Spontane Unordnung mit Konzept
Eva Rosenstiel steht in ihrem Atelier in St. Märgen und arrangiert verschiedene Stoffe auf dem Boden. Die 1951 in Hüfingen geborene Künstlerin malt Textilien – und das aus einem bestimmten Grund: „Ob die Stoffe über ein Bild von einem Markt aufgemalt sind. Ob ich sie geballt oder zerrissen male: sie haben eine ganz andere Aussage, obwohl es eigentlich immer ‚nur Stoffe‘ sind.“
Rosenstiel tüftelt an dem neuen Motiv, während sie ihren Schaffensprozess erklärt. „Eigentlich müssen die Stoffe wirklich wie ein Kuddelmuddel liegen, bevor ich sie male. Aber einzelne Teile müssen die Struktur noch korrekt zeigen, damit es einen Halt gibt im Bild.“
Was nach spontaner Unordnung aussieht, folgt also einem genauen Gefühl für das Gesamte. Es sollen Faltungen entstehen, betont die Künstlerin, damit es Höhen und Tiefen gebe, und sich Plastizität entwickle. Stoffe seien da ein dankbares Material, denn das Motiv müsse nicht glaubwürdig sein.
Vom Pariser Markt zur eigenen Formsprache
Die Beschäftigung mit dem Material begann in Paris, wohin Rosenstiel ursprünglich als Fotografin reiste. Dort entstand ein Foto des Marché d‘Aligre, das sie später als Untergrund für das das Werk „Place (acta)“ verwendete. Darüber malte sie großformatige Stoffformen in Öl. Dieser Markt sei ein magischer Anziehungspunkt für sie geworden.
Ich dachte immer: so wie er ist, ist das Leben. Man besucht ihn mit der Hoffnung, etwas zu verkaufen, es gibt all diese Abläufe auf dem Markt. Und dann ist wieder alles weg.
Die ursprüngliche Marktszene ist kaum mehr zu erkennen. Die Bewegungen der Menschen aber, sind ihr lebendig in Erinnerung geblieben: „Wenn die Leute in den Stoffen wühlten, ergab sich permanent ein anderes Bild. Man hätte das minütlich fotografieren können und es wäre immer eine andere Konstellation gewesen.“
Das Werk „Place (acta)“ entstand 2020 für eine Ausstellung in den Vereinigten Staaten, die pandemiebedingt jedoch nicht stattfinden konnte. „Diese Optik war für mich später bezeichnend für eine Zeit, in der ich das Gefühl hatte, mir zerreißt das Leben. Das spiegelt sich jetzt im Bild, dieses Zerrissenwerden“, sagt die Künstlerin.
Textilkunst als „Frauenkunst“?
Die Sinnlichkeit dieses Materials fasziniert Rosenstiel schon lange: als Knäuel, als Fetzen, mal monochrom, mal knallbunt. Doch sie scheute sich, Textilien offen ins Zentrum ihrer Kunst zu rücken, aus Sorge, sie könne als „Frauenkunst“ abgestempelt werden.
Dennoch fragte sie sich, warum gerade dieses Material sie so fesselte. Die Antwort fand sie bei ihren Wurzeln: Denn Rosenstiels Großeltern führten in Hüfingen ein Textilgeschäft. Sie wuchs in einer der Wohnungen über dem Laden auf – zwischen Kurzwaren und Stoffballen.
Familienaufstellung in Farbe und Stoff
Herkunft ist ein zentrales Thema in Rosenstiels Werk. Für ein textiles Familienporträt verarbeitete sie beispielsweise das Hochzeitskleid ihrer Ururgroßmutter. In einer anderen Serie zeigt sie eine gemalte Familienaufstellung aus zwölf Porträts. Die Gesichter sind dabei teils verhüllt.
Der Betrachter fragt sich: Sollen die Porträtierten einen nicht anschauen? Oder wird hier etwas verhüllt, was zu persönlich ist? „Durch Hüllen schützen wir unsere Körper, nicht nur optisch vor fremden Blicke. Es ist auch ein Schutz, der wärmt. Wenn ich die Gesichter bedecke, dann schütze ich sie“, erklärt Rosenstiel.
Die Arbeit wird für Rosenstiel selbst zu einem Prozess der Auseinandersetzung – und manchmal der Annäherung. Beispielsweise an die Beziehung zu einem unberechenbaren Vater. „In diesem Prozess kann auch so etwas wie Versöhnung entstehen.“
Wenn Vergangenes unter Spitzenstoffen weiterlebt
Erinnern und loslassen, verbergen und enthüllen – Rosenstiel spielt in ihren Bilder immer mit verschiedenen Ebenen. In der Serie „Verhimmelung“ verwandelt sie schließlich gemalte Stoffe in Wolken. Dafür nimmt sie frühere Gemälde, die sie nicht für wertig genug hält, aufbewahrt zu werden, und übermalt sie mit Stoffwolken vor Himmeln.
„Ich fand es passend, dass man alte Arbeiten in den Himmel auflöst“, sagt sie. Auf diese Weise hat sie den ursprünglichen Bildern eine zweite Chance gegeben.
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