Buchkritik

Neuer Roman von Stewart O’Nan: „Abendlied“ – Hilfsbereitschaft unter Hilfsbedürftigen

Vier Seniorinnen gründen in den USA einen Club, um den Alten zu helfen. Mit Solidarität setzen sie ein Zeichen gegen gesellschaftliche Spaltung und finden einen neuen Lebenssinn.

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Stand

Von Autor/in Jörg Magenau

In Krisenzeiten wird Literatur zur Flaschenpost. Das gilt derzeit vor allem für die USA. 

Jedes noch so harmlose Buch kann als Seismograph für den Zustand der Gesellschaft dienen, so auch der neue Roman von Stewart O’Nan, der als feiner Beobachter und verlässlicher Chronist der oberen Mittelschicht gilt und für seine unaufgeregte, den Menschen zugewandte, friedfertige Haltung von vielen geschätzt wird. 

In „Abendlied“ bestätigt er diesen Ruf und kultiviert gegen die aggressive Dauererregtheit der Politik auf geradezu provokative Weise die Ereignislosigkeit des Alltags.  

Solidarität als Lebensinhalt  

„Abendlied“ spielt in einem Vorort von Pittsburgh/Pennsylvania und dort vor allem in einer Kirchengemeinde und im „Humpty-Dumpty-Club“ sehr alter Frauen, die ihren Lebensabend damit veredeln, Bridge zu spielen und anderen Alten zu helfen. 

Sie erledigen Einkäufe, begleiten in die Arztpraxis, machen Krankenhausbesuche und organisieren Beerdigungen. Wenn die Katze Oscar sich unterm Sofa versteckt, ist das schon fast ein Höhepunkt der sich wahrlich nicht überschlagenden Ereignisse.

Solidarität ist ihr Lebensinhalt – und das ist angesichts der Trump’schen Macht- und Interessenspolitik vielleicht schon eine politische Botschaft. Weniger optimistisch stimmt, dass diese Tugenden von 85- bis 90jährigen repräsentiert werden, die nicht mehr lange zu leben haben.  

Sie musste an ihr eigenes Leben denken, daran, was davon noch übrig war, was sie mit ihrer Zeit noch anfangen könnte. Sie hatte keine Pläne, die darüber hinausgingen, ein Humpty Dumpty zu sein oder sich um Oscar zu kümmern, und fragte sich, ob das genügte. Fürs Erste musste es reichen.  

Zu den vier alten Damen gehört auch Emily Maxwell und ihre Familie, die O‘Nan-Lesern aus mehreren seiner Romane, vor allem aus „Emily, allein“ bekannt ist. Die vier Alten müssen sich beim Helfen zunächst einmal selbst helfen, weil ihre Chef-Organisatorin nach einem Treppensturz mit Knochenbrüchen im Krankenhaus liegt.  

Drei Monate im Herbst 2022 

Im Zentrum ihrer Fürsorge steht ein zurückgezogen lebendes Pianisten-Paar – er Russe, sie Amerikanerin – die mit 35 Katzen in einem fürchterlich zugemüllten Haus leben, bis er mit akutem Organversagen ins Krankenhaus eingeliefert wird. Allmählich wird klar, was für ein Weltstar der winzig kleine Mann am Flügel gewesen ist.  

Das Geschehen spielt sich in der Nach-Corona-Zeit zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember 2022 ab und umfasst somit die Höhepunkte des amerikanischen Jahreslaufs mit Halloween, Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr.

In diese Monate fielen auch die Midterm-Wahlen, bei denen die Republikaner zwar die Mehrheit im Repräsentantenhaus, nicht jedoch im Senat eroberten – unter anderem, weil in Pennsylvania John Fetterman für die Demokraten gewann.

Am Wahltag steht ein fieser Redneck mit Militärmütze vor dem Wahllokal, was die Wahlhelferin als lebenden Betrugsvorwurf empfindet.  

Sie würde niemals betrügen. Er und die anderen Fox-News-Zombies waren doch die Betrüger, die (…) das Kapitol stürmten, wenn sie die Wahl verloren. Sie war stolz darauf, jeden, der wählen ging (…)  gleich zu behandeln. Ihr ging es um Fairness und Proporz. Er scherte sich um nichts davon. Ihm ging es nur darum zu gewinnen. 

Langeweile als Kulturgut 

Es sind kleine Szenen wie diese, die die bürgerliche Gleichförmigkeit, wie sie O’Nan hingebungsvoll gestaltet, als etwas Verteidigenswertes erscheinen lassen.

„Abendlied“ zeigt aber auch, wie substanzlos diese zu verteidigende Gesellschaft ist. Die Solidarität wird mit dem Club der Greisinnen sterben. Und dann bleibt nicht viel mehr als der nächste Truthahn zum nächsten Thanksgiving. 

Es ist nur ein paar Jahre her – doch „Abendlied“ scheint aus einer anderen Epoche zu stammen.  

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Jörg Magenau