„Wolken sind Malerei am Himmel“
Schleierwolken, Schichtwolken, Haufenwolken. Weiß fluffig am blauen Himmel oder als Vorboten eines bedrohlich schwarzen Unwetters. Wer in diesen Tagen die Städtische Galerie in Bietigheim-Bissingen betritt, taucht ein in 500 Jahre Wolken und ihre Spuren in der Kunstgeschichte.
„Wolken sind Malerei am Himmel, aber verändern sich ständig. Ich glaube, das ist, was Künstler*innen seit jeher gereizt hat: Diese sich wandelnden Wesen am Himmel einzufangen in ihrer Kunst“, erklärt die Leiterin der Städtischen Galerie, Isabell Schenk-Weiniger.
Die Schau stellt historische Werke zeitgenössischen Arbeiten gegenüber. So empfangen einen direkt am Eingang Himmelsbeobachtungen des Bietigheimer Künstlers und Karlsruher Professors Gustav Schönleber aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Und zwischen Abend- und Gewitterstimmung hängt der zarte Wolkenvorhang der Künstlerin Anna Grath von 2014 an der Wand.
Das Tor zu Gott
In einem Holzschnitt von Albrecht Dürer – „Die Marter der Heiligen Katharina“ – kniet die zum Tode verurteilte christliche Märtyrerin. Ein mit eisernen Sägen gesäumtes Rad soll das Hinrichtungsgerät sein. Der Grund: Sie weigerte sich, einen heidnischen Kaiser zu ehelichen.
Jetzt blickt sie gefasst ihrem Schicksal entgegen. Um sie herum herrscht das Chaos, aus einer Wolke schießen explosionsartig Hagelmoder Steine auf alles um sie herum herab. Die Wolke ist hier wie ein Tor zu Gott, der das Folterwerkzeug zerstört.
„Es gibt unglaublich viele Szenen – auch in der Bibel – wo Wolken eine wichtige Rolle spielen als Vermittler zwischen der irdischen und der göttlichen Sphäre“, sagt Schenk-Weiniger.
Von Impressionismus bis zur Fluxus-Bewegung
Wolken waren von jeher mit einer tiefen emotionalen, aber auch existentiellen Bedeutung aufgeladen. Die lebenslange Faszination für die Himmelsgebilde nimmt bei einigen der Künstler hier fast eine Art Besessenheit an.
In zahllosen Naturstudien in Öl, fotografisch oder in eindrucksvollen Radierungen hält der Stuttgarter Künstler Felix Hollenberg Anfang des 20. Jahrhunderts Wolkenbeobachtungen fest. Aber auch die Wolke als Sinnbild des Göttlichen, wie sie in der Renaissance und dem Barock zum Einsatz kam, inspiriert bis heute.
Die unterschiedlichen Positionen vom Impressionismus bis zur Fluxus-Bewegung nähern sich dem Motiv aus verschiedenen Perspektiven: Reine Naturanschauung, die Wolke als symbolisches Konzept oder ästhetisches Experiment.
Wolke als Symbol des Klimawandels
Heute steht die Wolke vielleicht nicht mehr für einen strafenden Gott, dafür als ein Symbol für den Klimawandel, wie bei der Fotoarbeit „Wolkenmeer“ der Künstlerin Almut Linde. Das abstrakte Geflecht aus weißen Linien auf blauem Grund erschließt sich erst auf den zweiten Blick.
„Die Fotoserie hat sie gemacht während der Klimakonferenz von Madrid“, erklärt Galerieleiterin Schenk-Weiniger. „Das sind lauter Kondensstreifen von Flugzeugen. Ein bisschen absurd, dass gerade zu so einem Anlass die Politikerinnen und Politiker aus aller Welt mit dem Flugzeug anreisen.“
Das Denken ist wie eine Nebelwolke
Den Abschluss der Ausstellung bildet ein kleines Séparée mit Arbeiten der Künstlerin Nanne Meyer. Auf zahllose handgeschöpfte Japanpapiere in Visitenkartengröße hat Meyer von Bild zu Bild wandelnde Wolkenformationen gemalt, Zitate geschrieben, Gedanken festgehalten, die wie Wolken einen Moment da und dann wieder verschwunden sind.
„Das Denken ist wie eine Nebelwolke, in der nichts notwendigerweise begrenzt ist“ dieses Zitat von Ferdinand de Saussure ist Teil von Meyers Arbeit und umschreibt auch die sehr umfassende Ausstellung, die sich unterschiedlichen künstlerischen Epochen über die Wolke nähert. Dieser besondere Fokus eröffnet einen ganz anderen Blick auf die Werke.
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