Sie war eine der einflussreichsten amerikanischen Malerinnen der Nachkriegsgeschichte: Helen Frankenthaler. Mit ihrer sogenannten „Soak-Stain“–Technik oder Schüttbildmalerei prägte die New Yorkerin die moderne Malerei.
Mit Anfang 20 profilierte sich Frankenthaler in der männerdominierten Kunstwelt. Ausgehend vom Abstrakten Expressionismus entwickelte sie ihre ganz eigene, charakteristische Bildsprache: bunt leuchtend, atmosphärisch und experimentierfreudig. Sie war und ist Inspiration für nachfolgende Generationen von Künstler*innen.
Wenige Helen-Frankenthaler-Ausstellungen in Europa
Das Kunstmuseum Basel widmet der wegweisenden Künstlerin jetzt eine Sonderausstellung. Es ist nach Angaben des Museums die bislang größte Ausstellung ihrer Arbeit in Europa und die erste institutionelle Einzelausstellung in der Schweiz.
Während Helen Frankenthaler in den USA in Museen allgegenwärtig ist, wird ihre Malerei in Europa erst in den letzten Jahren sozusagen wiederentdeckt oder neu entdeckt. Zuletzt mit einer Ausstellung im Museum Reinhard Ernst in Wiesbaden. Dabei bereiste die Künstlerin immer wieder Europa und ließ sich von der europäischen Kunstgeschichte inspirieren.
Schon auf der ersten Biennale in Paris 1959 wurde sie für ihre frühe Arbeit ausgezeichnet.
Schon früh in der New Yorker Kunstszene verwurzelt
Helen Frankenthaler wurde 1928 geboren. Sie stammte aus einer wohlhabenden bürgerlichen Familie. Ihr Vater war Richter am Supreme Court. Ihre jüdische Mutter stammte ursprünglich aus Wiesbaden. Sie wuchs in einem kulturell geprägten Umfeld auf, erhielt früh eine künstlerische Ausbildung und studierte dann am Bennington College in Vermont und später an der Art Students League in New York Kunst.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich das Zentrum der Kunstwelt von Paris nach New York. Schon mit Anfang 20 bewegte sich Frankenthaler in den frühen 1950er Jahren im Inner Circle der künstlerischen Avantgarde.
Unter anderem begegnete sie dem einflussreichen Kunstkritiker Clement Greenberg, der sie der Überlieferung nach ermutigte, ihren eigenen künstlerischen Weg weiter zu gehen. Sie waren mehrere Jahre ein Paar.
Enge Kontakte zu Jackson Pollock oder Mark Rothko
Frankenthaler wurde Teil eines bedeutenden Netzwerks. Als eine von wenigen Frauen, die sich sicher zu dieser Zeit in vielfacher Hinsicht doppelt beweisen mussten, um als Künstlerinnen ernst genommen zu werden, wurde ihnen doch auch in dieser Welt oft allenfalls die Rolle der Muse zugestanden.
Sie stand im Kontakt mit Größen wie Lee Krasner, ihrem Ehemann Jackson Pollock, Mark Rothko oder Willem de Kooning. Gleichzeitig wurde früh ihr Talent von Galerist*innen und Sammler*innen erkannt und sie wurde gefördert. Anders als viele ihrer Zeitgenossen setzte sie nicht auf eine eruptive, gestische Malweise, wie beim Action Painting, sondern auf eine reduzierte Malweise.
Pionierin mit „Soak-Stain“-Technik
Ihr Durchbruch gelang Helen Frankenthaler mit dem Werk „Mountains and Sea“ (1952). Das Gemälde zählt heute zu einem Schlüsselwerk der amerikanischen Nachkriegskunst und als Meilenstein des Abstrakten Expressionismus. Das Werk markiert den Moment, in dem die Künstlerin ihre ganz eigene Bildsprache entwickelt. Ihre neuartige Technik: „Soak-Stain“, die sogenannte Schüttbildmalerei.
Frankenthaler verwandelt ihre Landschaftseindrücke von einer Reise nach Nova Scotia in Kanada in ineinander übergehende, bunt, transparente, fließende Farbzonen. Die Innovation: Die Künstlerin gießt stark verdünnte Farbe auf ungrundierte Leinwand, die auf dem Boden liegt.
Die Farbe dringt in das Gewebe ein und verschmilzt mit ihm. Figur und Grund sind nicht mehr klar getrennt: Der entscheidende Impuls für die Farbfeldmalerei.
Auch wenn die Farbe dann noch mit Pinseln oder Schwämmen verteilt wird und die Künstlerin so eingreift, spielt auch der Zufall eine große Rolle. Die Farbe fließt im wahrsten Sinne.
Auch wenn sich Frankenthaler im Laufe ihrer Karriere auch anderen Verfahren öffnete – zum Beispiel der Druckgrafik – ,kehrte sie doch immer wieder zu ihrer besonderen „Soak-Stain-Methode“ zurück.
Der experimentelle Ansatz und das Interesse am Prozess der Entstehung bleiben als Konstante in ihrer künstlerischen Arbeit erhalten, auch wenn sie später oft kompositorisch bewusster arbeitete.
1966 vertrat Frankenthaler die Vereinigten Staaten auf der Biennale von Venedig. Seit den 1960er Jahren widmeten ihr amerikanische Museen größere Einzelausstellungen. Bis Ende der 1980er Jahre lehrte die Künstlerin auch an verschiedenen Universitäten, unter anderem in Yale.
Abstrakter Realismus in Europa erst später entdeckt
Auch wenn die Malerin in den USA zu einer der zentralen Figuren der Nachkriegskunst zählt, wurde dem abstrakten Expressionismus und damit seinen Vertreter*innen in Europa in den letzten Jahren lange viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das führte dazu, dass auch eine Künstlerin wie Helen Frankenthaler und ihr Einfluss weniger sichtbar waren.
Erst in den vergangenen fünf Jahren werden Helen Frankenthaler und ihr künstlerisches Wirken auch in Europa systematischer museal aufgearbeitet. Ein wichtiger Schritt, schließlich war die 2011 verstorbene Künstlerin eine der Pionierinnen, die die Möglichkeiten der Malerei nach dem Zweiten Weltkrieg neu gedacht haben.