Kunst und Landwirtschaft – das sind zwei Welten, die so weit auseinander liegen wie Mähdrescher und Staffelei. Aber genau diese beiden Welten werden aktuell im Kunstmuseum Hohenkarpfen zusammengeführt: Unter dem Titel „Landleben – Der Bauer im Bild“ spannt die Ausstellung einen Bogen von der Agrar-Romantik des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit.
Uwe Riesle, Biolandwirt, steht vor einem Gemälde im Kunstmuseum Hohenkarpfen. Darauf sieht man einen dick eingepackten Mann, der im Winter Holz spaltet. Das Bild wirkt trist, man spürt die Kälte.
„Unterm Jahr, wenn das Wetter schön war, musste man aufs Feld. Da hatte man keine Zeit zum Holz machen, das hat man dann im Winter erledigt“, erinnert sich der Landwirt an seinen Opa.
Friede, Freude, Landleben: Die Agrar-Romantik und das idealisierte Bauernleben
Im 19. Jahrhundert hatte die Darstellung vom Leben auf dem Land Hochkonjunktur. Die Industrialisierung löste eine Landflucht aus. Die Dorfbevölkerung suchte sich Arbeit in den Städten, die immer größer wurden, aber auch immer anonymer. Die hygienischen Verhältnisse wurden schlechter, die Kluft zwischen arm und reich größer.
Die Künstler, die häufig in der Stadt lebten, sehnten sich nach einer heilen Welt, in der die Menschen im Einklang mit der Natur lebten und suchten diese auf dem Land. So wurde der Bauer zur Leinwand-Version seiner selbst und eine moralisch integre Gegenfigur zum dekadenten Stadtmenschen.
Wie hart das Landleben damals wirklich war, wurde dabei ausgeklammert. Es ging darum, die Verbindung mit der Natur und die Idylle einer vermeintlich ursprünglichen Lebensart zu betonen.
Der Bauer zwischen Heldenbild und Klassenkampf
Auch im frühen 20. Jahrhundert blieb der Bauer ein beliebtes Motiv, er wurde allerdings sogar noch stärker ideologisch aufgeladen: Im Nationalsozialismus stilisierte man die Dorfbevölkerung zu Helden der sogenannten Blut-und-Boden-Ideologie. Sie wurden als Bewahrer der deutschen Kultur und Reinheit dargestellt. Ausgespart wurde auch hier die harte Realität der Feldarbeit.
Im Sozialismus hingegen idealisierte man andere Aspekte dörflicher Idylle: Die Bauern wurden als Vorreiter eines modernen und klassenlosen Landlebens inszeniert, dass sich für eine neue Gesellschaftsstruktur einsetzt. Ziel war es, Natur und Technologie als harmonische Verbindung darzustellen, die den industriellen Fortschritt betonte.
In beiden Fällen wurde die Landschaftsmalerei das verklärendes Werkzeug politischer Propaganda.
Künstlerischer Abschied vom bäuerlichen Leben
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die gegenständliche Malerei von moderneren und weniger gegenständlichen Kunstströmungen zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Das Landleben verlor als Sujet an Bedeutung.
Nach den Schrecken des Krieges und der Zerstörung durch die Gefechte spielte die Landschaft als idyllischer Rückzugsort in der Kunst keine große Rolle mehr. Das Bedürfnis nach ländlicher Heimelichkeit wurde durchs Fernsehprogramm befriedigt.
Die Künstler der Nachkriegszeit suchten nach neuen Möglichkeiten sich auszudrücken. Dem Trauma des Krieges begegneten sie mit abstrakten und experimentellen Ansätzen. Zudem gab es immer weniger Berührungspunkte mit der Landwirtschaft, die zunehmend durch die Technisierung verändert wurde.
Während Anfang des 19. Jahrhunderts noch 75 Porozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiteten, sind es in Baden-Württemberg heute gerade noch etwa ein Prozent. Der Bezug zum Landleben ging nach und nach immer mehr verloren – eine Entwicklung, die auch Landwirt Uwe Riesle bedauert.
Schein versus Sein - ein Realitätscheck
Aber wie nah dran sind die Gemälde von damals und heute eigentlich an der Realität? Und was lösen sie in einem Menschen aus, der den Schweiß auf dem Feld wirklich kennt?
Uwe Riesle führt seinen Hof in Hausen ob Verena in dritter Generation. Er betreibt Mutterkuhhaltung, baut Getreide an und lebt seinen Traum. „Ich mache es gerne“, sagt er. „Es ist so schön in der Natur und bei den Tieren. Es gibt nichts Schöneres.“
Aber mit der verklärten Inszenierung auf den Leinwänden hat sein Leben nichts mehr zu tun. Die Zeiten, als die Arbeit noch mühseliger war und das ganze Dorf mit anpacken musste, sind vorbei. Mit der Technisierung ist man nicht mehr auf die Gemeinschaft angewiesen.
Plötzlich war man als Bauer ganz alleine mit dem Traktor auf den Feldern unterwegs, mit all den psychischen Belastungen, die so eine Vereinsamung mit sich bringen kann.
Das Dorf stirbt, der Supermarkt lebt
Läden wie der Dorfladen in einer Arbeit des Künstlers Reinhold Adt erinnern Uwe Riesle an seine Kindheit, als er mit wenig Geld Brause oder Stileis kaufen ging. Wie der Laden aus seiner Kindheit hat auch der kleine Dorfladen im Bild keine Zukunft.
„Die Leute fahren lieber zum Discounter, als ein bisschen mehr zu bezahlen“, merkt Riesle wehmütig an. Vieles von dem, was das Dorfleben einst geprägt hat, ist mittlerweile verloren gegangen.
Vorsichtige Annäherung: Das Leben auf dem Land und die moderne Kunst
Nachhaltigkeit, Klimawandel, politische Proteste – Mit den neuen Herausforderungen der Landwirtschaft wird auch die künstlerische Beschäftigung mit dem Landleben wieder interessanter.
Heute wird das Landleben aber nur noch selten als ästhetisches Motiv verarbeitet, sondern als Schauplatz für moderne gesellschaftliche Konflikte wahrgenommen und verarbeitet: Fortschritt und Tradition, Mensch und Natur, Globalisierung und Regionalität.
Was bringt dem Bauern die Kunst?
Uwe Riesle hat einen ganz konkreten Wunsch an die Kunst. Er findet, sie sollte die aktuelle Realität abbilden: die Arbeit mit Maschinen, der Einfluss des Klimawandels und die Probleme nachhaltiger Bewirtschaftung des Landes.
Sprich: die anspruchsvollen Herausforderungen, mit denen die Landwirtschaft heute konfrontiert ist. Denn nur, wer weiß, wo sein Essen herkommt, kann auch die Menschen dahinter wertschätzen. Und diese Wertschätzung, so Riesle, ist zu weiten Teilen verloren gegangen.