Die Tänzerin und der Konstruktivist

„KörperGeometrie“ - Geschichte einer großen Künstlerliebe im Landesmuseum Wiesbaden

Die Ausstellung „KörperGeometrie“ im Landesmuseum Wiesbaden zeigt Leben und Werk der jüdischen Tänzerin Ilse Leda und des Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart.

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Von Autor/in Natali Kurth

Die Tänzerin und der Künstler inspirierten sich gegenseitig

Hannover in den 1920er-Jahren. Die Künstlerbewegung des Dadaismus ist in Berlin und Köln in vollem Gange. Aber auch Hannover ist eine Hochburg, durch Kurt Schwitters, der damals ein dadaistisches „Gesamtweltbild“ entwickelt.

Mittendrin die junge jüdische Tänzerin Ilse Leda und der konstruktivistische Künstler Friedrich Vordemberge-Gildewart.

„In dieser brodelnden Kunstmetropole sind sie sich begegnet, sind sich gegenseitig verfallen“, erzählt Roman Zieglgänsberger, Kurator der Ausstellung „KörperGeometrie“. „Das war wie eine Symbiose, sie sind ganz eng gewesen. Und was wir erst über den Koffer mit dem Nachlass von Ilse Leda erfahren haben, ist, dass die Inspiration beidseitig war.“

KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
Friedrich Vordemberge-Gildewart, fotografiert von Hugo Erfurth, 1932. Bild in Detailansicht öffnen
KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
Ausstellungsansicht Bild in Detailansicht öffnen
KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
Ausstellungsansicht mit Studien zum sogenannten „Maschinentanz“ des Ensembles von Ilse Leda Bild in Detailansicht öffnen
KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
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KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
Ilse Leda fotografiert von Hugo Erfurth, anlässlich ihrer Heirat 1932 mit Friedrich Vordemberge-Gildewart. Bild in Detailansicht öffnen
KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
Kurator Roman Zieglgänsberger in der Schau „KörperGeometrie“ im Landesmuseum Wiesbaden. Bild in Detailansicht öffnen
KörperGeometrie - Museum Wiesbaden
László Moholy-Nagy: Blick auf den Park von Schloss La Sarraz (u. l. Friedrich Vordemberge-Gildewart), August 1931. Bild in Detailansicht öffnen

Ein Koffer mit zahlreichen Fotografien aus dem Nachlass von Ilse Leda

Der Koffer - eine Entdeckung. Im Nachlass von Ilse Leda befinden sich zahlreiche Fotografien – unter anderem von László Moholy-Nagy, einem seinerzeit prägenden modernen Künstler.

Die schwarz-weißen Porträtaufnahmen von Ilse zeigen eine junge entschlossene Frau, die bereit ist, ihren Weg zu gehen. Darunter auch Studien ihres Ensembles zum sogenannten „Maschinentanz“: Sieben Tänzerinnen hintereinander aufgereiht, den Kopf in die Hände gestützt und den Blick geradeaus.

Die Verbindung von Körper und Geometrie

Friedrich unterstützte Ilse bei ihrem Traum, eine berühmte Tänzerin und Choreografin zu werden. Er kreierte ihre Werbeplakate in schnörkellosem Stil und sie inspirierte ihn ganz offenbar zu seinen abstrakten Meisterwerken.

So kam auch der Titel der Ausstellung „KörperGeometrie“ zustande, erläutert Roman Zieglgänsberger: „Wir wollten nicht sagen, dass der Körper für den Tanz steht und die Geometrie für die Kunst von Vordemberge-Gildewart.“ Eigentlich wollten wir sagen, Ilse Leda macht Körpergeometrien. Und Vordemberge-Gildewart macht nicht nur Geometrien, sondern aus seinen Geometrien entstehen auch Körper.“

Tanzskizzen und kleine Holzstücke

Ilse und Friedrich waren unzertrennlich, haben sich aus heutiger Sicht perfekt ergänzt und gegenseitig unterstützt. Eine große Liebe, die über Jahrzehnte andauerte.

Ilse Leda machte zum Beispiel Tanzskizzen: Quader in einem Koordinatensystem, die den Menschen in seiner Beweglichkeit auf einer völlig abstrakten Ebene abbilden sollten, wie Zieglgänsberger erklärt.

Dreiecke, Quadrate und strenge stark durchgezogene Linien kennzeichnen lange das Werk von Friedrich. Oft hat der ehemalige Schreiner als Zitat kleine Holzstücke mit in seine Bilder eingearbeitet und sich eher auf dezente Farbgebung reduziert.

Ilses Berufsverbot hat auch Auswirkungen auf den Stil von Vordemberge-Gildewart

Doch als Ilse wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht mehr tanzen und auftreten darf, ändert sich der Stil des Künstlers. Vordemberge-Gildewart nahm kein Holz aus seiner Zeit als Schreiner mehr in seine Bilder hinein, sagt Zieglgänsberger. „Und in dem Moment ist auch die Karriere von Ilse Leda vorbei gewesen.“

Doch statt aufzugeben, passiert das Gegenteil: Im Exil schuf Vordemberge-Gildewart besonders leichte Bilder mit unglaublicher Brillanz und Farbigkeit. „Man wollte sich vom Nationalsozialismus nicht unterkriegen lassen und seinen Weg in der Kunst weitergehen“, meint Roman Zieglgänsberger.

Im Guggenheim-Museum hängt Vordemberge-Gildewart neben Mondrian und Malewitsch

Auch die Größe seiner späten Wandbilder imponiert. Verglichen mit anderen Künstlern hat Friedrich Vordemberge-Gildewart ein eher kleines Oeuvre geschaffen und ist in Deutschland relativ unbekannt. 223 Kompositionen gibt es, die er innerhalb von 40 Jahren geschaffen hat.

Doch er ist in allen großen Museen vertreten, wie Zieglgänsberger erklärt: „Im Guggenheim-Museum in New York hängen ein Mondrian und ein Malewitsch nebeneinander und dann hängt plötzlich in der Rotunde ein Vordemberge-Gildewart. Also von daher ist er nicht bekannt in populärer Hinsicht, aber er wird geschätzt von Leuten, die seine Werke in der Sammlung haben.“

Die Ausstellung im Wiesbadener Landesmuseum würdigt das Lebenswerk des Konstruktivisten Friedrich Vordemberge-Gildewart und der Tänzerin und Choreographin Ilse Leda in einer aufregenden und emotionalen Schau. Sie zeigt zwei Individuen, die nicht nur durch die Liebe, sondern auch durch ihre Kunst eng miteinander verbunden waren.

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