzeugt. Es sei wie eine Brücke in die Vergangenheit, geheimnisvoll und faszinierend.

Literatur Eine Messe auch für den kleinen Geldbeutel - die 40. Antiquaria in Ludwigsburg

Die wertvollen bibliophilen Kostbarkeiten gibt es zwar auch immer wieder auf der „Antiquaria“, doch die Messe wurde vor 40 Jahren mit einem etwas anderen Geist gegründet. Anders als beim klassischen Antiquariat ging es anfangs eher um Gebrauchtbücher: Comics, Betriebsanleitungen für Autos und Motorräder, Kochbücher, Karl-May-Werke.

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