Dokumentiert für die Ewigkeit ist er aber trotzdem. Die Ausstellung „Mehr Licht“ zeigt den Kühlturm des einstigen Atomkraftwerks Mühlheim-Kärlich aus allen erdenklichen Perspektiven. Möglich macht das der Fotograf Michael Bertram, der den Turm künstlerisch begleitete.
Von zahlreichen Fotos, die über die Jahre entstanden sind, sind nun 94 in einer Ausstellung auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz zu sehen.
Michael Bertram inszeniert Atomkraftwerk als Kunstwerk
Mal eingerahmt zwischen zwei Bäumen, mal aus der Ferne als unscheinbarer kleiner Punkt in der Landschaft oder dominant im Hintergrund eines Neubaugebiets.
Fotograf Michael Bertram setzt den Kühlturm des AKW Mühlheim-Kärlich in jedem seiner Fotos anders in Szene. Den Fokus legt er dabei auf das Zusammenspiel der Ortschaften mit dem Turm, wie er also jeweils in die Umgebung eingebettet ist.
Auf jedem dieser Bilder sieht man entweder einen Teil des Kraftwerks, mal den Kühlturm, den abgebauten Kühlturm oder nur noch den Schornstein.
Der Kühlturm Mühlheim-Kärlich prägte die gesamte Region
Michael Bertram kennt die Region gut. Er ist hier aufgewachsen, zur Schule gegangen und hat in Koblenz studiert. Das Atomkraftwerk samt Kühlturm war zwar in den 1990er-Jahren nur rund zwei Jahre in Betrieb, prägte aber Jahrzehnte lang die Region.
Mit knapp 162 Metern war der Kühlturm höher als der Kölner Dom und weit über Mühlheim-Kärlich hinaus sichtbar. Als er 2019 abgerissen wurde, empfanden die Menschen damals Freude und Trauer zugleich.
Für die einen war das Kraftwerk wie ein Wahrzeichen, da man es schon von Weitem sah. Die anderen waren froh, dass der Kühlturm endlich wieder weg war. Doch ein bisschen Wehmut schwang bei vielen dennoch mit.
Die Ausstellung „Mehr Licht“ fängt die Hassliebe ein
Genau diese Hassliebe der Menschen in der Region mit dem Kraftwerk hat auch Michael Bertram erfahren, als er seine Fotos machte. Als er durch die Straßen lief und fotografierte, waren die Menschen neugierig und fragten, warum er dies tue.
Nachdem er sein Anliegen erzählte, kamen sie meistens ins Plaudern, eben über den Turm. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen, denn er prägte sehr markant die Ortschaft und war einfach nicht zu übersehen. Man musste sich zwangsläufig mit ihm auseinandersetzen und schließlich arrangieren.
Auf der Suche nach unterschiedlichen Perspektiven
Fünf Jahre lang war Bertram auf der Suche nach verschiedenen Perspektiven, um den Kühlturm in der Region bestmöglich einzufangen. Er schnappte sich eine Karte und markierte, in welche Ort er fahren muss, um den Turm sehen zu können.
So entstand bis zum Abriss 2019 ein Langzeitprojekt, eine Art Dokumentation des Alltäglichen, festgehalten auf schwarz-weißen Fotos.
„Man sieht ein Dorf, aber das Besondere ist nun mal der Kühlturm im Hintergrund“, erklärt Michael Bertram seinen Ansatz. „Wir sehen ein Haus mit Walmdach, Wäschespindel, Wetterhahn und allem, was dazugehört. Hinter dem Haus steht einmal der Kirchturm und auf der anderen Seite der Kühlturm. Alles gehört zusammen, alles ist eins und man hat sich arrangiert und man lebt miteinander.“
Fotografie hat großen Wahrheitskern und doch lässt sich mit ihr spielen
In der Ausstellung sind die Fotos so angeordnet, dass man zuerst die Bilder ohne Kühlturm sieht. Nach und nach erscheint dann der Turm immer größer bis zu seiner vollständigen Höhe. So soll der Eindruck entstehen, dass das Atomkraftwerk erst aufgebaut wird.
„Die Fotografie an sich ist nun mal das Medium, dem man irgendwie einen großen Wahrheitsgehalt zuordnet“, so Michael Bertram. „Aber alleine durch die Abfolge der Bilder kann man da schon einen anderen Zusammenhang herstellen.“
Fotograf will das Besondere im Alltäglichen entdecken
Als der Turm abgebaut wurde, schien es so, sagt, Bertram, als finde die Atomkraft in Deutschland ein Ende. Nun empfindet er es wieder ein bisschen anders. Bertram gefiel das Spiel mit der Wirklichkeit. Sind wir am Ende der Atomkraft, oder doch nicht?
Das Spannnende für ihn bleibt: Denn Fotograf Michael Bertram begeistert es, das Besondere im Alltäglichen zu entdecken und zu zeigen.