Die Idee zur Ausstellung „Aufgetischt – eine kulinarische Weltreise“ lieferte ein Taschenmesser aus der Römerzeit, das auf einer Postkarte abgebildet war und bei Co-Kuratorin Isabel Schmidt-Mappes im Briefkasten landete.
„Die flatterte eines Tages ins Haus, wir hatten schon die Idee generell mal was zum Thema Tischkultur zu machen und dann kam die Postkarte und irgendwie hat die das Ganze nochmal befeuert und inspiriert.“
Taschenmesser aus der Römerzeit
Das Taschenmesser sieht noch nicht ganz so aus, wie die, die wir von heute kennen – aber fast. An einem geschwungenen Griff aus Silber sind ein Messer, eine Gabel, ein Löffel und andere kleine Werkzeuge befestigt, die man ein- und ausklappen kann.
Das antike Klappmesser ist eine Leihgabe des Universitätsmuseums Cambridge und nicht nur eines der Highlights der Pforzheimer Ausstellung, sondern auch ein Beleg dafür, dass Essen immer schon über die bloße Nahrungsaufnahme hinausging, erläutert Museumsleiterin Friederike Zobel. Denn ein geschmückter Tisch ist auch immer Ausdruck für eine Wertschätzung des Essens.
Seitdem es Menschen gibt, die sich zusammensetzen und das Essen gemeinsam genießen, wurde auch immer für den entsprechenden Tischschmuck gesorgt – auch für eine gewisse Sinnlichkeit der Behältnisse, die zeigen, wie wertvoll Essen immer schon war. Das Essen hat also auch das Umfeld gestaltet.
Wertschätzung des Essens durch Tischdekoration
Zobel geht sogar noch einen Schritt weiter und meint, es sei sogar wichtiger, das Essen schön anzurichten und den Tisch zu dekorieren, als sich schick gekleidet an den Tisch zu setzen, um dem Essen, unserem Lebenselexier die nötige Wertschätzung entgegenzubringen.
Viele Aspekte unserer Tischkultur haben wir uns in den letzten Jahrhunderten aus anderen Kulturen angeeignet. Durch Handel, Eroberungszüge und Migrationsprozesse gelangte eine immer größere Vielfalt an Nahrungsmitteln auf unseren Speiseplan.
Geringe Ess- und Tischkultur im Mittelalter
Während das Mittelalter von einer sehr spärlichen, grobmotorischen Esskultur geprägt war, sind die Mauren für die Verfeinerung der Speisen durch Gewürze unterschiedlichster Kontinente verantwortlich.
Auch die Tischsitten und das genussvolle Zelebrieren des Essens ist auf den nordafrikanischen Bevölkerungsstamm zurückgeführt. So wurden Speisen dekorativ angerichtet und in Form eines mehrgängigen Menüs serviert.
Barockzeit inszeniert Essen und Tafeln zum Gesamtkunstwerk
In der Barockzeit wurde die Tafel zum Gesamtkunstwerk. Dazu gehörte auch die Inszenierung des Services sowie der Speisen an sich. Da das Besteck zu Essenseinladungen mitgebracht wurde, waren aufwendige Gestaltungen von Messer und Gabel üblich – schließlich sollte das Besteck rasch wiedererkannt werden.
Ebenso war es nicht en vogue, mehr Besteck als nötig zu besitzen. So gab es im Mittelalter selbst in Gaststätten kein Besteck zur Mahlzeit dazu – jeder hatte nur eine eigene Garnitur. Und es galt: je prunkvoller, desto reicher war die Person.
Sinn für Ästhetik nimmt im Laufe der Jahrtausende zunächst zu
Besonders deutlich wird der wachsende Sinn für Ästhetik auch in der musealen Anordnung der Exponate. Diese sind in den Vitrinen nämlich nicht chronologisch geordnet, sondern nach Formen – und das hat einen ganz besonderen Grund, wie Kuratorin Katja Poljanac am Beispiel von Trinkgefäßen erklärt:
Grundformen wie der Becher, die Schale und der Löffel haben sich kulturübergreifend bis heute in ihrer Funktionalität bewährt. Verwendet werden dazu beispielsweise auch Naturmaterialien wie Kokosnuss oder Kalebasse. Die Art der Herstellung und Verzierung vermitteln jeweils technische Errungenschaften, Kunstfertigkeiten und Symbolwelten.
Von der Wegwerfgesellschaft zurück zum Essen am runden Tisch?
Eine entscheidende Rolle hat aber auch der technologische Fortschritt gespielt, mit dem Geschirr aus Porzellan, Metalllegierungen und nicht zuletzt aus Plastik und als Massenware hergestellt werden konnte.
Aus diesem Grund setzt sich die Ausstellung auch mit der Wegwerfgesellschaft auseinander, die unsere Tischkultur heutzutage prägt. Dabei sind auch Fast Food und To-Go-Gerichte nicht ganz unschuldig.
In einer Vitrine ist beispielsweise eine leere Croissant-Tüte, die einer Papiertüte täuschend ähnlich sieht, ausgestellt. Sie wurde aber nicht achtlos weggeworfen, sondern 2016 vom Schweizer Schmuckkünstler David Bielander aus patiniertem Silber gefertigt.
Mittlerweile beobachtet die Museumsleiterin aber auch wieder ein Umdenken, sodass wieder nachhaltiger mit „Wegwerf-Geschirr“ umgegangen wird und auch dem gemeinsamen Essen wieder eine größere Bedeutung zukommt.
Ausstellung „Aufgetischt – eine kulinarische Weltreise“ bietet Interaktives
Wer nun noch erfahren möchte, was damals und in anderen Kulturen tatsächlich auf den Tisch kam, kann interaktiv auf historische Rezepte zugreifen. Ebenso ist es möglich, sich über unterschiedliche Rezepte gegenseitig auszutauschen.