Fährt man mit dem Auto durch den Südwesten, könnte man den Eindruck gewinnen, dass Kreisverkehre vor allem Sockel für besondere Kunstwerke seien.
Vielerorts thronen große, mehr oder weniger auffällige Skulpturen auf den Kreiseln: ein schwebendes rotes Kleid zum Beispiel, eine blaue Auto-Skulptur als Momentaufnahme eines Unfalls oder meterhohe rostige Säulen, die an abgebrochene Lippenstifte erinnern.
Eislingen an der Fils und Konz: Hauptstädte der Kreiselkunst
Mancherorts ist die Kreiselkunst sogar regelrecht inflationär: In Konz bei Trier beispielsweise sind gleich sechs Kreisel mit Skulpturen ausgestattet, in Eislingen an der Fils sind es sogar neun. So umfangreiche Kunst im Straßenraum ist meistens kunstbegeisterten Bürgermeistern oder einzelnen Bewohnern zu verdanken, die sich für mehr Kreatives in ihrem Ort einsetzen.
Dabei ist so ein Verkehrskreisel fast schon ein künstlerischer Unort: Denn anhalten, um das Werk in aller Ruhe zu betrachten und auf sich wirken zu lassen, das ist im laufenden Straßenverkehr nicht gerade vorgesehen.
Kunst im öffentlichen Raum als Alleinstellungsmerkmal
Und trotzdem: Kreiselkunst scheint spätestens seit Anfang der 2000er-Jahre eine beliebte Form von Kunst im öffentlichen Raum geworden zu sein. sie soll bekanntermaßen das Stadtbild aufwerten und Orte attraktiver machen.
Städte können sich so ein kreatives Alleinstellungsmerkmal schaffen, wie das bereits erwähnte Eislingen im Landkreis Göppingen zeigt. „Die Zeit“ bezeichnete Eislingen 2025 wegen seiner zahlreichen Kreiselkunst sogar als „Avantgarde“ und schlug vor, das Städtchen gleich auf der nächsten Documenta auszustellen.
Ob es Eislingen so schafft, mehr Besucher anzulocken, sei dahingestellt. Doch die umfangreiche Kreiselkunst kann trotzdem als eine Art gratis Freiluft-Museum gesehen werden. Denn der größte Vorteil von Kunst im öffentlichen Raum ist, dass sie frei zugänglich ist. Und damit auch diejenigen erreicht, die nicht ins Museum gehen oder sich den Besuch nicht leisten können.
Öffentliche Finanzierung und private Spenden
Finanziert wird Kunst im öffentlichen Raum in der Regel vom Bund, den Ländern oder den Kommunen – im Falle der Kreiselkunst meistens von den Gemeinden oder manchmal auch von privaten Spendern.
So stiftete beispielsweise ein Lörracher Unternehmer zum Anlass eines Firmenjubiläums eine Skulptur des Industrie-Designers Luigi Colani, die seit 2009 auf einem Kreisverkehr in Lörrach-Haagen steht.
Oft schreiben Städte auch Wettbewerbe aus, bei denen sich Künstlerinnen und Künstler mit ihren Ideen bewerben können. In Ingelheim am Rhein etwa war ein Kunstwerk zum Thema „Gesundheit, Pharmazie und Heilkunde“ gesucht. Der Gewinner war der Künstler Jürgen Waxweiler, der eine meterhohe Apfelskulptur aus Sandstein eingereicht hatte.
Die Stadt, die eigentlich für das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim bekannt ist, setzt künstlerisch also auf ein Symbol für gesunde Ernährung statt auf Medikamente – ausgerechnet auf einem Kreisel in direkter Nähe zum Pharmariesen. Kreiselkunst kann also mehr als nur dekorativ sein, sie kann sich als kritischer Kommentar darstellen.
Kunst am Bau: Förderung für Künstler
Solche öffentlichen Ausschreibungen sind für Künstlerinnen und Künstler außerdem eine gute Möglichkeit, Geld zu verdienen. Kreiselkunst knüpft dadurch an die Regelungen von Kunst am Bau an. Die Verpflichtung, bei öffentlichen Bauten einen Teil der Bausumme für Kunst auszugeben war nämlich entstanden, als sich Künstler nach dem Ersten Weltkrieg in einer wirtschaftlich schwierigen Lage befanden.
Bis heute wird auf diese Weise Kunst gefördert, die fest an, in oder vor Bauwerken installiert ist. Auch wenn Verkehrskreisel keine Bauwerke im eigentlichen Sinne sind: Für Künstlerinnen und Künstler kann Kreiselkunst dennoch lukrativ sein – aus finanzieller Sicht und weil ihre Arbeit einer breiten Öffentlichkeit direkt zugänglich ist.
So manche Stadt hat sich in den vergangenen Jahren auf diesem Weg auch eine Arbeit eines Künstlers mit Heimatbezug auf den Kreisverkehr gestellt. In Göppingen etwa steht mit „Der Strudel“, eine Arbeit von Stefan Rohrer mitten in der Innenstadt seiner Geburtsstadt.
Ein kreatives Achtung-Schild im Straßenverkehr
Die Autofahrenden kann die Kunst wiederum schon aus der Ferne darauf aufmerksam machen, dass gleich langsam gefahren werden sollte – sozusagen als eine Art kreatives Achtung-Schild.
Denn Kreiselkunst ist in jeden Fall mehr als bloßer Schmuck auf der Straße: Sie bringt Kunst an Orte, an denen sie nicht erwartet wird. Und während man an Kreisel-Skulpturen vorbeifährt, erinnert ihre Präsenz auch daran, dass Kunst nicht nur in Museen gehört.
Vielleicht lohnt es sich ja, beim nächsten Kreisverkehr kurz genauer hinzusehen. Oder vielleicht doch mal an geeigneter Stelle anzuhalten, um sich die Skulptur in Ruhe anzusehen.
Ab dem 4. Februar 2026 stellt SWR Kultur in einer elfteiligen Reel-Reihe Kreiselkunst aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg vor. Hier geht es zum ersten Video über die Fischsauerier-Skulptur „In einem Meer vor unserer Zeit“ vom ATELIER H-2-A, Mona Bayr und Alexander Funk in Eislingen an der Fils.