Hier ist ein absoluter Meister am Werk: Michael Zeynsler schnitzt Skulpturen, die anmutig, ja geradezu beseelt wirken und uns auch nach 500 Jahren anrühren. Eine Figurengruppe zeigt Anna, die Mutter Mariens, sie hält das Jesuskind im Arm, und Maria lehnt sich an sie in inniger Verbundenheit.
Museumsleiter Franz Brunecker wird bei dem Anblick fast andächtig: „Das Werk ist traumhaft schön, zum Niederknien schön. Wenn man niederkniet, dann sieht man die mädchenhafte Maria noch deutlicher und eindrucksvoller. Das Tolle sind die lebendigen Aspekte, wie eine Strähne gelockten Haares aus ihrem Haarreif fällt, fast unabsichtlich, das ist in Holz unglaublich fein gearbeitet.“
Zeynsler auf der Spur
Über Michael Zeynsler weiß man wenig. Um 1482 in Memmingen geboren, kam er 1515 nach Biberach und betrieb dort eine Werkstatt.
Die Restauratorin Evamaria Popp ist ihm seit langem auf der Spur und konnte Skulpturen, bei denen der Urheber bisher unklar war, Zeynsler und seiner Werkstatt zuordnen.
Sie untersuchte zum Beispiel, wie die Figuren beim Entstehen in die Werkbank eingespannt waren und fand immer dieselben Merkmale. Sie stellte unter anderem fest, dass die Umrisse der Finger- und Zehennägel auffällig mit doppelter Linie gearbeitet sind.
Expertin für Spätgotik
Und sie, die Expertin für die berühmte Spätgotik der Ulmer Meister, ist von der Kunst aus Biberach – gerade mal 20 Kilometer von Ulm entfernt – überzeugt.
Evamaria Popp führt aus: „Diese Lebendigkeit, emotionale Art, das hat mich so fasziniert. Ich kenne ja ganz viele spätgotische hauptsächlich Ulmer Skulpturen, die waren immer wunderschön. Ich habe ja Multscher rauf und runter untersucht, Erhart und Mauch. Aber es hat mich am allermeisten bisher eben begeistert.“
Evamaria Popp hat jahrelang in Museen, Kirchen und Kapellen nach Skulpturen von Zeynsler gesucht und hat erstmals einen Werkkatalog zusammengestellt.
Herzergreifend und selten dargestellt
Was man jetzt in Biberach sehen kann, ist jedenfalls großartig: Der Heilige Christophorus ist nicht – wie oft üblich - als Kraftprotz gestaltet, sondern als alter Mann mit Krampfadern, der ganz sachte zum Jesuskind aufblickt.
Herzergreifend und selten dargestellt: Maria im Wochenbett auf einer Liege. Ein Andachtsbild, es kommt aus Lyon, zeigt eine Fülle von Figuren. Die einen kommen in den Himmel, die anderen in die Hölle. Anzustreben ist natürlich der Himmel. Deshalb ist am Kleid der Madonna die goldene Farbe ganz abgeblättert, so Franz Brunecker.
Zeynsler sogar in New York
Dass man Werke von Zeynsler in Lyon, aber auch in Budapest, Paris oder Berlin findet, hängt mit dem Bildersturm infolge der Reformation zusammen.
Biberach wurde 1531 evangelisch, viele Altäre wurden entfernt, vieles in alle Welt zerstreut. Den Heiligen Rochus hat es gar nach New York ins Metropolitan Museum verschlagen, ist dort aber nicht als Werk Zeynslers gekennzeichnet.
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